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Israels Strategie gegen IranFühren gezielte Tötungen zum Sturz des Regimes?

4 min
Iran-Krieg - Teheran

Eine Trauernde hält beim Begräbnis des von Israel getöteten Generalsekretärs des iranischen Sicherheitsrats, Ali Laridschani, ein Bild des ebenfalls getöteten Obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei in die Höhe.

Israel liquidiert gezielt die iranische Führungsspitze. Fachleute sind sich jedoch uneinig, ob diese Vorgehensweise das Regime zu Fall bringen oder zu dessen Radikalisierung führen wird.

Im Anschluss an die Liquidierung des iranischen Geheimdienstministers Ismail Chatib hat der Verteidigungsminister Israels, Israel Katz, seine Drohungen gegenüber der Teheraner Führung intensiviert. Laut einer Meldung der dpa äußerte Katz am Mittwoch, dass kein hochrangiger Vertreter im Machtgefüge des Iran mehr in Sicherheit sei. Jeder bedeutende Amtsträger könne ab sofort „ohne weitere Genehmigung“ unmittelbar durch die israelischen Streitkräfte ausgeschaltet werden.

Israel Katz

Israels Verteidigungsminister Israel Katz bei einem Truppenbesuch. (Archivbild)

Israels strategische Ausrichtung

Seit Kriegsbeginn gegen den Iran am 28. Februar existierten laut dpa uneinheitliche Informationen von Israel und den USA bezüglich der genauen Kriegsziele. Kürzlich unterstrich der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu, dass das Ziel darin bestehe, dem Atom- und Raketenprogramm des Iran „tödliche Schläge“ zuzufügen. Ferner könnten die Attacken die Voraussetzungen für einen Umsturz der Regierung schaffen, was aber schlussendlich von der iranischen Bevölkerung abhänge.

Netanjahu wird von Kritikern beschuldigt, mit dem Konflikt ebenso private Absichten zu verfolgen. Der Waffengang gegen den Iran wird in einem Wahljahr als eine Art Befreiungsaktion für den Regierungschef interpretiert. Gegen diesen ist seit sechs Jahren ein Verfahren wegen Korruption anhängig und sein politisches Vermächtnis wird durch das Scheitern im Zuge des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 belastet.

Liquidierungen in der iranischen Führungsspitze

Um den iranischen Machtapparat zu schwächen, hat Israel schon viele hochrangige Funktionäre zum Ziel gemacht, einschließlich des obersten Führers des Iran, Ali Chamenei. Des Weiteren wurde am Montag der mächtige Generalsekretär des Sicherheitsrates, Ali Laridschani, gezielt liquidiert. Hinzu kommen Attacken auf die Revolutionsgarden sowie die Basidsch-Milizen, denen auch die gewaltsame Unterdrückung der Demonstrationen im Januar zur Last gelegt wird.

Ali Laridschani

Der von Israel getötete Generalsekretär des Sicherheitsrates, Ali Laridschani, im Libanon. (Archivbild)

Durch massive Attacken im Libanon beabsichtigt Israel überdies, den bedeutendsten Bündnispartner Teherans, die Hisbollah-Miliz, erheblich zu schwächen. Zwischen den beiden Gegnern kommt es wiederholt zum Abschuss von Raketen auf Städte und Siedlungen in Israel.

Einschätzung der Erfolgsaussichten

Laut dem israelischen Iran-Spezialisten Danny Citrinowicz in einem Podcast hätten Israel und die USA bislang deutliche operative Erfolge in dem Konflikt verbucht. Insbesondere die Rüstungsindustrie des Iran sei um Monate, eventuell sogar Jahre, zurückversetzt worden. Die Liquidierung von Laridschani sei ebenfalls signifikant. Zwar sei dieser kein Nachfolger für Chamenei gewesen, doch er habe als eine wichtige Schnittstelle zwischen dem politischen und militärischen Apparat fungiert.

Nach Angaben von Citrinowicz stellen seit Beginn des Krieges und im Anschluss an die Liquidierung Chameneis die Revolutionsgarden das Machtzentrum dar. Deren bedeutendster Repräsentant sei nun der Befehlshaber Ahmad Wahidi. Eine wesentliche Funktion komme zudem Ali Abdollahi Aliabadi zu, dem Kommandeur des zentralen Hauptquartiers Chatam al-Anbija.

Führt die Strategie zum Kollaps des Regimes?

Obwohl die Liquidierung Laridschanis das Bedrohungsgefühl in der Führungsspitze intensiviert habe, äußern sich Fachleute weiterhin zweifelnd. „Die Iraner haben aber immer wieder bewiesen, dass sie sich auch von der Tötung zentraler Führungspersonen erholen können“, so Citrinowicz. „Die Tötungen sind bedeutsam, aber sie allein werden nicht zum Sturz des Systems führen.“

Eine vergleichbare Einschätzung teilt der französische Politologe Sébastien Boussois, welcher das iranische Machtgefüge mit einer Hydra gleichsetzt: Schlage man einen Kopf ab, wüchsen mehrere neue. Der israelische Fachmann Raz Zimmt ist ebenfalls der Ansicht, dass gezielte Liquidierungen für sich genommen wahrscheinlich nicht genügen würden. Eine fortgesetzte Strategie der Eliminierung von Führungspersonen könne allerdings die Risse innerhalb der Führungsebene vergrößern. Auf der Plattform X notierte der iranische Historiker Arash Azizi, dass ein Zusammenbruch des Systems vorstellbar sei, falls die USA und Israel „20 oder 30 mehr Laridschanis töten“.

Sind neue Proteste wahrscheinlich?

Citrinowicz beurteilt die Erwartung, eine Schwächung des Machtgefüges könne die Bevölkerung zu erneuten Protesten veranlassen, als „sehr gering“ ein. Die Aufrufe Netanjahus zum Aufstand werden von zahlreichen Iranerinnen und Iranern als zynisch wahrgenommen. Überdies kündigte der Sicherheitsapparat des Iran an, mit aller Härte gegen neue Demonstrationen vorzugehen. Dies schürt die Sorge, dass Protestierende abermals getötet werden könnten.

Gefahr einer noch radikaleren Führung im Iran?

Der Iran-Spezialist Citrinowicz mahnt, der Konflikt könne eine zusätzliche Radikalisierung der Teheraner Führung hervorrufen. Laridschani sei gemäßigter aufgetreten als beispielsweise Wahidi, und seine Liquidierung könne die Hardliner-Fraktion im Iran festigen. Der Experte Azizi erachtet es ebenfalls als wahrscheinlich, dass auch bei einem Regierungswechsel ein Nachfolger aus dem bestehenden System hervorgehen würde, welcher einen neuen autoritären Staat leiten könnte. (red)

Citrinowicz erwartet, dass das iranische Regime den Konflikt zwar geschwächt, jedoch radikalisierter überdauern und Israel „in Zukunft noch mehr Probleme bereiten“ könnte, was eine potenzielle nukleare Bewaffnung einschließt. „Wenn wir in ein oder zwei Jahren zurückblicken auf den Krieg, kann es gut sein, dass wir sagen, dass er nicht erfolgreich war, weil er den Iran zwar beschädigt, in der Atom-Frage aber über den Rubikon gedrängt hat“, mahnt der Spezialist. Israel stehe daher vor der Überlegung, ob es weiterhin den Umsturz der Regierung verfolgen oder zusammen mit den USA nach einem Weg aus dem Konflikt suchen sollte. (red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.