Sie bauen Straßen, erhöhen Kita-Gebühren und streiten sich mit ihrer Verwaltung. Was passiert, wenn die Alternative für Deutschland regiert? Diese sieben Beispiele aus Ostdeutschland zeigen, wie sich die Partei schlägt, wenn sie Verantwortung trägt.
Hier regiert sie schonWas Bürgermeister der AfD ändern – und was nicht

AfD-Bürgermeister André Barth (hinten links), Tim Lochner (vorn links), Rolf Weigand (Mitte links), Arne Raue (Mitte vorn), Laurens Nothdurft (rechts daneben) und Hannes Loth (ganz rechts) sowie AfD-Landrat Sesselmann (hinten mit Mikro).
Copyright: P.M. Hoffmann
Es gibt eine neue Macht im Osten. Die Unterstützer der AfD würden das mit dem Brustton der Überzeugung bekräftigen, ihre Gegner zumindest nicht mehr allzu laut bestreiten. Als zuletzt im sächsischen Altenberg wieder ein AfD-Politiker zum Bürgermeister gewählt wurde, blieb der Aufschrei aus. Viele scheinen sich daran gewöhnt zu haben, dass die AfD nun mitbestimmt.
Auf Bundes- und Landesebene versuchen die anderen Parteien mit immer größeren Kraftanstrengungen, die in Teilen rechtsextreme Partei von der Regierung fernzuhalten. Nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte das kaum mehr möglich sein.
Allein schon deshalb lohnt ein Blick dorthin, wo die AfD bereits regiert: in einem Landratsamt und fünf Rathäusern. Was hat sich vor Ort geändert? Unsere Autoren haben mit Stadträten gesprochen, mit Mitarbeitern der Verwaltung – und mit den Amtsträgern selbst. Vorausgesetzt, sie wollten Fragen beantworten.
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Vielerorts sind die Männer von der AfD mit großen Versprechen angetreten, deren Umsetzung nicht immer in ihrer Macht steht. Manchmal zieht mit ihnen das Misstrauen ins Rathaus ein. In Zukunft aber werden sie für ihre Partei womöglich noch sehr wichtig: Mitunter könnten sie die AfD vor einem Verbot schützen.
Pirna (Sachsen): Mülleimer aufgestellt, Flagge abgehängt
Nach seinem Wahlsieg im Dezember 2023 kündigte Tim Lochner an, als Erstes die Loyalität seiner Mitarbeiter prüfen zu wollen. Dazu kam es nicht. Warm wurde der von der AfD nominierte Oberbürgermeister mit der Stadtverwaltung trotzdem nie. Dort ist von „Passivität“ und „mangelhafter Führungsqualität“ die Rede. Langjährige Mitarbeiter kündigten: der Stadtsprecher, die Kämmerin und Teile der Abteilung, die Sitzungen des Stadtrats vorbereiteten.
Dort dominieren Parteien, die den parteilosen Lochner im Wahlkampf unterstützt haben und die Zusammenarbeit mit ihm loben: AfD und Freie Wähler (FW). Nach zwei Jahren im Amt hat Lochner mehr Mülleimer aufgestellt und sich für die kostenlose Nutzung öffentlicher Toiletten eingesetzt. Betreiber von E-Ladesäulen sollen öffentliche Parkplätze nicht mehr umsonst nutzen dürfen.
Stadtratsmitglieder anderer Fraktionen bemängeln, Lochner werde seiner Rolle als Verwaltungschef nicht gerecht: Beim Verkehrsentwicklungsplan stimmte er mit AfD und FW gegen die Vorlage seiner eigenen Verwaltung, was das Landratsamt als rechtswidrig zurückwies. Lochner musste die Entscheidung korrigieren.
Bei gesellschaftspolitischen Themen betont er gern, ein Oberbürgermeister müsse neutral bleiben: Zum CSD weht am Rathaus nicht mehr die Regenbogenflagge. Für die Feierlichkeiten zum Jubiläum des Grundgesetzes verweigerte er den Ratssaal.
Kürzlich stimmten AfD und FW dafür, Gelder für Demokratie-Projekte der „Aktion Zivilcourage“ zu streichen. Der Oberbürgermeister enthielt sich. Damit erreichte der Antrag die erforderliche Mehrheit. Auch dieser Beschluss gilt als rechtswidrig: Vereine müssen gleichberechtigt behandelt werden. Schriftlich gestellte Fragen dazu möchte Lochner vorerst nicht beantworten.
Sonneberg (Thüringen): Klage auf gutes Image
Die Wahlversprechen, die im Frühjahr 2023 auf Robert Sesselmanns Plakaten in Südthüringen zu lesen waren, konnte er von vornherein nicht halten: „Grenzen schließen“, „Frauen vor dem Islam schützen“, „Rundfunkbeiträge abschaffen“. Die Grenzen, der Rundfunkstaatsvertrag, die Polizei – über diese Themen entscheiden Bundes- oder Landesregierungen, kein Landrat.
Seit der bundesweit erste AfD-Landrat im Amt ist, hat er dagegen mit ganz realen lokalpolitischen Problemen zu tun: der Insolvenz eines Klinikverbundes, der Schließung der Geburtenstation sowie einer 116 Jahre alten Schule, für deren Erhalt er sich zuvor einsetzen wollte. Fragen dazu und zu seiner bisherigen Amtszeit ließ Sesselmann unbeantwortet.
Wer Sesselmann deshalb eine maue Bilanz vorwirft, gegen den zieht der 53-jährige Rechtsanwalt mitunter vor Gericht. So klagte er erfolglos gegen den CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, der seinen Kurs kritisiert hatte.
Seinen Stellvertreter und Wahlkampf-Konkurrenten Jürgen Köpper (CDU) hat Sesselmann entmachtet. Zunächst entzog er dem langjährigen Kommunalpolitiker die Verantwortung für die Ausländerbehörde, weil „dessen Parteizugehörigkeit zur CDU offensichtlich nachteilig für die effektive Erledigung der Aufgaben“ sei.
Ein halbes Jahr später war Sesselmanns Wunschkandidat von der AfD, Andreas Groß, Stellvertreter. Köppers Bewerbung war gar nicht mehr zugelassen worden, weil der Landrat in der Ausschreibung eine „Befähigung zum Richteramt“ zur Voraussetzung erhoben hatte. Diese brachte nur sein Parteifreund mit.
Raguhn-Jeßnitz (Sachsen-Anhalt): Auch mal Schnee schieben
Auch Hannes Loth versprach vor seiner Wahl im Sommer 2023 viel: Einsparungen im Haushalt, mehr Bürgerbeteiligung und finanzielle Entlastungen für Raguhn-Jeßnitz. Mit dem Sieg als erster hauptamtlicher AfD-Bürgermeister Deutschlands wurde die Kleinstadt in Sachsen-Anhalt zum Testfall für die Frage, wie sich die AfD im Rathaus bewährt.
Nach 100 Tagen im Amt gestand Loth ein, er habe lernen müssen, warum viele Dinge „nicht einfach laufen“. Vor allem Fördermittelanträge seien „extrem schwer“. Projekte ohne Förderung kämen teils schneller voran. Zugleich räumt er ein: „Ja, auf jeden Fall brauchen wir Fördermittel“ – gerade als finanzschwache Kommune. Die finanziellen Spielräume der Stadt waren weitgehend ausgeschöpft. Statt Abgaben zu senken, musste Loth Kita- und Friedhofsgebühren anheben.
Zur Einstufung des AfD-Landesverbandes durch den Verfassungsschutz sagte Loth damals, das Gutachten selbst nicht zu kennen. Zugleich verwies er auf die Passage, in der er als „betont pragmatisch“ beschrieben wird, als einer, der „kaum mit extremistischen Äußerungen“ aufgefallen sei.
Am Beispiel Raguhn-Jeßnitz sehe man, sagt Loth heute, „dass es funktioniert“, wenn ein AfD-Politiker die Verwaltung führe. „Politik ist aus dem Rathaus völlig raus.“ Seine Parteizugehörigkeit spiele im Alltag keine Rolle. Was ist daran AfD? „Bürgerbeteiligung“, sagt Loth. „Menschlich bleiben, mit den Leuten reden, Bodenhaftung behalten.“ Auch mal „mit raus auf den Bauhof, Schnee schieben“.
Großschirma (Sachsen): Plötzlich fehlte der Kämmerer
Rolf Weigand hat als Bürgermeister schon einiges geschafft: ehrenamtliche Ersthelfer verpflichtet, Straßen saniert, die Verwaltung digitalisiert. Doch im März 2025 stand er plötzlich ohne Kämmerer da. Der kündigte, statt einen neuen Haushalt vorzulegen.
Remo Liebscher sagt über seinen ehemaligen Chef: Er sei „zuvorkommend“, „an der fachlichen Arbeit interessiert“. Liebscher missfiel allerdings, wie Weigand seine Ziele verfolge. Die Renovierung des Schwimmbads etwa: „Eines seiner zentralen Wahlkampfversprechen. Er wies mich an, dafür Geld im Haushalt zu finden.“
Ein Haushalt mit der Brechstange – so kannte Liebscher das aus Dresden nicht, wo er für „Team Zastrow“ im Stadtrat sitzt. „Ich hatte die Sorge, dass die Stadt dafür Pflichtaufgaben vernachlässigen würde.“ Das habe Weigand nicht hören wollen. Liebscher ging.
Weigand sagt, er habe „stets dafür geworben“, die Sanierung fertigzustellen, weil sonst Fördermittel zurückgezahlt werden müssten. Nun beschäftigt der Bürgermeister den Kämmerer einer anderen Gemeinde im Minijob. „Ich lasse mich von Vakanzen nicht zurückwerfen“, sagt er. „Die Stadt bleibt handlungsfähig.“
Handlungsfähigkeit simuliert Weigand selbst dort, wo sie ihm fehlt: Er ließ zum Bau von drei Windrädern Einwohner befragen. Die stimmten überwiegend dagegen. Daraufhin konnte Weigand die Betreiberfirma nur bitten, ihr Vorhaben einzustellen – bisher erfolglos.
Und zur Aufnahme von Flüchtlingen teilte Weigand dem Landratsamt mit, er werde nur „arbeitswillige Familien mit Kindern und Bleibeperspektive“ unterbringen. Eine solche Wunschliste steht der Stadt rechtlich nicht zu. Sollte sie aber, findet Weigand. Man müsse eben „die Asylgesetze ändern“.
Roßlau (Sachsen-Anhalt): Kein Raum für Vorwürfe
Vor mehr als 20 Jahren war Laurens Nothdurft „Bundesführer“ bei der Heimattreuen Deutschen Jugend. Die Gruppe ist inzwischen wegen ihrer „Wesensverwandtschaft“ zur Hitler-Jugend verboten.
Heute hat er als Ortsbürgermeister von Roßlau wieder eine Führungsrolle inne. „Meine Biografie ist öffentlich bekannt“, sagt Nothdurft. Für Vorwürfe wegen „über zwei Jahrzehnte zurückliegender Sachverhalte ist kein Raum“.
Nothdurft hat heute eine Kanzlei, ist Familienvater. Zum Ortsbürgermeister wählten ihn 2024 vorrangig die Ortschaftsräte der Bürgerliste Roßlau – das Bündnis eines ehemaligen CDU-Politikers. Seither gibt sich Nothdurft engagiert. Er bemüht sich um Roßlaus Vereine, allen voran um den Fußballclub „Germania“ und den Paddelverein Jahn. Er möchte sich für mehr Feste auf der Wasserburg einsetzen und hielt rund 70 Bürgersprechstunden ab.
Im Rathaus fühlt sich Nothdurft aber nicht willkommen: Die Stadt strich dem AfD-Mann das Ortsbürgermeister-Büro. Sie benötige den Raum selbst, hieß es. „Ich denke, das war vorgeschoben“, sagt Nothdurft. Immerhin organisierte ihm der Oberbürgermeister sofort ein neues Büro. „Es ist ein sehr kleiner Raum“, bemängelt Nothdurft. Er sei trotzdem praktisch täglich vor Ort. Es sei eher zweitrangig, wo er dem Bürger das Ohr leihe. „Ich mag nicht klagen.“
Jüterbog (Brandenburg): In die AfD – und weg
Schon als parteiloser Bürgermeister bot Arne Raue der AfD gern eine Bühne: Mehrfach hielt sie ihre Landesparteitage in einer städtischen Halle in Jüterbog ab. Im November 2024 trat Raue nach diversen gegenseitigen Sympathiebekundungen in die Partei ein. Alice Weidel jubelte: Er sei der „erste hauptamtliche Bürgermeister“ der AfD in Brandenburg, auch wenn die Wähler ihn als solchen nicht gewählt hatten.
Raue blieb daraufhin nicht mehr lange im Rathaus. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 spülte ihn die „blaue Welle“ als Direktkandidaten in den Bundestag. Zuvor war er als Einzelbewerber bei der Landtagswahl gescheitert.
In Jüterbog hat er eine gespaltene Stadtgesellschaft hinterlassen. Mit der örtlichen SPD und Kirche befand sich Raue im Dauerzoff. Gegen seinen Beitritt zur AfD protestierten Bürger vor dem Rathaus. Raue stellte sich filmend zu den Demonstranten. Seine frühere Stellvertreterin, die er bei der vorgezogenen Nachwahl unterstützte, gewann nur knapp gegen die Kandidatin der SPD.
Seine Amtszeit als Bürgermeister verfolgt ihn bis heute: Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt wegen Verleumdung gegen ihn, weil er einer Pfarrerin fälschlich vorwarf, Straftaten von Flüchtlingen gedeckt zu haben. Der Landkreis Teltow-Fläming führt ein Disziplinarverfahren. Raue sagt dazu in der für ihn typischen Art: „Das adelt mich.“
Altenberg (Sachsen): Nichts radikal verändert
In Altenberg konnte André Barth schon auf ein knappes Jahr im Amt zurückblicken, als er sich im Januar 2026 zur Wahl stellte. Der AfD-Landtagsabgeordnete war als Stellvertreter in das Amt gerückt, als sein Vorgänger, ein CDU-Bürgermeister, nach „Diskrepanzen“ mit dem Stadtrat zurückgetreten war. Gegen Barth kandidierten nur Parteilose. Die anderen Parteien überließen der AfD das Feld.
In seiner Interimszeit drückte Barth sich nicht vor unpopulären Entscheidungen. Die Stadt beschloss, zwei Kitas zu schließen, obwohl 250 Altenberger vor dem Rathaus dagegen demonstriert hatten. Doch der Stadt im Osterzgebirge gehen die Kinder aus.
Barth agierte bislang öffentlich moderat. Klar rechtsextrem äußerte er sich noch nie. In der Landtagsfraktion wurde der frühere parlamentarische Geschäftsführer von den Parteistrategen in die hintere Reihe verbannt. Vielen galt er als „zu weich“.
Nun könnte er als Amtsträger der AfD gerade deshalb als Kronzeuge dienen: Sollte es je zu einem Parteiverbotsverfahren kommen, könnte die Partei auf ihre vermeintlich harmlosen Bürgermeister verweisen. Und darauf, dass sich unter ihnen rein gar nichts radikal geändert hat.
Dieser Artikel erschien zuerst in der „Sächsischen Zeitung“ – Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland.
