DEVK-Chef Gottfried Rüßmann„Wir sind in die Zange genommen worden“

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Zentrale der DEVK am Kölner Zoo. Im Vordergrund: Dieses Parkhaus könnte einem Hochhaus-Neubau der Versicherung weichen.

Zentrale der DEVK am Kölner Zoo. Im Vordergrund: Dieses Parkhaus könnte einem Hochhaus-Neubau der Versicherung weichen.

Der Chef der DEVK Versicherungen erklärt, warum Autoversicherungen teurer werden, freut sich über ein besseres Geschäftsjahr und erklärt Hochhauspläne für Köln.

Im November verschicken Autoversicherer die Tarife für das kommende Jahr. Bei mir gab es eine Preissteigerung von 20 Prozent, ohne einen Schaden gehabt zu haben. Was ist denn da los in der Branche?

Die Inflationsraten, die wir in unserem Gewerbe gesehen haben, sind ganz andere als in anderen Bereichen. Zwei Beispiele: Ein Geschädigter musste einen Mietwagen anmieten für einen Monat, da wurden 12.000 Euro aufgerufen von der Mietwagenfirma. In einer Werkstatt in der Nähe von Stuttgart waren es 435 Euro für eine Arbeitsstunde im Karosseriebau – von jemand, der das Gewerk nur weiter vermittelt an jemanden, der das für 80 Euro die Stunde macht. Und so etwas trifft das Kollektiv der Versicherten und damit auch die, die keinen Schaden hatten.

Die Kfz-Versicherungstarife steigen also tatsächlich im zweistelligen Prozentbereich?

Das ist marktweit so und auch bei uns.


Zur Person

Gottfried Rüßmann ist Chef der DEVK, einer der größten Versicherungen in Deutschland. Das Unternehmen beschäftigt etwa 2200 Menschen und hat seinen Stammsitz in Köln-Riehl, direkt neben dem Kölner Zoo. Ab Mitte kommenden Jahres wird die Zentrale saniert, außerdem will die Versicherung ein Hochhaus neben die Zentrale bauen. Vor allem die gewünschte Höhe von 145 Metern ist umstritten. Im Jahr 2022 war Gewinn der DEVK von über 90 auf 35 Millionen Euro geschrumpft.

Das Gespräch

Das Interview ist eine redaktionell überarbeitete und gekürzte Fassung einer Ausgabe von „ekonomy mit K“, dem Wirtschafts-Podcast des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Sie können ihn auf allen gängigen Podcast-Plattformen abrufen oder unter: ksta.de/podcast

Sollte der Podcast nicht angezeigt werden, können Sie ihn hier direkt aufrufen.


Der Chef eines großen Konkurrenten hat zuletzt gesagt, der Kfz-Markt sei „brachial“. Was heißt das?

Wir haben eine sehr große Wettbewerbsintensität, gerade zum Jahresende. Und wenn es dann solche Preisbewegungen gibt, ist der Wettbewerb um Verträge enorm. Denn die Kfz-Versicherung ist immer noch die Einstiegssparte und hat große Bedeutung bei der Gewinnung von neuen Kunden auch für andere Versicherungen.

Wir rechnen in diesem Jahr damit, dass wir für jeden Euro, den wir einnehmen, 1,15 Euro ausgeben
DEVK-Chef Gottfried Rüßmann zum schwierigen Kfz-Versicherungsgeschäft

Minus 57 Millionen Euro stand bei Ihnen im Jahr 2022 beim „versicherungstechnischen Ergebnis“ in der Kraftfahrzeugversicherung. Was unternehmen Sie dagegen?

Über die Preiserhöhung hinaus versuchen wir die Kunden in unsere Partnerwerkstätten zu bekommen, mit denen wir Vereinbarungen haben. Auch diese Verhandlungen werden immer schwieriger, denn in bestimmten Regionen in Deutschland gibt es auch noch eine unheimliche Konzentration von Werkstätten. Es ist schon ein heißer Tanz. Wir rechnen in diesem Jahr damit, dass wir für jeden Euro, den wir einnehmen, 1,15 Euro ausgeben.

Muss es nicht eine Konzentration auf der Anbieterseite geben, um diesem Problem Herr zu werden? Also: Gibt es zu viele Autoversicherer?

Nein, das glaube ich nicht. Man kann als Kunde schon ein vernünftiges Angebot bekommen in dem Wechselgeschäft. Wir haben 150.000 Kunden gewinnen können.

Für mich als Versicherungsnehmer wäre das ja noch verkraftbar, wenn es die einzige Versicherung wäre, die teurer wird. Aber bei der Wohngebäudeversicherung sehen wir ähnliche Steigerungen. Halten sich Kundinnen und Kunden grundsätzlich zurück beim Versicherungsabschluss wegen dieser Preisentwicklung und der generellen Inflation?

Das kann ich bei uns nicht feststellen – und um eine Wohngebäudeversicherung werden sie auch nicht drumherum kommen. Man aber auch nicht berechnen, was gewesen wäre, wenn die Inflation nicht wäre. Mit einem vernünftigen Kundenservice kann man nach wie vor beim Kunden reüssieren.

Naturkatastrophen nehmen an Stärke zu und sie gibt es häufiger
DEVK-Chef Gottfried Rüßmann

Die Flutkatastrophe an der Ahr, an der Erft und in der Region vor zwei Jahren hat die DEVK stark belastet. Nehmen solche Ereignisse zu, die sie besonders treffen?

Naturkatastrophen nehmen an Stärke zu und sie gibt es häufiger. Und als Rückversicherer sind wir auch international aktiv, sodass auch ein Hurrikan in Acapulco uns betrifft – wenn auch nur zu einem kleinen Teil.

Geht diese Spirale so weiter?

Das sehe ich so, die wird nicht mehr zu stoppen sein. Und dann stellt sich am Ende des Tages die Frage, ist das noch versicherbar? Am Ende muss es vielleicht auch staatliche Fondslösungen geben.

Gibt es jetzt schon Risiken, bei denen Sie sagen, das Risiko gehen wir nicht mehr mit?

Auf jeden Fall. Da ist vielleicht die Türkei zu erwähnen nach den großen Erdbeben. Da wird es langsam unversicherbar. Und wenn wir als Rückversicherer nicht mehr in der Lage sind, das mitzudecken, werden sich auch die Erstversicherer zurückziehen müssen.

Sie haben zuletzt höhere laufende Verzinsungen von bis zu drei Prozent für ihre Lebensversicherungen angekündigt, die damit wieder nahe der erwarteten Inflationsrate liegen werden. In den vergangenen Jahren ging Kunden real allerdings einiges verloren – die Verzinsung war deutlich niedriger als die Preissteigerung. Ist die Lebensversicherung überholt?

Spargelder waren in den vergangenen Jahren stark in Fonds und fondsgebundene Produkte gegangen. Mit zunehmendem Zins wird aber der Sicherheitsaspekt wieder zunehmen. Die Lebensversicherung kommt wieder – in einem gewissen Rahmen für Menschen, die sicherheitsorientiert anlegen wollen.

Im Jahr 2022 war der Überschuss der DEVK Versicherungen drastisch zurückgegangen, von über 90 auf 35 Millionen Euro. Wie steht es um das Unternehmen?

Die Lage war letztes Jahr sehr schwierig, das muss man deutlich sagen. Wir sind an mehreren Stellen in die Zange genommen worden. Erstens waren die Kapitalmärkte schwach, die Aktienmärkte waren schwach. Die Zinsen waren sehr niedrig und gleichzeitig hatten wir die enormen Anstiege in der Versicherungstechnik zu verarbeiten und das hat uns 2022 mächtig gefordert. Der Jahresüberschuss kam im Wesentlichen aus Kapitalanlagen – und zwar nicht den Standardanlagen, sondern aus Private Equity, also etwa Direktinvestitionen in Unternehmen. Dieses Jahr hoffe ich, dass wir ein deutlich positiveres Signal werden aussenden können.

Was lässt sich optimistischer auf das laufende Jahr blicken?

Die Schadenregulierung in der Kfz-Versicherung ist nach wie vor nicht gut. Aber in den anderen Sparten war es relativ ruhig. Die Witterungsereignisse, die wir in Deutschland hatten, waren nicht so groß, dass sie das gesamte Portfolio getroffen hätten. Insofern ist die Versicherungstechnik auf jeden Fall im Plus. Und die Kapitalanlageergebnisse sind deutlich gestiegen gegenüber dem Vorjahr.

Wenn das Jahr 2022 schwierig war, hatten sie auch mit Personalabbau oder Sparprogrammen reagiert?

Unsere Personalentwicklungen sind mittel- und langfristig ausgerichtet und nicht an einzelnen Geschäftsjahren. Wir haben keinen Aktionäre zu dienen, sondern sind ein Verein. Wir haben keinen Renditedruck, der uns unmittelbar in Hektik versetzt. Aber wir automatisieren unser Geschäftsmodell, wir digitalisieren es. Das hat auch Auswirkungen auf Arbeitsplätze etwa durch die automatische Verarbeitung von Versicherungsanträgen.

Wir werden in diesen Turm entgegen manchen Gerüchten wahrscheinlich zunächst mal gar nicht einziehen. Geschweige denn noch, dass der Vorstand in die oberste Etage einzieht
DEVK-Chef Gottfried Rüßmann über das geplante Hochhaus in Köln-Riehl

Im vergangenen Jahr hatte ihr Unternehmen für Wirbel in Köln gesorgt, als sie mit einem Wegzug nach Monheim gedroht hatten. Sie hatten kein Entgegenkommen der Stadt gesehen bei Ihren Plänen, ein 145-Meter-Hochhaus direkt neben der Konzernzentrale am Kölner Zoo zu errichten. Da gehen bei Politikern die Alarmglocken an, dass man den Dom nicht mehr sehen können …

… obwohl keine 400 Meter weiter ein Hochhaus mit fast 150 Metern steht, auf dem auch eine Versicherungsgesellschaft oben drauf steht …

… Sie sprechen vom Axa-Hochhaus …

… und es gäbe auch keine betroffene Sichtachse zum Dom. Und wir haben sogar gemessen, ob die Erdmännchen im Zoo Schatten bekommen, was nicht der Fall wäre. Wir glauben, dass es ein geeigneter Standort für das Hochhaus ist. Wir haben zuletzt auch sehr viel Zuspruch aus der Politik erhalten.

Dann können Sie es ja jetzt sagen: ‚Wir bleiben auf jeden Fall in Köln.‘

Wir werden ja unser eigentliches Gebäude, unser Stammgebäude sanieren. Die Bauarbeiten beginnen im dritten Quartal nächstes Jahr. Und um die Belastung für die Belegschaft einfach einzuschränken und möglichst gering zu halten, haben wir uns in Köln nach einem Ausweichquartier umgesehen und haben auch eins gefunden.

Das ist an der Kölnmesse – in dem Gebäude, in dem auch RTL und die HDI Versicherungen sitzen, haben Sie 14000 Quadratmeter angemietet. Das zeigt ja auch, dass die HDI-Versicherung eigentlich nicht so viel Platzbedarf hat. Sie planen aber dennoch das Zurückziehen in die derzeitige Zentrale plus dann noch den Hochhausbau. Wie passt das denn in Zeiten von Homeoffice eigentlich zusammen?

Sie haben völlig recht. Die sanierte Zentrale würde für unseren heutigen Platzbedarf auch ausreichen. Wir glauben aber an den Kölner Immobilienstandort. Mit niedrigen Leerständen und wenig attraktiven freien Flächen für die Ansiedlung neuen Gewerbes. Und wir sind sehr zuversichtlich, dass man ein solches Objekt in Köln auch gut vermarkten und vermieten könnte. Es ist also mehr eine Frage der Kapitalanlage als eine Frage der Büroorganisation. Wir werden in diesen Turm entgegen manchen Gerüchten wahrscheinlich zunächst mal gar nicht einziehen. Geschweige denn noch, dass der Vorstand in die oberste Etage einzieht. Da wollen wir gar nicht hin.

Was haben Sie denn vor?

Da wollen wir lieber ein attraktives Gastronomieprojekt realisieren. Und damit auch eine schöne, neue und attraktive Location in der Stadt schaffen. Also wir sehen diesen Turm eher als Kapitalanlagemöglichkeit.

Wenn es hauptsächlich um die Kapitalanlage geht, warum gehen sie dann den ganzen Ärger mit der Stadt ein? Sie könnten ja auch in anderen Städten bauen oder einer anderen Lage.

Wir haben ein europaweites Immobilienportfolio, von Malmö bis Mailand, in London und Paris. Wir glauben, dass auch Köln ein lukrativer Standort ist. Wenn Sie Gewerbeansiedlung in Köln betreiben wollen, mit attraktiven Firmen, dann brauchen Sie Flächen. Und wir würden gerne einen Beitrag zu Büroflächen leisten.

Der Architekturwettbewerb läuft, es gibt ein Vorverfahren, das bis Weihnachten abgeschlossen sein soll. Können Sie schon mal einen Einblick geben?

Gar nicht, ich warte auch gespannt auf zunächst 16 Entwürfe – und kenne derzeit noch keinen.

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