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Kommentar zur Lage in DeutschlandGute Stimmung stellt sich nicht auf Kommando ein

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Bundestag

Das Reichstagsgebäude in Berlin

Köln – Die Lage ist gut, die Stimmung bescheiden. So lässt sich eine Umfrage zusammenfassen, in der das Hamburger Ipsos-Institut aus gegebenem Anlass – dem Jahreswechsel – die Deutschen nach Hoffnungen und Ängsten für die Zukunft befragte. Zwar brummt die Wirtschaft wie lange nicht mehr, die Pro-Kopf-Verschuldung wie die Arbeitslosenzahlen sinken, Köln hat eine weitgehend friedliche Silvesternacht erlebt, und irgendwann bekommen wir auch wieder eine Regierung, ganz sicher. Dennoch: Selbst junge Deutsche sorgen sich vor sozialer Not, Flüchtlingen und Kriminalität. Die Industrie kommt vor lauter Aufträgen fast aus der Puste, aber Deutschland bläst Trübsal. Das ist mehr als befremdlich.

Vielleicht schlägt sich in solchen Umfrageergebnissen ja auch ein Lebensgefühl nieder, das bereits sehr viel länger andauert. Der sogenannte Wutbürger macht der etablierten Politik das Leben schwer, ja, er hat die Republik verändert, denn sein notorischer Pessimismus richtet sich beileibe nicht nur gegen Bauprojekte wie Stuttgart 21. Für das gehäufte Auftreten der Miesepeter liefern die Forscher David Blanchflower und Andrew Oswald vom amerikanischen „National Bureau of Economic Research“ eine ungewöhnliche, aber originelle Erklärung: Es ist nicht die Unübersichtlichkeit der Globalisierung, die viele Zeitgenossen in Angst und Schrecken versetzt, es sind nicht die Einpeitscher und Fanatiker in Nordkorea und Nahost, die Visionen von einem neuen Weltkrieg wecken. Es ist vielmehr das Leben selbst, das wie ein U verläuft. Ein U mit einem tiefen Tal in der Mitte.

Große Niedergeschlagenheit mit Anfang Fünfzig

Zwischen optimistischer Jugend und altersmildem Lebensabend erwischt den Menschen nach dieser Theorie mit Anfang Fünfzig die große Niedergeschlagenheit. Die Karrierechancen gehen zur Neige, die großen Projekte wie die Gründung einer Familie sind längst abgeschlossen, und mancher sieht bereits mit Grausen der Rente entgegen. Zur Epidemie wird dieses Stimmungstief, wenn es sehr viele Mittfünfziger gibt – was bei uns dank der geburtenstarken Jahrgänge in den 60er Jahren der Fall ist.

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Man muss diesem Erklärungsversuch nicht zustimmen, um allerdings eins zu erkennen: Wenn man schon so erwachsen ist wie die in die Jahre gekommenen Babyboomer, sollte man auch selbst die Verantwortung für sein Leben übernehmen – was nicht allein für die 50-Jährigen gilt. Die Leidenserwartung, wie sie die aktuelle Umfrage festhält, könnte ihren Grund nämlich auch in einer fatalen Haltung innerer Unbeweglichkeit haben. Alle anderen sind schuld, wenn es mit der Welt und Deutschland bergab geht: Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik, die Manager mit ihrer Habgier, die Medien mit ihrer Besserwisserei. Aus dieser Perspektive ergibt sich eine Opfermentalität, die risikoreich ist für eine Demokratie – nicht bloß, weil man ständig auf der Suche nach einem Sündenbock für die eigene Misere ist.

Die Grundpfeiler der Demokratie wahren

Demokratie setzt voraus, dass wir an ihr teilhaben können, dass wir uns verstanden und vertreten fühlen, und dass wir das Recht zum Widerspruch haben. Partizipation, Repräsentation, Opposition, das sind ihre Grundpfeiler, doch der Politikwissenschafter Robert Dahl will sie in seinen Gedanken zur Demokratie noch auf etwas Weiteres gestützt wissen – den aufgeklärten Bürger. Ganz im Sinne von Kant, der die Aufklärung als Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit definierte.

Gute Stimmung stellt sich nicht auf Kommando ein, man kann sie nicht verordnen oder verlangen. Was man aber schon von einem jeden fordern kann, der die Segnungen der Demokratie genießt, ist Eigenverantwortung, die „Zumutung“, den eigenen Kopf zu benutzen. Das wäre doch ein schöner Vorsatz für das gerade begonnene, neue Jahr.

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