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Im Stadion höhere Herzfrequenz als vorm FernseherFußballfieber lässt sich messen

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Fußballfans von Arminia Bielefeld in der Bielefelder Innenstadt beim Public Viewing des Pokalfinales am 24. Mai 2025  gegen den VfB Stuttgart.

Fußballfans von Arminia Bielefeld in der Bielefelder Innenstadt beim Public Viewing des Pokalfinales am 24. Mai 2025  gegen den VfB Stuttgart. 

Forscher der Universität Bielefeld haben sich mit dem Fußballfieber befasst. An Spieltagen steigt der Puls am frühen Morgen an. Beim DFB-Pokalfinale Bielefeld gegen Stuttgart im Mai 2025 schnellte die Herzfrequenz der Arminia-Fans auf bis zu 108 Schläge pro Minute. 

Wissenschaftler an der Universität Bielefeld haben eines der letzten Geheimisse des Fußballs entschlüsselt. Fußballfieber kann man messen. Das ist das Ergebnis einer Studie mit 229 Fans von Arminia Bielefeld, die sich vor dem DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart am 24. Mai 2025 bereit erklärten, ihren Puls über zwölf Wochen mit Smartwatches oder Fitnessbändern überwachen zu lassen, um kollektive Spannung messbar zu machen.

Das Ergebnis klingt zunächst wenig überraschend. Arminia-Fans, die das Glück hatten, ein Ticket für Berliner Olympiastadion ergattert zu haben, wiesen während des Spiels eine durchschnittliche Herzfrequenz von 94 Schlägen pro Minute auf. Vor dem Fernseher lag der Plus nur noch bei 79, beim Public Viewing waren es sogar nur 74 Schläge pro Minute.

Rudelgucken ist vergleichsweise entspannend

Der Unterschied wird bei emotionalen Höhepunkten noch größer. Nach dem ersten Tor von Arminia Bielefeld schnellte der Puls der Stadionbesucher auf durchschnittlich 108 Schläge, und lag damit 36 Prozent über dem der TV-Zuschauer. „Die direkte Präsenz verstärkt die körperliche Reaktion offenbar erheblich“, sagt Christiane Fuchs, Co-Autorin der Studie und Leiterin der Data-Science-Gruppe an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Bielefeld. Wo die Probanden das Finale verfolgten, hatte das Forschungsteam erst nach dem Spiel per Fragebogen erfasst.

Ursachen für das Stadionfieber lassen sich anhand der verfügbaren Daten nicht eindeutig bestimmen. Den Wissenschaftlern zufolge könnte die direkte Nähe zum Spielgeschehen im Stadion die Herzbelastung erhöhen. Reizdichte, emotionale Ansteckung und Erwartungsspannung könnten dort stärker als vor dem Fernseher wirken, während diese Effekte beim Public Viewing trotz gemeinsamer Atmosphäre offenbar abgeschwächt bleiben.

Schon normale Spieltage bedeuten für die Arminia-Fans erhöhten Stress. Die Daten zeigen höhere Werte als an Wochentagen. Die Wissenschaftler vermuten dahinter eine grundsätzlich gesteigerte Aktivität an diesem Tag der Woche. Am Finaltag aber stiegen die Messwerte drastisch. Der durchschnittliche Stresspegel erreichte 45,3 Punkte auf einer Skala zwischen 0 und 100. An regulären Tagen waren es nur 31,9.

Wir sehen die Aufregung schon lange vor Spielbeginn
Christian Deutscher, Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld

Besonders auffällig ist der Verlauf über den Tag. Bereits morgens um sechs Uhr, 14 Stunden vor Anpfiff, lagen die Werte über dem Normalbereich. Die Anspannung steigerte sich kontinuierlich und erreichte ihren Höhepunkt kurz vor dem Anpfiff um 20 Uhr. „Wir sehen die Aufregung schon lange vor Spielbeginn“, erklärt Christian Deutscher von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft. Selbst nach Mitternacht blieben die Werte erhöht.

Die Untersuchung, bekannt als „Fußballfieber‑Studie“, erfasste Vitaldaten von 229 Arminia‑Fans über einen Zeitraum von zwölf Wochen. Grundlage waren von den Teilnehmenden freigegebene Daten ihrer Garmin‑Smartwatches. 194 Teilnehmende lieferten Daten am Finaltag, 37 füllten zusätzlich Fragebögen aus. Das Finale war historisch für den Drittligisten Arminia Bielefeld, der zum ersten Mal im Endspiel des DFB-Pokals stand.

Trotz der 2:4-Niederlage gegen den VfB Stuttgart zeigten die Fans in den letzten Minuten nach zwei eigenen Toren wieder Spitzenwerte beim Puls. „Obwohl die Siegchancen zu diesem Zeitpunkt objektiv gering waren, zeigten sich bei den Fans in den Schlussminuten noch einmal deutliche Reaktionen“, so Christiane Fuchs.

Die Studie ist am Forschungsbereich QUAMU der Universität Bielefeld angesiedelt, der sich mit der Quantifizierung von Unsicherheit und dem Umgang mit Unsicherheit befasst. Daraus sollen Strategien für gesellschaftlich relevante Herausforderungen entwickelt werden.

Bei einem weiteren Projekt wird untersucht, wie katastrophale Extremwetter, die wie an der Ahr und in der Eifel im Sommer 2021 vor ihrem Eintreten als unwahrscheinlich galten, die Bereitschaft beeinflusst, Klimaschäden vorzubeugen und zu verhindern und dafür auch Geld zu investieren.