Das Pilgerheim Weltersbach feiert sein 100-jähriges Bestehen. Das vergangene Jahrhundert war allerdings auch von vielen Krisen geprägt.
Weltersbach feiert JubiläumEin Jahrhundert zwischen Krisen und Wandel in Leichlingen

Eine Postkarte zeigte Weltersbach damals.
Copyright: Weltersbach/Repro Gniß
Für 80.000 Mark werden ein altes Gut und eine Mühle 1926 im Weltersbachtal erworben. Hier soll ein Feierabendheim entstehen, das bedürftige Menschen unterstützt. Pastor Ernst Merten aus Barmen wird erster Heimleiter, am 15. Juni erfolgt die Gründung des Trägervereins. Im darauffolgenden Jahr zieht die erste Bewohnerin, eine vollständig gelähmte Dame aus Barmen, ein.
100 Jahre besteht das Pilgerheim Weltersbach in diesem Jahr. Die Leitungen mussten immer wieder Krisenmanagement betreiben, sich neu erfinden und entwickeln, um so lange in turbulenten Zeiten Bestand zu haben. Die ersten Ideen wurden schon vor dem Ersten Weltkrieg erarbeitet. Nach seiner Gründung erlebt Weltersbach den Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegszeit, den Zustrom von Geflüchteten aus dem Osten, finanzielle Krisen, Fluten.
„Zeitweise musste der Betrieb aus Mangel an Kartoffeln eingestellt werden, die Lebensmittelversorgung war wie überall dramatisch“, erzählt Geschäftsführer Ralf Beyer und: „Zur Kriegszeit wurden im Heim auch Zwangsarbeiter versorgt.“ Das Pilgerheim versteht sich von Anfang an als Einrichtung, die Menschen in Not unterstützt – dabei droht sie selbst aber auch immer wieder, an ihre Grenzen zu stoßen.

Der Dorfkern der Anlage heute.
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2018 war Weltersbach von der Flut stark betroffen. Die Flut zerstörte einige Gebäude, Tiere starben, die Versorgung war schwierig und einige Bewohner mussten evakuiert werden. Für die Flut im Jahr 2021 waren dadurch allerdings schon einige Präventionsmaßnahmen getroffen worden, sodass dieses Hochwasser für deutlich weniger Schäden sorgte.
Wir wollen hier jeden Menschen sehen, in seiner Individualität und seinen Nöten.
Für Ralf Beyer ist klar: Dieses vergangene Jahrhundert voller Krisen konnte Weltersbach nicht allein durch menschliche Hand überstehen. „Ich habe keinen Zweifel, dass es Gottes Bewahrung ist. Da waren so existenzielle Krisen dabei – Weltersbach würde es nicht geben, wenn es nicht unter göttlichem Schutz stünde“, so der Geschäftsführer der christlichen Einrichtung. Außerdem habe der Idealismus der Mitarbeitenden und ihre Identifikation mit dem Diakoniewerk maßgeblich dazu beigetragen, das Pilgerheim zu erhalten. „Niemand hat auf die Uhr geschaut, sondern alle haben angepackt, um die Schäden zu beheben“, so Beyer.
Ein Dorf mit sechs Pflegehäusern
Die Institution versteht sich als Dienst- und Lebensgemeinschaft. Der biblische Wert der Barmherzigkeit stehe dabei im Zentrum, sagt Beyer und: „Wir wollen hier jeden Menschen sehen, in seiner Individualität und seinen Nöten.“ Das Dorf umfasst heute sechs Pflegehäuser, eine Physio- und Ergotherapie, einen Friseur, Bibelgarten, Kirche und Dorfcafé. Die Institution pflegt 300 Seniorinnen und Senioren, weitere 220 wohnen im „Wohnen mit Service“-Konzept. Sonntags finden Gottesdienste in der Kirche im Dorf statt, zudem gibt es Andachten und Bibelstunden. Ralf Beyer ist wichtig zu betonen: „Das Dorf bietet eine geistliche Gemeinschaft, das ist Teil der DNA von Weltersbach.“
Daneben ist das Diakoniewerk Weltersbach laut Beyer allerdings auch die größte Pflegeeinrichtung im Rheinisch-Bergischen Kreis und Leichlingens größter Arbeitgeber. „Diakonie ist Glaube in die Tat umgesetzt. Gleichzeitig muss man wirtschaftlich handeln. Aber wir haben keine Investoren, das heißt, jeder Gewinn kommt dem Diakoniewerk zugute und wird an anderer Stelle investiert“, äußert sich Beyer dazu.

Die Belegschaft zu Beginn der Einrichtung.
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Den Pflegekräftemangel bekommt dabei auch Weltersbach deutlich zu spüren. Das Pilgerheim bildet deshalb im großen Stil aus: 50 Auszubildende haben sie, davon 40 in der Pflege. Gleichzeitig schafft die Einrichtung Wohnraum für Mitarbeitende auf dem Gelände, um neue Fachkräfte zu gewinnen. „Wir möchten, dass sich Mitarbeitende bei uns so wohlfühlen, dass sie nirgendwo anders mehr hinwollen“, sagt der Geschäftsführer. Er hofft, dass sich der Fachkräftemangel in Weltersbach in den nächsten Jahren abschwächen wird, wenn sein neues Ausbildungskonzept Frucht trägt.

Geschäftsführer Ralf Beyer blättert in Unterlagen zur Historie des Pilgerheims.
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100 Jahre Weltersbach bedeuten für ihn laut eigener Aussage vor allem: große Dankbarkeit – dafür, dass das Pilgerheim die zurückliegenden Krisen überstanden hat. Gleichzeitig spricht er auch von einer „großen Verantwortung“, Weltersbach zukunftsfähig weiterzuführen. Für die nähere Zukunft stehen schon zwei konkrete Projekte an: Aus Personalmangel sind seit ein paar Jahren zwei Wohnbereiche nicht belegt, diese möchte er nun reaktivieren.
Leichlinger Pilgerheim will seine Zukunft sichern
Schon im Mai ist der erste Wohnbereich wiedereröffnet worden. Das Novum ist eine Schülerstation, eine Station, die von Auszubildenden verschiedener Lehrjahre geführt wird. „Wir wollen damit die Qualität unserer Ausbildung erhöhen, indem die Auszubildenden mehr Verantwortung übernehmen“, erklärt Beyer das Konzept. Das zweite Haus möchte der Geschäftsführer um den Jahreswechsel wieder in Betrieb nehmen. Dort soll dann ein Demenzbereich entstehen, um auf das Krankheitsbild gezielter eingehen zu können.
Diese neuen Pläne sollen Weltersbach für die kommenden Jahrzehnte zukunftssicher gestalten. Gleichzeitig soll der Geburtstag gebührend zelebriert werden. Den Auftakt macht ein Konzert am 19. Juni um 19.30 Uhr mit dem Künstler-Ehepaar Lothar und Margarete Kosse. Am nächsten Tag folgt der Festakt ab zehn Uhr, unter anderem mit Innenminister Herbert Reul und Landrat Arne von Boetticher. Daran anschließend lädt das Diakoniewerk zu einem Dorffest mit Live-Bands ein. Am Sonntag um zehn Uhr schließen die Feierlichkeiten in einem Festgottesdienst.
