Samstagnachmittag auf dem Sportplatz. Es ist einer der letzten warmen Tage, die Sonne steht tief, ich trinke einen Tee und schaue meinem Sohn beim Fußball zu. Hinter mir liegt eine lange Woche. Dieser Nachmittag gehört ihm. Neben mir sagt Paul, der eigentlich anders heißt: „Sohrab, du hast das auch gehört mit den Drohnen am Leipziger Flughafen und der Jagd auf russische Hacker? Ich weiß nicht, worauf die Politiker noch warten. Wir müssen endlich in den Krieg ziehen und die Russen besiegen.“ Ich antworte nicht, schaue aufs Spiel. Mein Sohn läuft sich frei. Paul redet weiter. Die ganze erste Halbzeit, ein Argument nach dem anderen. Die anderen Väter schauen aufs Spielfeld. Niemand widerspricht.
In der Halbzeitpause drehe ich mich zu Paul und den anderen um. „Da drüben spielen unsere Söhne. Wenn wir gegen Russland in den Krieg ziehen, stehen die Jungs in ein paar Jahren an der Front. Paul, dein Ältester ist 16. Er wäre der Erste.“ Paul wehrt ab. So lange dauere doch kein Krieg. Und Kriegsführung sei heute anders, da flögen Drohnen, an der Front sterbe kaum jemand. „Der Krieg in der Ukraine ist im fünften Jahr“, sage ich. Über vierhunderttausend Gefallene auf beiden Seiten, schätzt man. Fast alles junge Männer. Auch in der Ukraine und in Russland fliegen Drohnen. Sie töten.
„Und selbst wenn es nicht dein Sohn wäre, Paul. Irgendein Vater verliert seinen Sohn. Bist du bereit, dieses Opfer zu bringen? Und hast du eigentlich mal deine Jungs gefragt?“ Ich bin lauter geworden, als ich wollte. Eltern etwas weiter weg drehen sich um. Paul schaut auf den Boden. Dann sagt er: „So weit hatte ich nicht gedacht.“ Die zweite Halbzeit beginnt. Das Thema ist vorbei. Zwei Väter haben Tränen in den Augen.
Die mit Sprengstoff präparierte Drohne am Flughafen Halle/Leipzig ist – zum Glück – nicht hochgegangen. Niemand ist gestorben. Bundesregierung und Nato sehen eindeutige Beweise, dass Russland hinter dem versuchten Anschlag steckt. Moskau bestreitet das. Und in Köln steht ein anständiger Mann auf einem Fußballplatz und sagt: Krieg! Natürlich ist Krieg immer eine Option. Aber immer sollte sie die letzte sein, nie die erste.
Und selbst wenn wir keine Wahl mehr hätten, dann nur mit einer Absicht: Frieden herstellen. Nicht losschlagen. Nicht siegen. Frieden. Manche werden meine Haltung als idealistisch oder naiv betrachten. Ich schreibe sie auf, weil ich weiß, was Krieg anrichtet. Als ich nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder im Iran war, sah ich auf der Fahrt vom Flughafen in die Hauptstadt Teheran ganze Hausfassaden mit Bildern junger Männer. In Liverpool wären das Fußballstars. Im Iran sind es Märtyrer, gefallen im Krieg gegen den Irak. Einer meiner Onkel war in diesem Krieg. Acht Jahre, eine Million Tote. Zurückgekommen ist er, aber nie richtig. Mir hat er von der Nacht erzählt, als Raketen in seinen Bunker einschlugen. Er war draußen, weil er um die Ecke musste. Die anderen waren drin. Er träumt von dieser Nacht bis heute.
Ein anderer Onkel meldete sich mit 16 freiwillig. Die Regierung schickte solche Jungen über die Minenfelder. Man hängte ihnen einen Plastikschlüssel um den Hals, der das Tor zum Paradies öffnen sollte. Mindestens 80.000 starben. Bevor mein Onkel dran war, schleuste mein Opa ihn aus dem Land. Damals war der Irak ins Land eingefallen. Im Verlauf des Krieges wurde er vom Westen gestützt, auch mit Lieferungen aus Deutschland. Der Iran verteidigte sich. Er hatte einen triftigen Grund. Aber selbst dann schickt man keine Kinder in den Krieg. Jahre später betreute ich als Medizinstudent in Aachen einen zehn Jahre alten Jungen aus Afghanistan. Er war über eine Mine gelaufen. Sie nahmen ihm das Bein ab. Passiert war es beim Fußballspielen.
Natürlich ist Krieg immer eine Option. Aber immer sollte sie die letzte sein, nie die erste
Man muss nicht weit schauen. Menschen wie meinen Onkel oder den Jungen aus Afghanistan gibt es auch in deutschen Familien. Großväter und Urgroßväter, die nie darüber geredet haben. Aus dieser Erfahrung hat unser Land einen Satz mitgenommen: Nie wieder Krieg. Drei Worte. Eine klare Haltung. Heute wird dieser Satz weggeräumt, auf die bequemste Art: Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern verdächtigt. Wer fragt, wie dieser Krieg enden soll, gilt schnell als Putin-Versteher. Damit endet jede Diskussion, bevor sie begonnen hat. Alternativen entstehen nur, wenn man sie zulässt. Streit ist unbequem, aber genau davon lebt Demokratie. Stattdessen regiert das Prinzip Alternativlosigkeit. Gäbe es auf jede Frage nur eine Antwort, bräuchten wir kein Parlament. Behauptete Alternativlosigkeit ist das Ende des Denkens, der Abbruch des Gesprächs.
Dabei ist der Job von Politikern derselbe wie der eines jeden Unternehmers: Optionen ausarbeiten und gegeneinander abwägen. Bei regierenden Politikern unter der Vorgabe ihres Amtseids, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden. Zu diesem Volk gehören auch unsere Söhne. Frieden ist nichts, was uns zufällt. Wir müssen ihn erarbeiten. Diese Arbeit besteht aus Verhandlungen, die scheitern und wieder beginnen; aus Gesprächen auch mit Menschen, die man verachtet; aus Zugeständnissen, für die es zu Hause keinen Applaus gibt. Deutschland ist das Herz Europas. Aus unserer Geschichte folgt eine Verantwortung: konsequenter an diesem Frieden zu arbeiten als jedes andere Land.
Und wenn es doch zum Krieg käme, müsste eine klare Reihenfolge gelten: Wir Väter zuerst, nicht unsere Söhne. Ein junger Mann muss erst erwachsen werden. Er muss lieben, arbeiten und Vater werden. Ob in Berlin oder am Fußballplatz: Wer sagt, wir müssten in den Krieg, muss sich zuerst selbst fragen, ob er bereit ist, an die Front zu gehen. Über das Leben anderer zu entscheiden, ist genauso einfach wie das Geld anderer auszugeben. Mein Sohn ist zwölf. An ihn und alle anderen Söhne richte ich diese Sätze: Du spielst gerade Fußball, während wir am Rand über dich reden. Ich schreibe dir, weil euch niemand fragt. Dieser Nachmittag, die Sonne, der Tee, dein Spiel: Das gibt es nur, weil hier seit 80 Jahren Frieden herrscht. Ohne Frieden keine Freiheit. Wir halten ihn für den Normalzustand. Er ist die Ausnahme.
Wer sagt, wir müssten in den Krieg, muss sich zuerst selbst fragen, ob er bereit ist, an die Front zu gehen
Ich verspreche dir nicht, dass es nie wieder Krieg gibt. Aber ich verspreche dir, alles dafür zu tun, dass es nicht dazu kommt. Dass ich nicht schweige. Und dass ich dich frage, bevor irgendjemand über dich entscheidet. Ich sorge mich nicht nur um dich, sondern auch um die polnischen, ukrainischen und russischen Söhne. Einen anderen zu überfallen und sich zu wehren, ist nicht dasselbe. Aber beim Sterben ist der Unterschied weg. Ein toter 19-Jähriger aus Moskau ist für seine Mutter kein Sieg. Nach dem Schlusspfiff kommen die Jungs vom Platz, verschwitzt, und streiten über ein Tor, das keiner von uns gesehen hat. Frieden kommt nicht von allein. Wir müssen uns dafür einsetzen. Von nichts kommt nichts.

Sohrab Salimi
Copyright: Selda Schretzmann
Über den Autor
Sohrab Salimi ist Gründer und CEO der Agile Academy. Er hat mehr als 20 Jahre Berufserfahrung als Trainer für kleine bis sehr große Unternehmen. Salimi lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln



