Höheres Risiko für KrankheitenWo in Köln die meisten Kinder mit Übergewicht und schlechten Zähnen leben

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Schüler des Immanuel-Kant-Gymnasiums essen in der Mensa der Schule. 



Manche Schulen bieten in der Mensa Essen für alle Schülerinnen und Schüler an.

Schlechte Ernährung ist oft auch eine Frage des Geldbeutels und der fehlenden Gesundheitserziehung.

Armut macht Kölner Kinder krank. Das zeigt ein Gesundheitsreport der AOK deutlich auf.

Kinder und Jugendliche aus Kölner Haushalten mit ALG-2-Bezug haben ein deutlich höheres Risiko krank zu werden als Kinder aus reicheren Familien. Sie leiden relevant häufiger an Sprachentwicklungsstörungen, motorischen Entwicklungsstörungen, Sozialverhaltensstörungen oder Sucht. Auch Kinder mit mindestens einem psychisch kranken Elternteil starten mit deutlich schlechteren Aussichten auf ein gesundes Leben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ADHS, Sozialverhaltensstörungen, Essstörungen oder Suchterkrankungen entwickeln, ist stark erhöht. Dies geht aus dem AOK-Gesundheitsreport 2022 hervor, dessen Auswertung für Köln und den Rhein-Erft-Kreis dem Kölner Stadt-Anzeiger exklusiv vorliegt.

„Besonders erschreckt hat uns, wie viele Kinder schon mit mindestens einem Belastungssymptom in ihr Leben starten, also kranke oder pflegebedürftige oder arme Eltern haben“, sagt Projektleiter Volquart Stoy von der AOK Rheinland/Hamburg. Bezogen auf ganz NRW liegt in diesem Punkt die Stadt Essen an der Spitze, zwei Drittel der Kinder wachsen hier mit mindestens einer Belastungssituation auf. Im Oberbergischen Kreis betrifft das dagegen nur 38,5 Prozent der Versicherten. Ein ähnliches Gefälle ergibt sich beim Blick auf die Zahlen von Köln. Während in Mülheim fast zwei Drittel der Kinder betroffen sind, wachsen die Kinder in Lindenthal bei 45,5 Prozent mit mindestens einer Belastungssituation vergleichsweise sorgenfreier auf.

Ebenso sieht es bei der Verteilung der Kinder aus ALG-2-Haushalten aus. Mit 42,3 Prozent lebt laut AOK-Zahlen fast jedes zweite Kind in Mülheim in einer ALG-2-Familie, während dies in Lindenthal auf nur 23,4 Prozent der Kinder zutrifft. Arm heißt für diese Kinder aber nicht nur wenig Geld zu haben.

Es bedeutet auch, mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko ins Leben zu starten. So ist die Karte mit der Allergie-Häufigkeit bei Kindern fast deckungsgleich mit der zum ALG-2-Bezug. Knapp jedes fünfte Kind in Chorweiler, Kalk, Mülheim und Wesseling leidet laut AOK-Daten unter Allergien, während zum Beispiel in der Kölner Innenstadt nur jedes achte Kind betroffen ist. Kinder- und Jugendarzt Axel Gerschlauer schließt wegen der räumlichen Nähe der Gebiete eine reine Umweltbelastung als Grund aus. „Es könnte an der gesundheitlichen Aufklärung liegen und dass in manchen Stadtteilen mehr Menschen in Gegenwart ihrer Kinder rauchen als in anderen.“

Auch auf die Kinderzähne scheint der Wohnort Einfluss zu haben. So haben laut AOK in der Kölner Innenstadt mit 75,5 Prozent drei Viertel aller Sechsjährigen noch keine einzige Füllung im Milchzahngebiss. In Porz (56 Prozent), Mülheim (60,4 Prozent), Chorweiler (61,0 Prozent), Ehrenfeld (61,3 Prozent) und Kalk (61,8 Prozent) sind die Gebisse dann nur noch in etwas mehr als der Hälfte der Fälle tadellos.

Sieht man sich die Gesundheit der Kinder- und Jugendlichen aus ALG-2-Haushalten genauer an, so zeigt sich, dass sie mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit an Sprachentwicklungsstörungen leiden (plus 27 Prozent), motorische Entwicklungsstörungen (plus 25 Prozent), Sozialverhaltensstörungen (plus 40 Prozent) und Sucht (plus 29 Prozent) zeigen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder schon im Mutterleib geschädigt werden, ist um 155 Prozent erhöht.

Kinder aus Mülheim (9,7 Prozent), Kalk und Chorweiler (beide 8,6 Prozent) sind laut Datenlage der AOK auch rund doppelt so häufig von Adipositas betroffen wie die Kinder in der Kölner Innenstadt (4,8 Prozent) oder in Lindenthal (5,1 Prozent). Allerdings ist das Bild hier nicht ganz eindeutig. Den höchsten Anteil an dicken Kindern hat nämlich Nippes. Dort ist jedes achte Kind von Adipositas betroffen.

Aber nicht nur die finanzielle Ausstattung der Familie, in die Kinder hineingeboren werden, spielt eine Rolle dafür, ob der eigene Lebensweg ein gesunder wird. Einen Risiko-Rucksack zu tragen haben laut Daten der AOK auch Kinder mit mindestens einem psychisch erkrankten Elternteil. So ist in diesen Fällen schon eine mehr als doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit gegeben, dass der Fötus geschädigt wird.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind an ADHS erkrankt, ist um 72 Prozent erhöht, Essstörungen kommen 69 Prozent häufiger vor, Sozialverhaltensstörungen 68 Prozent häufiger. Und auch eine Suchterkrankung trifft Kinder psychisch kranker Eltern sehr viel häufiger (plus 49 Prozent). Die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst Psychopharmaka benötigen, liegt um 76 Prozent höher als bei der Vergleichsgruppe.

Den Auswertungen zu Grunde liegen Daten der AOK-Versicherten im Rheinland. Von allen Versicherten in Köln und dem Rhein-Erft-Kreis ist nach Angaben der Krankenkasse etwa jeder Vierte gesetzlich Versicherte bei der AOK. Die Krankenkasse hat damit den größten Marktanteil unter allen Einzelversicherungen.

Die Daten bilden eine Grundlage für Gesundheitsprojekte in der Region. So wurde laut AOK beispielsweise das Gesundheitsnetzwerk „Die Kümmerei“ in Chorweiler aufgesetzt. Gemeinsam mit dem HerzNetzKöln² und der Stadt werden hier Versorgungsangebote gebündelt, die medizinische und soziale Versorgung vor Ort miteinander verzahnen sowie die Prävention im Kölner Norden stärken. Es gibt aber auch für Jugendliche angebotene Bewegungsprogramme in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule, beispielsweise in Meschenich, sowie Kooperationen zur Gesundheitsbildung mit Kitas

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