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Holocaust-Überlebende auf TikTokWie Tova Friedman eine neue Generation aufklärt

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Die Holocaustüberlebende Tova Friedman zeigt ein Foto vom Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz 1945. Überlebende Kinder zeigen Rotarmisten ihre Häftlingsnummern. Sie ist das Mädchen ganz links.  . Ted Shaffrey

Die Holocaustüberlebende Tova Friedman zeigt ein Foto vom Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz 1945. Überlebende Kinder zeigen Rotarmisten ihre Häftlingsnummern. Sie ist das Mädchen ganz links. . Ted Shaffrey

Die 87-jährige Tova Friedman hält am Mittwoch die Holocaust-Gedenkrede im Bundestag. Die Auschwitz-Überlebende berichtet über die Nazi-Greul auch auf Tiktok.

Tova Friedman bekam ihre Tätowierung, als sie fünf Jahre alt war. „Die junge Frau, die mir die Nummer verpasste, zitterte. Ihr war es unangenehm, ein Kind tätowieren zu müssen“, erzählt die heute 87-Jährige. „Sie gab mir einen nassen Lappen, damit sollte ich die Stelle abtupfen, damit sie nicht anschwillt. Und ich sollte mir die Nummer gut einprägen. Sie wäre jetzt mein Name.“ Die Nummer lautete A-27633. Tova Friedman war eine der Jüngsten, die das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt haben. Sie hat darüber Bücher geschrieben, sie hat vor Schulklassen und Gruppen darüber gesprochen. Das taten und tun viele Überlebende, damit die Erinnerung an das Grauen nicht in Vergessenheit gerät. Aber Tova Friedman tat noch mehr: Sie hat ihre Geschichte in kurzen Videos auf TikTok erzählt. Und erreicht so eine neue Generation.

Eine halbe Million Menschen folgen ihrem Kanal @tovafriedman, den ihr Enkel Aron Goodman ins Leben gerufen hat. Mehr als 8 Millionen Mal wurde der Clip abgerufen, in dem sie über ihre Nummer berichtet. Er ist nur 51 Sekunden lang. 51 Sekunden, in denen das Grauen des Holocaust für jeden greifbar wird. Friedman sitzt in Seidenbluse auf einem Sofa, einen Yorkshire Terrier auf dem Schoß, und antwortet auf eine Frage, die ihr ein Nutzer gestellt hat: „Hatten Sie auch eine Nummer?“

Sie zeigt ihren Unterarm, berichtet von der jungen Tätowiererin. „Sie sagte mir: Präge dir die Nummer gut ein! Ich kannte keine Zahlen, ich war auf keiner Schule gewesen. Aber ich lernte sie schnell. Denn mir war klar: Es ist eine Frage von Leben und Tod.“

In dieser Woche ist Friedman aus ihrer Heimat New Jersey nach Berlin gereist, in Begleitung ihres Enkels. Am Mittwoch wird sie als Ehrengast bei der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag sprechen. „Es ist ein Privileg und eine Ehre, dort zu stehen“, sagte sie jetzt im Interview mit dem „Tagesspiegel“.

Ihre Rede vor dem Bundestag wird sie mit folgenden Sätzen beginnen: „Ich habe weder meine Großeltern noch meine Urgroßeltern kennengelernt – wegen dem, was die Söhne dieser Nation Millionen von Juden während des Krieges angetan haben – im Namen einer hasserfüllten, entmenschlichenden Ideologie namens Antisemitismus, der gewöhnliche Menschen in Täter verwandelte und Nachbarn in Zielscheiben.“

Das Bild zeigt Banner mit den Aufschriften „Antifaschismus“ und #nie wieder Auschwitz" die aus Anlass des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust im Lager der Ultras von Werder Bremen beim Heimspiel gegen RB Leipzig am 27. Januar 2026 hochgehalten werden. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Auch in den Stadien wid gedacht: Banner mit den Aufschriften "Antifaschismus" und #nie wieder Auschwitz" aus Anlass des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust werden im Lager der Ultras von Werder Bremen beim Heimspiel gegen RB Leipzig am 27. Januar 2026 hochgehalten.

Vehemente Verfechterin Israels

Nicht nur über den vergangenen, auch über den aktuellen Antisemitismus wird Friedman sprechen. In ihren TikToks, die ihr Enkel Aron Goodman aufnimmt und produziert, hat sie nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 immer wieder die Position Israels eingenommen. Sie spricht auch Hebräisch, hat zehn Jahre in Israel gelebt. „From the river to the sea“, sagt sie in einem Videoclip, sei eine „Parole, die fordert, den einzigen jüdischen Staat auf dieser Welt auszulöschen“.

Dem „Tagesspiegel“ sagte sie: „Wenn wir nicht kämpfen, töten sie uns. Wenn wir kämpfen, geben sie uns die Schuld. Wir können nicht gewinnen. So fühle ich. Wir haben sie nicht angegriffen. Wir haben getanzt … Sie kamen und schlachteten unsere Kinder ab und vergewaltigten unsere Frauen.“

Friedman wurde 1938 in Gdynia an der Danziger Bucht geboren. Nach Kriegsbeginn wurde ihre Familie zunächst in ein Ghetto in Zentralpolen gebracht, dann in die Lager deportiert. Nach der Befreiung 1945 lebte sie mit ihrer Mutter wieder in Polen. Mit zwölf Jahren emigrierte sie in die USA. Bis heute arbeitet Friedman als Therapeutin in New Jersey.

Nach Deutschland zu reisen, war lange Zeit undenkbar

Lange weigerte sie sich, nach Deutschland zu reisen. Die deutsche Sprache, selbst der Anblick eines Schäferhunds, waren für sie, wie für viele Überlebende, traumatisch. Erst im hohen Alter überwand sie sich und nahm Einladungen an, etwa ins Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Tova Friedmans Enkel Aron Goodman will die Erinnerungen seiner Großmutter weitertragen - in eine Welt, in der es keine Überlebenden des Holocaust mehr gibt. „Die Überlebenden werden von Jahr zu Jahr weniger – wenn nicht gerade einer in ihre Schule kommt, um über die Geschichte zu sprechen, werden sie wahrscheinlich nie in ihrem Leben einem begegnen“, sagte er in einem Interview mit der Zeitung „Das Parlament“. „Einen Zeitzeugen mit eigenen Augen zu sehen, ist etwas Außergewöhnliches, es erzeugt Aufmerksamkeit.“

Goodman verteidigt auch die Wahl der Plattform vehement. Gerade auf TikTok sind Falschinformationen über den Holocaust weit verbreitet.

Mit den Videos seiner Großmutter, sagt er, will er dagegenhalten: „Dort, wo man Falschinformationen findet, muss man auch die richtigen Informationen zur Verfügung stellen. Es äußern sich dort so viele Menschen unverhohlen antisemitisch. Ich wollte dem eine positive, realistischere und authentischere Botschaft entgegensetzen.“