„Bedrückende Erkenntnisse“Zunehmende Gewalt gegen Lehrkräfte – Fall in Ibbenbüren trauriger Höhepunkt

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Auf einer Treppe vor dem Berufskolleg Tecklenburger Land wurden Kerzen und Blumen abgelegt. Ein Absperrband der Polizei spannt über den Stufen.

Auf einer Treppe vor dem Berufskolleg Tecklenburger Land wurden nach der Tat Kerzen und Blumen abgelegt. Der verdächtige 17-jährige Schüler, der eine Lehrerin in Ibbenbüren getötet haben soll, war zuvor ´durch sein verbal aggressives Verhalten aufgefallen». Das berichtete Nordrhein-Westfalens Schulministerin Feller (CDU).

Berufsverbände beklagen zunehmende Gewaltausbrüche gegen Lehrkräfte. Die Tat von Ibbenbüren beschäftigt nun die NRW-Politik.

Es ist ein Dienstag, der 10. Januar, früher Nachmittag. Die Deutschlehrerin Martha S., 55, sitzt allein in einem Klassenzimmer der „Kaufmännischen Schule Tecklenburger Land“ im westfälischen Ibbenbüren. Die Lehrstätte bietet diverse Abschlüsse bis hin zum Abitur an.

Es ist kurz vor 15 Uhr, als sich der 17-jährige Schüler Mehmet L. (Beide Namen geändert) dem Raum nähert. Am Morgen hatte der Jugendliche einen eintägigen Schulverweis erhalten. Offenbar gehörte er zu den Problemfällen in der Lehranstalt. Die späteren Ermittlungen werden ergeben, dass Mehmet L. wiederholt Lehrer und Lehrerinnen beschimpft haben soll.

Attacke in völliger Rage

An jenem Nachmittag will der junge Mann seine Klassenlehrerin zur Rede stellen. Er hat ein Messer dabei. Was dann geschieht, versuchen eine Mordkommission der Polizei und die Staatsanwaltschaft Münster noch aufzuhellen. Fakt ist, dass der aufgebrachte Schüler in völliger Rage auf die zweifache Mutter einsticht. Anschließend wählt der Tatverdächtige den Notruf und informiert die Polizei. Widerstandslos lässt er sich abführen.

Martha S. stirbt noch am Tatort. Die Obduktion des Leichnams ergibt laut der Anklagebehörde, dass zahlreiche Stiche das Opfer verbluten ließen. Die Staatsanwaltschaft erwirkt gegen den Teenager einen Haftbefehl.

An der Schule herrscht Fassungslosigkeit. Schüler stellen Kerzen und Teelichter im Gedenken an die getötete Pädagogin auf. In der Aula wird ein Trauerort eingerichtet. Ein Kondolenzbuch für die verstorbene Lehrerin liegt aus.

Ministerin Feller besucht die Schule, Psychologen stehen bereit

NRW-Schulministerin Dorothee Feller spricht bei einem Besuch der Schule den Kolleginnen und Kollegen der Getöteten ihre Anteilnahme aus. „Diese Tat lässt mich und uns alle tief betroffen und erschüttert zurück“, sagt die CDU-Politikerin. In ihrer Trauer werde die Schulgemeinde nicht alleingelassen, unterstrich die Ministerin. So stehe den Betroffenen ein Notfallteam der Schulpsychologie zur Seite. Am Donnerstag beschäftigt sich auch der Innenausschuss im Düsseldorfer Landtag mit dem Fall. 

Bislang schweigt der Beschuldigte zum Geschehensablauf und zu seinem Motiv. War es unbändiger Hass auf sein Opfer und die Schule, der ihn zur Tat trieb?

Laut Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt ist der Schüler nicht bei der Münsteraner Justiz aktenkundig. Zunächst einmal laufen die Ermittlungen unter Totschlagsverdacht. Allerdings kann die Justiz den Vorwurf immer noch auf Mord heraufstufen, sollten etwa die kriminaltechnischen Untersuchungen zum Beispiel das Merkmal der Heimtücke nahelegen. Nach Jugendstrafrecht liegt das Höchstmaß in beiden Fällen bei zehn Jahren.

Berufsverbände registrieren mehr Gewalt gegen Pädagogen

Seit Langem beklagen die Berufsverbände zunehmende Gewaltausbrüche gegen Lehrkräfte. Erst im November 2022 stellte die Lehrergewerkschaft VBE eine neue Studie vor, in der ein größerer Teil der 1300 befragten Schulleiter  „bedrückende Erkenntnisse" zum Thema Gewalt gegen pädagogisches Personal schildern. Laut dem Bundesvorsitzenden des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, berichten zwei Drittel der Direktoren von Beleidigungen, Bedrohungen oder Belästigungen in den vergangenen fünf Jahren. 2018 waren es noch 48 Prozent. Auch nehme Cybermobbing gegen die Lehrkräfte massiv zu.

Ein Drittel der Schulen meldet gewalttätige körperliche Angriffe auf Pädagogen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen registrierte die Studie in knapp der Hälfte der befragten Lehranstalten körperliche Attacken. Betroffen sind den Angaben zufolge insbesondere Förder- und Sonderbildungsstätten, aber auch Haupt-, Real- und Gesamtschulen.

69 Prozent der Schulleitungen beklagen bundesweit den Lehrkräftemangel, ein Drittel moniert die hohe Arbeitsbelastung, und etwa 25 Prozent bemängeln die Probleme bei der Inklusion und der Integration Geflüchteter.

Rechtsextremistischer Anschlag in Essen 

Immer wieder sorgen gewaltbereite Schüler für Schlagzeilen, die Tat von Ibbenbüren ist dabei ein trauriger Höhepunkt. Derzeit muss sich auch der heute 17-jährige Martin M. (Name geändert) vor dem Düsseldorfer Staatsschutzsenat wegen eines geplanten rechtsextremistischen Anschlags auf seine Schule in Essen im Frühjahr 2022 verantworten. Mit Rohrbomben wollte der Zehntklässler unter verhassten Lehrern und Mitschülern ein Blutbad anrichten, 16 selbstgebaute entdeckten die Staatsschützer bei der Festnahme. Es fehlte nicht mehr viel, um sie zu zünden.

In seinen Pamphleten sprach M. von unbändigem Hass gegen seine Umwelt und vom drohenden „Untergang der weißen Rasse“. Zu seinen Vorbildern zählte der Massenmörder Anders Breivik, der 2011 auf der norwegischen Insel Utoya 69 Schüler und Schülerinnen tötete sowie Tim K., der 17-jährige Amokläufer aus Winnenden. Sein Amoklauf an einer Realschule 2009 kostete zehn Schüler und Schülerinnen sowie drei Lehrerinnen das Leben. Später tötete er sich selbst.

Mordpläne gegen Chemielehrer

Zehn Jahre nach Winnenden schmiedeten drei Jugendliche in Dortmund ein Mordkomplott gegen einen ungeliebten Chemielehrer an der Martin-Luther-King-Gesamtschule. Im Mai 2019 versuchten ihn die drei Schüler unter einem Vorwand in einen benachbarten Garagenhof zu locken, um ihm mit Hämmern den Schädel zu zertrümmern. Der jüngste der drei hatte diesen Plan ausgeheckt. Der damals 16-jährige Schüler hatte sich über die schlechte Note in Chemie geärgert.

Der Lehrer ahnte Schlimmes und ging nicht in die Falle. Von dem Tötungsplan erfuhr der Pädagoge allerdings erst an einem Elternsprechtag durch den Hinweis eines Klassenkameraden. Der Hauptangeklagte wurde zu drei Jahren Jugendhaft wegen versuchten Mordes verurteilt, ein Komplize erhielt eine Arreststrafe, der dritte im Bunde wurde freigesprochen, weil er von der Tat noch rechtzeitig zurücktrat. Im April 2022 hob der Bundesgerichtshof den Freispruch auf. Dieser Fall muss noch einmal neu verhandelt werden.


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