Die Wut auf Putin scheint in Russland zu wachsen. Mit Ilja Remeslo wendet sich nun ein bislang glühender Unterstützer gegen den Kremlchef.
Loyalist wendet sich gegen KremlEine „beispiellose“ Anti-Putin-Tirade erschüttert Russland

Die Kritik an Kremlchef Wladimir Putin wird in Russland zuletzt immer lauter. (Archivbild)
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Der Ton in Russland wird rauer: Nachdem die Ukraine die russische Hauptstadt Moskau zu Wochenbeginn gleich an vier Tagen hintereinander mit Drohnen attackiert und die russische Regierung massive Internetsperren verhängt hat, rumort es in Russland. Während die Kritik zu Wochenbeginn noch in eher unbedeutenden Telegram-Kanälen geäußert wurde, hat sich nun mit Ilja Remeslo einer der zuverlässigsten Kreml-Loyalisten offen gegen Putin und seine Regierung gestellt.
Jahrelang sei Remeslo ein „zuverlässiger Kreml-Anhänger, der gegen Kritiker des Regimes vorging und unabhängige Journalisten, Blogger und Oppositionspolitiker verleumdete“ gewesen, ordnete der britische „Guardian“ die Rolle Remeslos treffend ein.
Aufregung in Russland: Putin-Loyalist wendet sich gegen Kremlchef
Jetzt wendet sich der 42-jährige Jurist mit deutlichen Worten gegen den mächtigsten Mann in Russland. In seinem Telegram-Kanal, dem rund 90.000 Nutzer folgen, veröffentlichte Remeslo am Dienstag ein Manifest mit dem Titel: „Fünf Gründe, warum ich Wladimir Putin nicht mehr unterstütze“.
Darin beschuldigt er den „illegitimen“ russischen Präsidenten, einen „aussichtslosen Krieg“ in der Ukraine zu führen, der Millionen von Opfern gefordert und die Wirtschaft ruiniert habe. Zudem verdeutliche Putins mehr als zwei Jahrzehnte währende Herrschaft, wie „absolute Macht korrumpiert“, schrieb Remeslo weiter und forderte den Kremlchef schließlich offen zum Rücktritt auf.
„Putin sollte als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden“
In der russischen Kriegsblogger-Szene schlug der Beitrag ein wie ein Erdbeben – wie es sein könne, dass so ein loyaler Kreml-Unterstützer sich plötzlich gegen Putin wende, fragten sich viele. Auch Zweifel an der Echtheit des Telegram-Beitrags wurden laut.
Remeslo bekräftigte seine Aussagen nun jedoch im Gespräch mit dem „Guardian“. Kremlchef Putin „sollte zurücktreten und als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden“, sagte der Jurist der britischen Zeitung in einem Telefoninterview.
Ilja Remeslo lässt kein gutes Haar an Wladimir Putin
„Sein personalisiertes, korruptes System ist zum Zusammenbruch verurteilt, wie wir jetzt im Krieg in der Ukraine und anderswo sehen“, fügte Remeslo an und ließ kein gutes Haar an der russischen Armee und dem Feldzug in der Ukraine. „Die Armee rückt in der Ukraine nicht vor, und der Krieg führt zu nichts. Es gibt massive Verluste. Wir kämpfen um winzige Gebiete, die Russland letztlich nichts bringen werden.“
Auch für Putins Wirtschaftspolitik und die jüngsten Bestrebungen der russischen Regierung, das Internet und insbesondere die Messenger-App Telegram einzuschränken, fand Remeslo deutliche Worte. „Dieser Mann hat alles zerstört, was er in die Finger bekam. Das Land zerfällt buchstäblich“, erklärte der bisher als Loyalist bekannte Remeslo mit Blick auf das Wirken Putins.
Tirade sorgt für Verwunderung: „Das ist wirklich beispiellos“
Offene Kritik hat es in Russland bisher vorwiegend von eher unbedeutenden Kriegsbloggern gegeben – und sie richtete sich meistens direkt gegen die Armeeführung und nicht gegen Putin. Remeslos Tirade zeigt daher große Wirkung. Ivan Phillippov, ein Wissenschaftler, der die russische Pro-Kriegs-Bewegung analysiert, zeigte sich im Gespräch mit dem „Guardian“ erstaunt. „Das ist wirklich beispiellos. Ich kann mir noch keinen Reim darauf machen“, sagte der Forscher.
Der plötzliche Sinneswandel des bisher als Kreml-Unterstützer bekannten Juristen löste sofort wilde Spekulationen aus: Es könne sich um eine Art politische Intrige des Kremls handeln – eine inszenierte Provokation, um potenzielle Unterstützer zu identifizieren, vermuteten manche.
Remeslo bekräftigt Kritik an Putin: „Ich sage nur die Wahrheit“
Im Gespräch mit dem „Guardian“ wies Remeslo diesen Verdacht nun zurück. „Nichts davon ist inszeniert. Ich sage nur die Wahrheit.“ Die Entscheidung, sich gegen den Kreml zu wenden, sei langsam in ihm gereift, hieß es weiter. „Putin gehört nicht mehr zu uns. Seine Interessen sind Russland und mir vollkommen fremd. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es möglich und notwendig ist, ihn zu kritisieren, denn sonst hört das alles nicht auf und es kommt nichts Gutes dabei heraus.“
Auch im Lager des getöteten Kremlkritikers Alexej Nawalny herrscht große Verwunderung – Remeslo war früher einer der schärfsten Gegner Nawalnys. „Er hat Dinge geschrieben und gesagt, die man einfach nicht aussprechen kann“, erklärte jetzt Leonid Wolkow, einer der engsten Verbündeten Nawalnys, auf der Plattform X. „Menschen sitzen für weit weniger im Gefängnis. Das öffnet eine sehr gefährliche Büchse der Pandora. Es überschreitet jede rote Linie“, hieß es weiter.
Restzweifel bleiben aber auch bei Wolkow: „Es ist schwer zu glauben, dass dies ein Akt persönlichen Mutes oder persönlicher Initiative war“, schrieb der Nawalny-Gefährte. Dennoch zeige die Tirade, dass sich die Probleme in Russland nicht mehr verbergen lassen. Es sei aber „noch zu früh, um pauschal zu sagen, dass das System die Kontrolle verliert“, fügte Wolkow hinzu.
Remeslo rechnet mit Konsequenzen: „Ich bin bereit für jeden Prozess“
Remeslo behauptet unterdessen, dass er sich absolut im Klaren darüber sei, für seine Äußerungen strafrechtlich verfolgt werden zu können. Die russischen Behörden gingen in der Vergangenheit rücksichtslos gegen interne Kritiker vor, selbst gegen prominente Nationalisten. Sie verhängten eine lange Haftstrafe gegen Igor Girkin, einen bekannten ehemaligen Separatistenkommandanten und scharfen Putin-Kritiker, und verfolgten seine Verbündeten.
Moskau soll auch hinter dem Tod von Jewgeni Prigoschin stecken, dem Söldnerführer, der eine kurzlebige Meuterei gegen die Behörden anzettelte und später bei einem Flugzeugabsturz unter ungeklärten Umständen ums Leben kam.
„Ich bin bereit für jeden Prozess“, bekräftigte Remeslo nun. „Es ist an der Zeit, diesen Teufelskreis zu durchbrechen und meine Stimme zu erheben. Ich trage eine gewisse Verantwortung als jemand, der dieses Regime lange unterstützt und ihm zum Überleben verholfen hat.“
Kremlkritiker Michail Chodorkowski zeigt sich erstaunt
Auch Kremlkritiker wie Michail Chodorkowski melden sich angesichts der viel beachteten Tirade zu Wort. „Meiner Ansicht nach gibt es drei Möglichkeiten, Remeslos plötzlichen Haltungswechsel zu deuten“, schrieb Chodorkowski. „Echte Ernüchterung“ sei eine davon.
„Eine weitere Möglichkeit ist, dass es ein strategischer Schachzug ist“, führte der frühere Oligarch aus. Angesichts der bevorstehenden Parlamentswahlen könne ein „kontrollierter ‚Kritiker‘ dem Regime auf eine Weise nützlich sein, wie es ein dogmatischer und blinder Anhänger nicht kann“, hieß es weiter.
Die dritte Möglichkeit sei, dass Putins Unterstützerbasis schlichtweg „zerfällt“ und verschiedene Gruppierungen inzwischen die Grenzen austesten wollen, um herauszufinden, wie weit die Kritiker gehen können. Remeslo sei aufgrund seiner früheren loyalen Putin-Unterstützung sicher nun „kein Held“, führte Chodorkowski aus, fügte jedoch hinzu: „Wenn die eigenen Kampfhunde des Regimes sich gegen ihre Führer wenden, ist das etwas, dem man Beachtung schenken sollte.“

