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„Freundliches Gesicht“ der CDUWie Hendrik Wüst in Sachsen-Anhalt als Merz-Gegenentwurf punktet

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Hendrik Wüst macht CDU-Wahlwerbung in der AfD-Hochburg Halle-Neustadt.

Hendrik Wüst macht CDU-Wahlwerbung in der AfD-Hochburg Halle-Neustadt.

Zwischen Plattenbauten und AfD-Frust sucht NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst den direkten Dialog im Osten – eine schwierige Mission. 

Die Neustadt von Halle ist ein sozialer Brennpunkt. Fünf 18-geschossige Plattenbauten prägen das Bild, viele Wohnungen stehen leer. Der Stadtteil gilt als Hochburg der AfD. Bei der Bundestagswahl erhielt die Partei dort mehr als 40 Prozent der Stimmen. An diesem Nachmittag sind nur wenige Menschen im Bereich der Fußgängerzone unterwegs. Kein Wunder, dass eine Kolonne von schwarzen Limousinen mit Blaulichtern auf dem Dach schnell für Aufmerksamkeit sorgt.

Einige Passanten runzeln die Stirn, als sie bemerken, dass die Fahrzeuge nicht aus Sachsen-Anhalt kommen, sondern ein Düsseldorfer Kennzeichen tragen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst ist nach Halle gereist, um seinen Amtskollegen Sven Schulze im Wahlkampfendspurt zu unterstützen. Das ist in dieser Gegend keine einfache Mission, wie der Regierungschef sogleich erfahren wird. „Seid ihr vom Verfassungsschutz?“, will ein Mann mit glattrasiertem Schädel wissen, der vor dem türkischen Imbiss „Bistro Atlanta“ an einer Bierflasche nippt, feindselig. Die Personenschützer irritieren ihn offenbar. „Nö“, sagt Wüst. Er sei der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Und übrigens von der CDU.

Hendrik Wüst macht CDU-Wahlwerbung für CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze (links).

Hendrik Wüst macht CDU-Wahlwerbung für CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze (links).

Der Mann hat Wüst offenbar noch nie im TV gesehen. Er wirkt ungläubig. Ein NRW-Politiker in Halle? Was soll das denn? „Unser eigener Ministerpräsident hat sich hier noch nie blicken lassen“, sagt der Tätowierte. Im Gegensatz zum Spitzenkandidaten der AfD: „Der Siegmund war hier und hat mit uns Döner gegessen. Die anderen trauen sich hier nicht hin. Warum? Sehen Sie nicht, was hier los ist?“

Dann spult er seine Weltsicht ab. Wenn er von der Arbeit nach Hause komme, seien die Ausländer mit ihren dicken Autos schon da. „Von denen hat keiner gearbeitet, von denen sind viele kriminell, die leben hier wie die Maden im Speck. Die werden nicht abgeschoben, und unsere Rentner gehen Flaschen sammeln.“ Zum Kotzen sei das. Die AfD werde das schon richten.

Merz gilt als Hassfigur

Wüst hört dem Mann lange zu. Er versucht, in einen Dialog zu kommen. Er stimmt ihm zu, dass kriminelle Ausländer abgeschoben werden müssten. In NRW geschehe das auch. Mehr als 10.000 Menschen seien in den letzten Jahren in ihre Heimat zurückgeschickt worden. Man müsse sich aber an Recht und Gesetz halten. Auch die AfD werde ihre Parole „Abschieben, bis die Landebahn glüht“ nicht umsetzen können.

Claudia Schmidt beobachtet die Szene. Sie ist CDU-Landtagskandidatin im Wahlkreis 38 – und mittlerweile abgehärtet. „Die sehen die CDU als Feind an, halten sie für die Lügenpartei. Friedrich Merz ist für viele eine regelrechte Hassfigur.“ Mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sei kaum möglich. Deswegen ziehe sie ihren Hut vor Wüst. Der AfD-Sympathisant hatte ihm zum Schluss die Hand gereicht. „Und Sie sind echt der Ministerpräsident von NRW? Krass.“

Ja, eingefleischte AfD-Fans könne man wohl kaum bekehren, heißt es im Tross der ortsansässigen CDU-Begleiter. Aber Reden sei wichtig, mit allen Unzufriedenen, und die Kritik sei ja oft völlig berechtigt. Genau hier könne Wüst vielleicht helfen. Immerhin gehöre er zu den populärsten Politikern der Union – und sei deutlich weniger mit der Berliner Regierungspolitik belastet als Friedrich Merz. „Er kann CDU-Anhänger mobilisieren, die angesichts des großen AfD-Vorsprungs resignieren könnten – und jene Wähler ansprechen, die zwischen CDU und AfD schwanken“, sagt Wahlkämpferin Schmidt.

Hoffnungsschimmer für die CDU

Für CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze kommt die Wahlkampfhilfe zur rechten Zeit. Während die AfD in Umfragen auf etwa 40 bis 42 Prozent kommt, erreicht die CDU nur rund 22 Prozent. Gleichzeitig zeigt sich aber eine auffällige Lücke zwischen der Schwäche der Partei und der Beliebtheit ihres Spitzenkandidaten: Bei der Frage nach dem gewünschten Ministerpräsidenten liegt Schulze mit 41 Prozent sogar knapp vor AfD-Kandidat Ulrich Siegmund mit 39 Prozent. Ein politischer Trumpf - und ein Hoffnungsschimmer für die CDU.

In Halle-Neustadt konnte Wüst nur wenige CDU-Flyer loswerden. Besser läuft das Gespräch mit Ehrenamtlichen im Garten des Dorfgemeinschaftshauses des Örtchens Zscherben. Die Diskussion verläuft nahezu ausgewogen. AfD-Anhänger beklagen, man würde ihren Vertretern ständig ins Wort fallen. Eine Seniorin sagt, sie habe „Angst vor Sonntag“ und einem Sieg der Rechtsextremen.

Wüst hört vor allem zu, mischt sich in die Debatten über Kita-Schließungen, neue Radwege und die Rente mit 63 nicht ein. Aber er gibt einen persönlichen Rat: „Wählen Sie nur Menschen, denen Sie persönlich vertrauen. In der Politik kommt es auf den Mann oder die Frau an der Spitze an. Ich habe in NRW natürlich auch gute Berater und Referenten. Aber am Ende entscheidet der Ministerpräsident selbst. Dann kommt es darauf an, dass jemand einen Charakter hat, einen klaren Kompass und eine seriöse Herangehensweise. So wie Sven Schulze.“

Dann berichtet Wüst den Zuhörern von seinem ersten Termin an diesem Tag. Da hatte er das Bauunternehmen Papenburg besucht und sich mit den Azubis unterhalten. Weil die Firma in Deutschland keine Fachkräfte findet, wirbt sie junge Leute aus dem Ausland an, die in Halle einen Führerschein machen, um Baufahrzeuge fahren zu können. „Die machen sich Sorgen darum, ob sie in Sachsen-Anhalt bleiben können, wenn die AfD regiert. Die Chefin hat mir gesagt, dass sie das Unternehmen ohne die angeworbenen Kräfte dichtmachen müsste.“

Wüst verweist auf Wilders

Manche Zuhörer nicken, andere glauben, dass schon alles nicht so schlimm wird. Die Grünen seien doch am Anfang auch radikal unterwegs gewesen und jetzt zu einer Partei der Mitte geworden, sagt ein Mann und betont, man könne die AfD doch nicht mit den Nazis vergleichen. Wüst geht darauf nicht ein, verweist auf die Erfahrungen in den Niederlanden. Dort habe der Rechtspopulist Geert Wilders – „der mit den wilden Haaren“ – den Leuten „jahrelang alles Mögliche“ erzählt. Dann habe er, endlich in der Regierung angekommen, nach nur elf Monaten „die Brocken hingeworfen“. Er habe Angst davor gehabt, an seinen Sprüchen gemessen zu werden. Veränderungen würden nicht über Nacht gelingen.

Hendrik Wüst (l, CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, und Michael Scheffler (CDU), Landtagsabgeordneter Sachsen-Anhalt, sitzen im Garten eines Dorfgemeinschaftshauses und sprechen mit Bürgern.

Hendrik Wüst (l, CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, und Michael Scheffler (CDU), Landtagsabgeordneter Sachsen-Anhalt, sitzen im Garten eines Dorfgemeinschaftshauses und sprechen mit Bürgern.

Beim letzten Termin am frühen Abend wird es noch ländlicher. In einer Schnapsbrennerei im Dorf Langenbogen treffen Wüst und Sven Schulze aufeinander. Der CDU-Spitzenkandidat nennt das „Straßenwahlkampf“ und lobt den Gast aus NRW dafür, dass er sich lieber an die Front begeben habe, anstatt in einem Saal mit CDU-Anhängern zu diskutieren. Wüst sei sein „Freund“: „Auch Hendrik hatte bei seinem Amtsantritt nur wenig Zeit, um vor der Wahl bekannt zu werden. Aber er hat Gas gegeben und Erfolg gehabt. Wir ticken ähnlich.“

Dem Wüst-Besuch in Sachsen-Anhalt war am Tag zuvor ein Auftritt von Friedrich Merz vorausgegangen. Nach der Debatte um einen möglichen „Kanzlertausch“ achtete der Ministerpräsident darauf, dass seine Visite nicht als Gegenmodell wahrgenommen werden konnte. Nur wenige Journalisten erfuhren von dem Termin.

Volker Kronenberg, Akademischer Direktor und Professor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, hält den Wüst-Besuch für einen klugen Schachzug: „Hendrik Wüst wird bei den Wahlkämpfern vor Ort als anschlussfähig wahrgenommen, nicht als ‚Bad Guy‘, als der der Kanzler für viele herhalten muss“, sagte der Hochschullehrer dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Wüst gelte als nahbarer Erklärer und Integrator – „Merz nicht“. Es stärke ihn, dass ihm das Kanzleramt zugetraut werde. „Wüst verkörpert Machtwillen ohne Ungeduld, er verkörpert das freundliche Gesicht der CDU, das im Land ‚liefert‘ und nicht mit Enttäuschung, Belehrung und gebrochenen Versprechen verbunden wird.“