Kommentar

Can Dündar nach dem CSD-Anschlag
Homophie als zentraler Teil von Politik

5 min
Trauernde nach dem CSD-Anchlag vom 25. Juli am Brandenburger Tor in Berlin. Im Vordergrund ist eine große Regenbogen-Flagge zu sehen, das Symbol der Queer-Bewegung

Trauernde nach dem CSD-Anchlag vom 25. Juli am Brandenburger Tor in Berlin

Unser Kolumnist Can Dündar schildert die Auswüchse einer homophoben Politik in der Türkei und warnt nach dem CSD-Anschlag von Berlin vor doppelten Standards und einer heuchlerischen Politik.

Kürzlich wurde in der Türkei ein Gouverneur seines Amtes enthoben, weil er beim Radfahren Radlerhosen getragen hat. Kein Scherz! Die Kritik ging aus von einem Oppositionsabgeordneten der „sozialdemokratischen“ CHP. In einer Rede im Parlament zeigte er ein Foto des Gouverneurs von Ardahan, Fatih Çiçekli, auf dem dieser beim Radfahren zu sehen war, und sagte: „Es kann keinen Gouverneur geben, der in der Öffentlichkeit in Radlerhosen herumläuft. Ich rufe den Innenminister auf: Entweder entlassen Sie solche Gouverneure oder schicken Sie ihnen ein Feigenblatt.“

23.12.2020, Berlin: Can Dündar, der ehemalige Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhuriyet, lässt sich vor einem Interview mit der Associated Press fotografieren. Im Prozess gegen den im deutschen Exil lebenden Journalisten Can Dündar wurde am Mittwoch in der Türkei das Urteil gesprochen. Dündar ist in der Türkei zu 18 Jahren und neun Monaten Haft wegen Spionage und zu weiteren acht Jahren und neun Monaten wegen Terrorunterstützung verurteilt worden. Foto: Markus Schreiber/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Can Dündar

Der letzte Satz spielte darauf an, dass Radlerhosen die Körperkonturen betonen. Normalerweise schenkt die Regierung den Worten der Opposition keine Beachtung. Doch hier ging es um Männlichkeit, und in einer „konservativen“ Gesellschaft konnte kein Verantwortlicher gegenüber einem derart sensiblen Thema gleichgültig bleiben. Tatsächlich verlor der „Gouverneur in Radlerhosen“ umgehend durch ein (mitten in der Nacht erlassenes) Dekret Präsident Recep Tayyip Erdogans seinen Posten. Bei seinem Abgang verteidigte er sich mit einem einfachen Satz: „Sport treiben wir in Sportkleidung.“ In der patriarchalen Ideologie wird alles dämonisiert, was als Bedrohung der männlichen Vorherrschaft angesehen wird. Und leider steht Homosexualität an der Spitze dieser „Dämonen“.

Ein vertrauter Hass

Der IS-Anschlag während der Abschlussveranstaltungen des Berliner Christopher Street Day am Abend des 25. Juli zeigt erschreckend das Ausmaß, das diese Dämonisierung erreichen kann. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner (CDU), erklärte, der Anschlag habe die „freie und offene Gesellschaft“ zum Ziel gehabt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) diagnostizierte „islamistischen Terror“.

Für Menschen in Ländern wie der Türkei, die seit einem Vierteljahrhundert unter einem immer stärker werdenden religiös-fundamentalistischen Druck leben, ist dies leider ein vertrauter Hass. Und er beginnt nicht erst durch die Hand der Täter – er beginnt in den Worten derjenigen, die Verantwortung tragen. Wie Donald Trump, Wladimir Putin, Jair Bolsonaro und Viktor Orbán hat auch Erdoğan die Gegnerschaft zu queeren Menschen zu einem zentralen Element seiner Polarisierungspolitik gemacht. Homophobie wurde zu einem festen Bestandteil der staatlichen Rhetorik. Den Wahlkampf 2023 eröffnete er mit den Worten: „Die Familienstruktur dieses Volkes ist stark. Wir bringen keine LGBT hervor.“ Er beschuldigte die Oppositionsparteien, eine „Regenbogenallianz“ zu bilden, und bezeichnete Homosexuelle als „perverse Feinde der Menschheit“.

Symbol einer vermeintlich dekadenten westlichen Lebensweise

Der damalige Innenminister ging sogar noch weiter und sagte: „Zur LGBTI+-Bewegung gehört es auch, dass Tiere und Menschen heiraten.“ Pride-Paraden wurden verboten, Menschen, die trotzdem marschieren wollten, wurden von der Polizei misshandelt und festgenommen; unter dem Namen „Großes Familientreffen“ wurden LGBTIQ-feindliche Demonstrationen organisiert. Regenbogenfarbene Treppen wurden grau übermalt. Die Dreharbeiten zu einer TV-Serie wurden verboten, weil darin eine schwule Figur vorkam. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Eines sollte dabei nicht übersehen werden: Für radikale Islamisten ist Homosexualität weit mehr als eine religiös verbotene Sünde. Sie gilt ihnen zugleich als Symbol einer vermeintlich dekadenten westlichen Lebensweise. An diesem Punkt greifen verschiedene ideologische Elemente ineinander: die Ablehnung der Moderne, die Abwehr einer als „Verwestlichung“ verstandenen gesellschaftlichen Entwicklung, ein autoritäres Männlichkeitsbild und die Intoleranz gegenüber pluralen Lebensentwürfen. Die Debatte reicht daher weit über Fragen religiöser Moral hinaus – sie berührt grundlegende Konflikte um Identität, Macht und gesellschaftliche Ordnung.

Einsatz für die Rechte queerer Menschen

Seit dem Anschlag versuche ich, die Debatten in Deutschland zu verfolgen. Dabei begegnen mir immer wieder zwei gegensätzliche Positionen: Die eine beschuldigt die muslimische Gemeinschaft in Gänze, die andere nimmt sie ebenso pauschal in Schutz. Beide Sichtweisen greifen zu kurz. Fangen wir mit dem ersten an: Jeder, der die Nuancen der islamischen Welt kennt, weiß, dass Muslimsein nicht zwangsläufig Homophobie bedeutet. Trotz der Hasspropaganda radikal-islamischer Organisationen, trotz der von ihnen geschürten Angst und der Versuche, gesellschaftliche Verbote durchzusetzen, gibt es in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften sowohl zahlreiche LGBTIQ-Menschen als auch Initiativen, die sich für ihre Rechte einsetzen.

Wer diese Realität mit pauschalen Urteilen ausblendet, verfehlt nicht nur die Komplexität des Themas. Er riskiert auch, jene gläubigen Menschen zu entfremden, die Homosexuellen nicht feindlich gegenüberstehen, und stärkt damit ausgerechnet die fundamentalistischen Kräfte, die er zurückdrängen will. Mit „fundamentalistischen Kräften“ sind dabei nicht allein politische Islamisten gemeint, sondern jede Form ideologisch motivierter Undifferenziertheit und Ausgrenzung.

Zwei autoritäre Denkweisen treffen zusammen

Gerade beim Thema Homophobie zeigt sich, dass die Sprache der IS-Repräsentanten auffällige Parallelen zu der populistischer Führungspersönlichkeiten weltweit aufweist. Hier treffen zwei autoritäre Denkweisen zusammen. Ist es nicht offensichtlich, dass sich fundamentalistischer Islam und die extreme Rechte – so gegensätzlich sie sich auch gegenüberstehen mögen – in bestimmten Fragen erstaunlich nahekommen? Etwa in ihrer Ablehnung von Schwulenrechten, Multikulturalismus, sexueller Vielfalt, feministischen Bewegungen, Meinungsfreiheit und den Grundprinzipien einer offenen Demokratie.

Gibt es wirklich einen großen Unterschied zwischen der Einschränkung des Freiheitsraums im Namen der Religion und seiner Einschränkung im Namen der Familie? Die richtige Haltung wäre wohl, Freiheit und Sicherheit gleichermaßen zu gewährleisten, ohne eine Gruppe kategorisch zu beschuldigen. Gelingt das nicht, besteht die Gefahr, beides zugleich zu verlieren.

Viele kritische Stimmen verstummen

So wenig überzeugend die pauschale Verurteilung aller Muslime ist, so wenig überzeugt auch ihre pauschale Verteidigung. Der Einsatz gegen Muslimfeindlichkeit sowie für Religions- und Meinungsfreiheit ist wichtig und unverzichtbar. Den politischen Ansatz jedoch, islamische Organisationen, die Feindseligkeit fördern, sowie Imame, die in ihren Predigten Hass verbreiten, mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren, halte ich für einen selbstzerstörerischen Weg. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass der Fundamentalismus, gegen den wir in der Türkei jahrzehntelang erbittert angekämpft haben, in Europa hinter dem Schutzschild der Religionsfreiheit seinen Aktivitäten nachgehen kann.

Die Sorge, mit einer solchen Aussage, dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet zu werden, führt dazu, dass viele kritische Stimmen verstummen. Doch Religionsfreiheit und religiösen Zwang nicht voneinander zu unterscheiden, schafft weitaus größere Probleme. Wer an eine freiheitliche Demokratie glaubt, muss ihren Feinden – ob radikale Islamisten oder Rechtsextreme – mit derselben prinzipiellen Entschlossenheit entgegentreten.

Und schließlich muss ich noch von einer heuchlerischen Politik sprechen: Wer diejenigen scharf verurteilt, die die „freie und offene Gesellschaft“ angreifen, zugleich aber Staatsmännern den roten Teppich ausrollt, die diese Werte ablehnen oder ihre Gegner unterstützen, riskiert eine Glaubwürdigkeitskrise. Solange politische Interessen über die Politik der Prinzipien gestellt werden, wird es schwer sein, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass wir tatsächlich auf der richtigen Seite stehen – auf der Seite des Guten gegen das Böse.

Aus dem Türkischen übersetzt von Lale Akgün.