Im Iran geht das Regime brutal gegen Demonstrierende vor. Der Kölner Schriftsteller Navid Kermani wendet sich nun mit einem Brief an die Menschen im Iran.
Kölner SchriftstellerNavid Kermanis „Brief an meine Freunde im Iran“

Der Kölner Schriftsteller Navid Kermani
Copyright: Grönert
Seit Tagen blicke ich dauernd auf mein Smartphone und hoffe, dass auf Whatsapp endlich der zweite Haken erscheint, der anzeigt, dass meine Nachrichten Euch erreicht haben und Ihr hoffentlich rasch bestätigt, unversehrt zu sein. Wie zu befürchten war, als das Internet gesperrt wurde, versucht das Regime nach zwei Wochen relativer Zurückhaltung den nächsten Aufstand blutig niederzuschlagen, der Iran erfasst hat. Nicht mehr nur von Dutzenden, sondern von zweitausend Toten und mehr war am Wochenende plötzlich die Rede, und dann erreichten uns am Sonntag die Videos von der Gerichtsmedizin in Karizak im Süden Teherans, wo Angehörige zwischen Hunderten Leichensäcken weinen und klagen, die auf dem Boden verstreut liegen. Die Bilder sollen von Freitag sein, heißt es, auch wenn unklar bleibt, wer genau die Leichen sind.
Experten, die diese und andere Videos gesichtet haben, sprechen von vielen Kopfschüssen, also gezielten Tötungen. Das Regime selbst hat die Bilder verbreitet, und das bedeutet, dass es die letzten, ohnehin nur taktischen Skrupel abgelegt hat. Nicht mehr nur nackt ist der Terror, mit dem es das eigene Volk überzieht, sondern ab jetzt auch öffentlich. Der Terror allein reichte demnach nicht aus, um Euch einzuschüchtern. Jetzt sollt Ihr mit eigenen Augen sehen, was Euch blüht, wenn Ihr weiter auf die Straße geht.
„Ich schreibe Euch aus dem Arbeitszimmer von Thomas Mann“
Ich schreibe Euch aus dem Arbeitszimmer des deutschen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Thomas Mann in Los Angeles, wo er von 1942 bis 1952 gelebt hat. Ausgerechnet in diesen Tagen, da Ihr in Iran für die Freiheit kämpft, bin ich ein paar Tage zu Gast in seinem ehemaligen Haus. Von ebendiesem Arbeitszimmer, in dem ich auf Palmen und den strahlend blauen Himmel blicke (von der Terrasse sieht man sogar den nahen Ozean), verfasste Thomas Mann seine Reden „Deutsche Hörer!“, die von der BBC in 59 Folgen ausgestrahlt und millionenfach gehört wurden.
Alles zum Thema Deutscher Bundestag
- Kölner Schriftsteller Navid Kermanis „Brief an meine Freunde im Iran“
- Neue Position Regierung ernennt „Migrationsbotschafter“ für Abschiebungen
- Trotz Hinrichtungen und Festnahmen Dobrindt will keinen Abschiebestopp für Iran verhängen
- Post von der Bundeswehr 18-Jährige erhalten erste Fragebögen zum neuen Wehrdienst
- Tiere Kritik an erleichtertem Abschuss von Wölfen
- Bundestag debattiert Kehrtwende Warum neu eingereiste Ukrainer weniger Geld bekommen sollen
Sehr früh unterrichtete er die Deutschen über all die Verbrechen der Nazis und rief sie leidenschaftlich zum Widerstand auf – oder, wenn schon nicht zum Widerstand, der in Deutschland damals so gefährlich war wie heute in Iran, dann wenigstens zur inneren Opposition. Zum Nichtmitmachen, zur Wahrheit und zur Menschlichkeit.
Die Radioansprachen Thomas Manns sind das bedeutendste Dokument der Opposition gegen Hitler und bleiben für immer ein Ruhmesblatt der deutschen Literatur. Unmittelbar genutzt haben sie allerdings nicht viel. Die meisten Deutschen blieben bis zum bitteren Ende Hitler treu, und hinterher, als die Konzentrationslager befreit worden waren und Deutschland in Trümmern lag, haben sie angeblich von nichts gewusst.
„Wissen sollt Ihr, wie stolz ich auf Euch bin“
Liebe Freunde, Ihr Menschen in Iran, Ihr braucht keine Ansprachen von außen, weder von mir noch von sonst irgendwem, und schon gar nicht hilft Euch ein Krieg. Die Befreiung, für die kämpft Ihr schon selbst. Aber wissen sollt Ihr, wie stolz ich auf Euch bin. Zugleich ist die Sorge um Euer Leben so groß, dass ich immer wieder versucht bin, Euch anzuflehen, zu Hause zu bleiben.

Dieses am 08. Januar aufgenommene und am 13. Januar via AP zur Verfügung gestellte Foto soll Iraner bei einem Protest gegen die Regierung in Teheran zeigen.
Copyright: Uncredited/UGC/AP/dpa
Ich vertraue darauf, dass Ihr selbst am besten einschätzen werdet, ob Ihr besser für eine Weile zurücksteckt, wie 2009, 2018, 2019 und 2023 – oder ob diesmal der Moment gekommen ist, dass Ihr durchhaltet, bis das Regime sich entweder zu einem friedlichen, geordneten Übergang bereit zeigt oder stürzt. Vor allem jedoch möchte ich Euch zurufen, dass ich, obwohl am anderen Ende der Welt, in meinen Gedanken, in meinem Herzen die ganze Zeit bei Euch bin.
Millionen Iraner im Exil und selbst in den nachfolgenden Generationen – und mögen die Kinder nicht einmal mehr Persisch sprechen –, sie sind jetzt vereint mit Euch. Allein, dieser verdammte zweite Haken auf Whatsapp, er will und will nicht auf unseren Smartphones erscheinen, und das macht uns verrückt.
„Alle wissen, dass die Islamische Republik am Ende ist“
Indem ich die eigenen Verwandten und Freunde nicht erreiche, fühle ich mich abgeschnitten vom ganzen Volk. Ich kann nicht einschätzen, was gerade in Iran passiert. Ohne die Verbindung zu Euch fehlt mir das Gespür, wohin das alles führt, wie viele Ihr seid, wie nah am Abgrund die Herrschaft der Islamischen Republik steht. Aber das weiß ich, dass es mit ihr bald vorbei sein wird, wenn nicht diesmal, dann beim nächsten oder übernächsten Aufstand.
Ihr selbst habt es mir spätestens seit 2023 oft gesagt, während wir im Ausland schon verzagt hatten. Selbst die Herrschenden wissen es, wie ihren Gesichtern anzusehen ist, die sich vergeblich um Entschlossenheit und Zuversicht bemühen.
Alle wissen, dass die Islamische Republik am Ende ist, alle außer den Staatschefs von China, Russland und leider auch meiner eigenen Europäischen Union. Bei allen Lippenbekenntnissen zu Euch glauben sie immer noch daran, dass nur das Regime Stabilität verspricht. Dabei ist die Stabilität am meisten dadurch gefährdet, dass das Regime, um zu überleben, das Land ins Chaos stürzt.
„Wie dumm die sogenannte Realpolitik ist!“
In Syrien haben die Revolutionsgarden schon einmal geholfen, ein Volk, das aufbegehrte, in einen Bürgerkrieg zu verwickeln, und auch damals hat der Westen an Stabilität geglaubt, statt die roten Linien zu beachten, die er selbst gezogen hat. Die Folgen sind bekannt: Sechshunderttausend Tote, 13 Millionen Flüchtlinge, der Aufstieg des Islamischen Staates, der auch bei uns viele Anschläge begangen hat, und mit der Flüchtlingswelle mittelbar auch der Brexit, der Siegeszug der nationalistischen Parteien, das drohende Scheitern der Europäischen Union.
Wie dumm die sogenannte Realpolitik ist! Und wie schon beim letzten Aufstand in Iran, als es um „Frau, Leben, Freiheit“ ging, kommt Deutschland, ausgerechnet Deutschland, mit seinen Lippenbekenntnissen für die Demokratie besonders spät, obwohl es, nein, weil es der engste Handelspartner Irans in Europa ist.

Dieses am 09. Januar aufgenommene und am 13. Januar via AP zur Verfügung gestellte Foto soll Iraner bei einem Protest gegen die Regierung in Teheran zeigen. Seit mehr als zwei Wochen demonstrieren Iraner gegen die autoritäre Führung ihres Landes. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren Hunderte Todesfälle.
Copyright: Uncredited/UGC/AP/dpa
Ob Friedrich Merz mit seinen gestrigen Äußerungen, das Regime sei am Ende, tatsächlich eine Wende vollzogen oder nur den Amerikanern gefallen will, an deren Versprechen, Euch beizustehen, ich schon gar nicht glauben kann? Im Zweifel wäre Deutschland eine Lösung wie in Venezuela genauso recht, bei der das Regime überlebt, wenn es sich auf den Deal von Donald Trump einlässt. Man nennt es dann „komplex“.
Und so kommt mir in dem Arbeitszimmer von Thomas Mann noch ein anderer Gedanke: Wie wenig ist von seinem Mut übrig geblieben, dem Mut der anderen Literaten und Philosophen, die hier in den Pacific Palisades ihr Exil gefunden hatten, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und andere, dem Mut überhaupt des besseren Deutschlands, das sich gegen Hitler entschied.
„Angst, ist bei uns in Deutschland zu einem Thema geworden“
Ihr werdet es nicht glauben, aber es gibt kaum ein Wort, das ich seit einiger Zeit in deutschen Kulturinstitutionen, Rundfunkanstalten, Theatern, Redaktionen und Konzerthallen häufiger höre, und wenn nicht höre, dann jedenfalls spüre, als Angst. Ich könnte Euch Dutzende Beispiele aus meinem eigenen Umfeld anführen, wo jemand aus Angst etwas nicht geschrieben, gesagt, gezeigt oder auf eine Bühne gebracht hat. Und wovor? Letztlich nur davor, etwas von sich zu geben, das der eigenen Karriere schaden oder einen Shitstorm auslösen könnte, denn passieren kann einem als Künstler, als Journalist, als Kulturfunktionär in einem Land wie Deutschland zum Glück sonst weiter nichts.
Ihr werdet meinen, das sei absurd, das bilde ich mir ein, aber so erlebe ich es tatsächlich, und nicht nur ich, sondern viele aus dem Kulturbetrieb. Angst, ausgerechnet Angst, ist bei uns in Deutschland zu einem Thema geworden, und zwar genau dort, wo eigentlich Mut zu Hause wäre.
Und so schwingt auch Scham mit, Scham über unsere eigene, deutsche, europäische, westliche Verzagtheit, wenn ich auf Euch schaue: die Frauen, die ohne Kopftuch auf die Straße gehen, die Filmschaffenden, die klandestin die unglaublichsten Filme drehen, die Anwälte, die selbst das Gefängnis auf sich nehmen, die Musiker, die gegen die Tyrannei ansingen, die Fußballstars, die sich mit ihren protestierenden Fans solidarisieren, die Tausenden und Abertausenden, die dieser Tage überall in Iran trotz Lebensgefahr auf die Straße gehen, während der Westen gerade die Freiheit so leichtfertig verspielt.
Das Völkerrecht etwa, das der amerikanische Präsident mit Füßen tritt und selbst unser eigener Bundeskanzler für irrelevant erklärt hat, ach, was könnte es jetzt hilfreich sein, weil es Verbrechen gegen die Menschlichkeit bestraft.
2014 sagte ich zu den Deutschen im Bundestag, dass es keine fünfzehn Jahre mehr dauern werde, bis ein Christ, Jude, Zoroastrier oder Baha’i in einem frei gewählten iranischen Parlament sprechen darf. Ich wurde belächelt dafür, und ehrlich gesagt, es war auch Wunschdenken dabei. So richtig habe nicht einmal ich selbst daran geglaubt. Aber nun sehe ich, 2014 plus 15, das kommt ungefähr hin.
Ich dachte, ich kenne Euch ganz gut, meine Verwandten, Freunde und Kollegen in Iran – tatsächlich habt Ihr mich mit Eurem Mut, Eurer Klugheit und Eurer Geduld ein ums andere Mal überrascht. Habt Dank oder, wie es auf Persisch so viel poetischer heißt, aber dieser Tage leider wörtlich gemeint ist: Dastetan dard nakoneh – Mögen Eure Hände nicht schmerzen.
Navid Kermani, geb. 1967 in Siegen, ist Orientalist, Essayist und Romanautor. Er lebt in Köln. Im Februar erscheint sein neuer Roman „Sommer 24“ (Verlag Hanser). Sein Gastbeitrag, entstanden auf einer Lesereise in den USA, ist auch in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen. (jf)

