Der Politologe und Experte für das Papsttum, Otto Kalscheuer, vermisst bei Leo XIV. eine klare Stellungnahme zu Donald Trump.
Katholisches KirchenoberhauptDer Papst, der sich nicht traut

Papst Leo XIV.
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In gewisser Weise hat Papst Leo XIV. sein Pontifikat erst jetzt – nach dem erfolgreichen Abschluss des „Heiligen Jahres“ im Vatikan – eröffnet: mit einem „außerordentlichen Konsistorium“ der Kardinäle in Rom, an dem zwei Drittel der rund 240 Purpurträger teilnahmen. Solch außerordentliche Versammlungen (möglichst) aller Kardinäle in Rom sind fakultativ: Papst Johannes Paul II. berief in 26 Jahren Amtszeit nur sechs solcher Treffen ein. Benedikt XVI. gar keines, Franziskus ein einziges. Im Vorfeld der römischen Bischofssynode (2014) wollte er die Kirche auf sein Synodenthema „Ehesakrament und Familie“ einstimmen.
Im Unterschied zu den eher zeremoniellen ordentlichen Konsistorien mit der Erhebung neuer Kardinäle geht es bei „außerordentlichen“ auch um Inhalte: Der Papst berät wichtige Fragen zur Führung und Verwaltung der Kirche mit ihren höchsten Würdenträgern. Aus vier Themen ließ Leo XIV. sie jetzt zwei auswählen. Die Kardinäle entschieden sich für „missionarische Kirche“ und „Synodalität“. Nicht zuletzt im Verhältnis zur deutschen Kirche gab es offenbar Klärungsbedarf. Anders als Franziskus mit seinem „Thronrat“ aus lediglich neun Kardinälen erstrebt Leo XIV. eine stärker kollegiale Einbeziehung aller Kardinäle in die Kirchenführung. Künftig wolle er jedes Jahr ein derartiges Konsistorium abhalten.
Die Blicke richteten sich auf Rom.
Nun fand praktisch zeitgleich der US-Militär-Coup statt, mit dem Donald Trump Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro entmachtete und ihn samt Ehefrau nach New York entführen ließ, um ihn dort als Drogenkriminellen vor Gericht zu stellen. Die Bischofskonferenz des südamerikanischen Landes äußerte sich extrem zurückhaltend: Sie bat Gott um Weisheit und Stärke für alle Venezolaner, beklagte die Opfer und betete für die Einheit des Volkes. In den Vereinigten Staaten hingegen verglich zumindest die liberal-katholische Zeitschrift „Commonweal“ Trumps Vorgehen sogleich mit den Methoden eines Gangster-Bosses.
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So richteten sich nun die Blicke nach Rom: Wie würde sich das Oberhaupt der katholischen Weltkirche zum Anschlag Trumps verhalten? Ein offizielles Thema auf dem römischen Treffen der katholischen Führungselite war die militärische „Spezial-Operation“ des Mannes im Weißen Haus nicht. Zudem konnte der venezolanische Kardinal Baltazar Porras, emeritierter Erzbischof der Hauptstadt Caracas, nicht teilnehmen – ihm war just im Dezember vom venezolanischen Regime der Reisepass entzogen worden.
Leo XIV. scheute eine klare Stellungnahme.
Mit seinem „Premier und Außenminister“ hat der Papst aber einen der wohl erfahrensten Venezuela-Kenner zum Berater: Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin war von 2009 bis 2013 als Nuntius (Botschafter) in Venezuela tätig, also in den letzten Jahren von Staatschef Hugo Chávez – ein beständiger Drahtseilakt zwischen dem Regime des populistischen Diktators, der Opposition und der örtlichen Kirche, mit all den Gefahren einer von den diversen Milizen und ausländischen Hilfstruppen zum Bürgerkrieg verschärften Repression. Danach vermittelte Parolin unter Papst Franziskus, nun als allseits anerkannte Nummer zwei der Vatikan-Hierarchie, in den letztlich gescheiterten Verhandlungen der USA mit Kuba über den US-Stützpunkt Guantánamo sowie bei der Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen zwischen den USA und dem Regime in Havanna.
Doch Leo XIV., erster Papst mit US-Pass und zugleich peruanischer Staatsbürger, scheute eine klare Stellungnahme zum Eingreifen der USA in Venezuela, um stattdessen nur allgemein auf die Souveränität des Landes, die Bürger- und Menschenrechte und die Notwendigkeit friedlicher Zusammenarbeit zu verweisen. Dabei hätte er die vatikanische Neutralität nicht einmal verletzen müssen, um in einer neuen, von den Großmacht-Bestrebungen der USA, Russlands und Chinas gekennzeichneten Phase der Weltpolitik auf die zwangsläufige internationale Ansteckungsgefahr militärischer Intervention der USA im eigenen Hinterhof mit Kanonenbooten, Drohnen oder Spezial-Einsatzkräften hinzuweisen.
Eine solche politische Warnung und Wertung des Heiligen Vaters wäre auch ohne Nennung Trumpfs eindeutig und für alle Welt sofort verständlich gewesen. Und hatte nicht schon Papst Leos Leitstern unter den Kirchenvätern, Augustinus, von Hippo (354 bis 430) klare Kriterien für „gerechte Kriege“ aufgestellt? Staaten ohne Gerechtigkeit hingegen, befand der große Heilige, seien nicht besser als eine Räuberbande.
Zur Person
Otto Kallscheuer, geboren 1950 in Brühl, ist Politikwissenschaftler und Philosoph. Er war Professor an der FU Berlin und hat zahlreiche Schriften zu Fragen der Religion in der Moderne veröffentlicht. 2024 erschien seine monumentale Studie „Papst und Zeit. Heilsgeschichte und Weltpolitik“ (Verlag Matthes & Seitz). (jf)

