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NRW-Unfallzahlen auf Rekord-HochReul will Führerscheinpflicht für E-Scooter prüfen

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Ein Mann ist auf einem E-Scooter unterwegs – bislang ist dafür keine Fahrerlaubnis erforderlich.

Ein Mann ist auf einem E-Scooter unterwegs – bislang ist dafür keine Fahrerlaubnis erforderlich. 

Fahrer von E-Scootern sollen ihre Eignung nachweisen, ein solches Gefährt sicher führen zu können – dafür will sich NRW-Innenminister Reul einsetzen. 

NRW-Innenminister Herbert Reul spricht sich für die Einführung eines Führerscheins für E-Scooter aus. „Für viele Fahrer scheinen die Verkehrsregeln eher Empfehlungen zu sein“, sagte der CDU-Politiker am Mittwoch bei der Vorstellung der Verkehrsunfallbilanz für 2025 in Düsseldorf. Rund 3900 Menschen sind im vergangenen Jahr mit einem E‑Scooter verunglückt. Das ist ein Anstieg von rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr – der stärkste Zuwachs in allen Verkehrsbereichen. Angesichts dieser Entwicklung müsse man sich fragen, ob nicht ein „Mindestmaß an Regelkenntnissen“ für die Nutzung von E-Scootern vorausgesetzt werden müsse. „Vielleicht ähnlich wie bei der Mofa‑Prüfbescheinigung. Wir sollten das zumindest ernsthaft prüfen“, sagte Reul.

Die Einführung eines E-Scooter-Führerscheins müsste von der schwarz-roten Bundesregierung in Berlin beschlossen werden. Wer einen Mofa-Führerschein erwerben will, muss mindestens 15 Jahre alt sein.  Die Probanden müssen sechs Theoriestunden in einer Fahrschule absolvieren. Die Kosten liegen im Schnitt zwischen 150 und 180 Euro. 

Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, stellte die polizeiliche Verkehrsunfallbilanz 2025 im Landtag in Nordrhein-Westfalen vor.

Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, stellte die polizeiliche Verkehrsunfallbilanz 2025 im Landtag in Nordrhein-Westfalen vor.

Der Statistik zufolge waren an den E-Scooter-Unfällen im vergangenen Jahr auch 566 Kinder beteiligt – das ist ein Anstieg von 72 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Viele Fahrer würden die Gefahren der konstruktionsbedingt instabilen Fahrzeuge unterschätzen. „Ein E‑Scooter ist kein Tretroller und auch kein Spielzeug“, warnte Reul. Aber viele würden einfach aufsteigen und sich in den Straßenverkehr begeben. Auch der Einfluss von Alkohol ist oft die Ursache von schweren Unfällen. 79 Prozent der E‑Scooter gehören Privatpersonen.

Zahl der Unfälle steigt

Im Jahr 2025 hat die Polizei insgesamt 656.030 Verkehrsunfälle auf den Straßen in NRW registriert – rund 11.000 mehr als im Jahr davor. Dabei wurden 81.231 Menschen verletzt oder getötet. „Das ist ein voll besetzter Signal-Iduna-Park in Dortmund“, sagte Reul. Rund 70.500 Menschen wurden leicht, rund 10.000 schwer verletzt. 479 Menschen haben ihr Leben verloren – sechs weniger als im Vorjahr. „Das waren Menschen wie Sie und ich“, erklärte der NRW-Innenminister. „Menschen, die sich morgens von ihren Liebsten verabschiedet haben und abends nicht mehr nach Hause gekommen sind. Ich weigere mich, das als Normalität zu akzeptieren. Denn die allermeisten dieser Unfälle müssten nicht passieren“, sagte Reul.

Pedelecs geraten bei hohem Tempo außer Kontrolle

Besonders ins Auge fällt der Bereich Radverkehr. Mittlerweile entfallen rund 34 Prozent aller Unfälle mit Personenschaden auf Fahrräder oder Pedelecs – also mehr als jeder dritte Unfall. 106 Menschen sind dabei im vergangenen Jahr ums Leben gekommen – die höchste Zahl im Zehnjahresvergleich. Die stärksten prozentualen Anstiege verzeichnet die Bilanz bei den unter 14-Jährigen und den 15‑ bis 17‑Jährigen. „Pedelecs sind längst kein ‚Seniorenfahrzeug‘ mehr“, betonte der CDU-Politiker aus Leichlingen. 2025 waren es 59 Prozent mehr verunglückte Kinder und fast 39 Prozent mehr verunglückte Jugendliche auf dem Pedelec als im Vorjahr. „Wer mit dem Pedelec unterwegs ist, erreicht Geschwindigkeiten, die er vom klassischen Fahrrad nicht gewohnt ist. Das verändert Fahrdynamik, Bremswege und Reaktionszeiten – und das muss man beherrschen“, erklärte Reul.

19 Tote bei illegalen Autorennen

2025 hat die Polizei in Nordrhein‑Westfalen 2384 verbotene Kfz‑Rennen registriert – der höchste Stand seit Beginn der Statistik. In 663 Fällen kam es infolge solcher Rennen zu Verkehrsunfällen. 19 Menschen starben  – so viele wie noch nie seit Einführung des Straftatbestands. „Wer unsere Straßen zur Rennstrecke macht, begeht keine Ordnungswidrigkeit. Er begeht eine Straftat. Das kann einen wütend machen“, stellte Reul klar.

Weniger tödliche Unfälle mit Motorrädern

Die Zahl der getöteten Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer ist deutlich gesunken. 45 Menschen kamen 2025 bei Motorradunfällen ums Leben, im Vorjahr waren es noch 86 – ein Rückgang von über 47 Prozent und der niedrigste Stand im Zehnjahresvergleich. Gleichzeitig stieg die Zahl der Leichtverletzten um 18 Prozent an. Bei den Schwerverletzten gibt es ein leichtes Plus von gut drei Prozent.

Rolle von Cannabiseinfluss als Unfallursache nimmt zu

Im vergangenen Jahr haben sich 4404 Unfälle unter Einfluss von Alkohol oder anderen berauschenden Mitteln ereignet. Den größten Anteil hat Alkohol mit 3274 Unfällen, 1130 Unfälle gehen auf andere berauschende Mittel zurück. Hier wiederum hat Cannabis mit 506 Unfällen den größten Anteil – ein Zuwachs um 23 Prozent und der höchste jemals erfasste Wert.

Immer mehr Pkw auf NRW-Straßen

Die Anzahl der Straßenverkehrsunfälle ist im Zeitraum von 1970 bis 2024 um insgesamt 90,5 Prozent angestiegen. Diese Steigerung geht mit dem zunehmenden Kfz-Bestand einher, der sich seit 1970 mit einem Plus von 193,5 Prozent beinahe verdreifacht hat. Dem gegenüber sank im gleichen Zeitraum die Anzahl der Unfälle mit Personenschaden um 41 Prozent. Dabei spielt vor allem die Einführung von verbesserter Sicherheitstechnik eine Rolle, die die Autos sicherer macht und die Fahrer vor Verletzungen schützt.

2025 lagen die Unfallkosten bei rund 9,3 Milliarden Euro. „Das ist mehr, als wir in einem Jahr für Innere Sicherheit insgesamt zur Verfügung haben“, sagte Reul. Autos, Fahrräder, Pedelecs, Lastenräder, E‑Scooter, Motorräder und Fußgänger würden sich heute oft denselben, engen Raum teilen. Neue Straßen und Wege kämen dagegen kaum hinzu. „Wo mehr Verkehr auf gleich viel Raum trifft, entstehen neue Konflikte – und diese Konflikte schlagen sich in den Unfallzahlen nieder“, bilanzierte der NRW-Innenminister.