Jürgen Rüttgers gilt als Vertreter einer sozialen und wertegebundenen CDU. Jetzt wird der frühere Bundesforschungsminister und Ministerpräsident von NRW 75 Jahre alt.
Jürgen Rüttgers feiert GeburtstagDer Mann, der Angela Merkel zur Kanzlerin machte, wird 75 Jahre alt

Mit einem großen Blumenstrauß steht die CDU-Vorsitzende Angela Merkel im Jahr 2005 neben Jürgen Rüttgers.
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Der „Rüttgers Club“ war ein Termin, den man als Landesjournalist nicht verpassen sollte. So lautete der Titel der Veranstaltung, zu der der Ministerpräsident des Landes NRW die Presse zum Hintergrundgespräch in die Düsseldorfer Staatskanzlei einlud. Wenn das Tagesgeschäft beendet war, hängte Jürgen Rüttgers sein Sakko über den Sessel und ließ sich ein frisch gezapftes Kölsch reichen.
Dann erläuterte der Regierungschef seinen Blick auf die aktuelle politische Lage in NRW. Mal ging es um den Kohleausstieg, mal um die Staatsmodernisierung, mal um den Grundsatz „Privat vor Staat“. Das war fast immer interessant, konnte manchmal auch etwas länger dauern. Denn: „Alles hängt mit allem zusammen“, lautete oft die Quintessenz von Jürgen Rüttgers.

Der damalige Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers (M), freut sich mit Parteifreunden und seiner Frau Angelika am 22.Mai.2005 in Düsseldorf über die ersten Hochrechnungen.
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Der CDU-Politiker aus Pulheim wird am Freitag 75 Jahre alt. Der Jubilar wird viele Anrufe von Weggefährten und aktuellen Amtsträgern erhalten. Jürgen Rüttgers ist ein Politiker, der sich hohen Respekt verdient hat. Er saß bereits in der Ära von Bundeskanzler Helmut Kohl als Forschungsminister am Bonner Kabinettstisch. 2005 wurde er Ministerpräsident von NRW – und läutete damit in der Bundespolitik eine neue Ära ein.
Vor fünf Jahren, zum 70. Geburtstag, hatte der damalige CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet die Laudatio gehalten. Der Aachener nannte es eine „Riesenleistung“, dass Rüttgers es im Mai 2005 geschafft habe, der SPD nach 39 Jahren in ihrem Stammland den Regierungssessel zu entreißen. „Dieser Wahlsieg in NRW war etwas ganz Besonderes. Angela Merkel wäre ohne dich 2005 nicht Kanzlerin geworden. Das kann man in der rückblickenden Analyse ohne Übertreibung sagen“, würdigte Laschet. Alles hängt eben mit allem zusammen.
2010 überraschend abgewählt
Das gilt auch für die überraschende Abwahl von Rüttgers im Jahr 2010. Noch ein Jahr vor dem Urnengang schien der CDU-Politiker fest im Sattel zu sitzen, die Herausforderin Hannelore Kraft von der SPD lag abgeschlagen auf Rang zwei. Doch dann kam es anders. „Damals auf dem Höhepunkt der Euro-Krise bist du zum Opfer der bundespolitischen Umstände geworden. Die fünf Jahre mit Jürgen Rüttgers als Ministerpräsident hätten eigentlich eine Fortsetzung verdient gehabt“, erklärte Laschet.
Der Schock über die Niederlage hielt Rüttgers nicht davon ab, sich weiter in Stiftungen und Verbänden für seine Kernanliegen zu engagieren. Dazu zählt vor allem die christlich-jüdische Zusammenarbeit. So gehörte er zu den Initiatoren des Festjahrs „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, das von der Grünen-Politikerin Sylvia Löhrmann als Generalsekretärin des Vereins „321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ koordiniert worden war.
Schon während seiner Amtszeit als Ministerpräsident hatte Rüttgers einen Gesprächsfaden mit den Grünen aufgenommen. Damals fand in einem Lokal in Köln-Neuehrenfeld ein Treffen zwischen Rüttgers und der damaligen Fraktionschefin der Grünen im Landtag statt, das der damalige Grünen-Sprecher Rudi Schumacher vermittelt hatte. Über die Begegnung wurde Stillschweigen vereinbart.

Ein Foto aus dem Jahr 1994: Rita Suessmuth vereidigt Jürgen Ruettgers (CDU) im Bundestag als Minister für Forschung und Technologie.
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Sie habe Jürgen Rüttgers als einen Politiker erlebt, mit dem immer „ein offener und respektvoller Austausch“ möglich gewesen sei, sagt Löhrmann rückblickend. „Der harte Streit in der Sache war das eine, Gemeinsamkeiten unter Demokraten auszuloten das andere“, so die Politikerin aus Solingen. Diese Eigenschaft zeichne ihn bis heute aus. Man habe sich, „lange bevor Schwarz-Grün gesellschaftsfähig wurde“, regelmäßig ausgetauscht.
Dass NRW zwölf Jahre nach der Abwahl von Rüttgers von einer Schwarz-Grünen Landesregierung geführt werden sollte, erschien damals vielen in der CDU undenkbar. Nathael Liminski, Chef der Staatskanzlei, erklärte, Rüttgers habe „Weitsicht bewiesen, ohne seine Wurzeln zu vergessen“.
Viele seiner Entscheidungen prägten Nordrhein-Westfalen bis heute, sagte Liminski, der auch Chef der CDU im Bezirk Mittelrhein ist, dem Rüttgers' Heimatverband angehört. „Er hat unser Land modernisiert, Bildung und Forschung gestärkt, neue Chancen für Kinder und Familien geschaffen, die Kultur gefördert und wichtige Impulse für den Strukturwandel gesetzt“, sagte Liminski. Nicht zu vergessen sei auch sein Einsatz für eine starke Zusammenarbeit mit den Benelux-Ländern und für die transatlantischen Beziehungen.
Im April dieses Jahres hatte Liminski die Laudatio auf Rüttgers für eine besondere Ehrung gehalten. Der CDU-Politiker hatte die Auszeichnung „Light of Remembrance“ (Licht des Gedenkens) des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau erhalten. „Der Kampf gegen Antisemitismus und der Einsatz für Holocaust-Bildung bilden den roten Faden des politischen Lebens eines Mannes, der Verantwortung immer ernst genommen hat“, würdigte der Chef der Staatskanzlei den Jubilar.
Die politische Lebensleistung des CDU-Politikers wird auch von SPD und Liberalen hochgeschätzt. Rüttgers habe den Anspruch gehabt, Politik „nicht nur zu verwalten, sondern aktiv zu gestalten“, sagte Jochen Ott, Chef der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag. Nach seiner Zeit als Bundesforschungsminister hätte er „einen bequemeren Weg“ wählen können, stattdessen habe er Verantwortung in NRW übernommen und dabei „große Ausdauer und Beharrlichkeit“ bewiesen. Im Jahr 2000 hatte sein Wahlkampfslogan „Kinder statt Inder“ für Kritik gesorgt. Neun Jahre später sorgte eine Wahlkampfrede über die Arbeitsmoral von Rumänen für einen Eklat.

Jürgen Rüttgers (CDU), nimmt am 23. Juni 2005 zum ersten Mal an seinem neuen Schreibtisch in der Staatskanzlei in Düsseldorf Platz.
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Ralf Witzel war in der Regierungszeit von CDU und FDP Parlamentarischer Geschäftsführer der Liberalen im Landtag. Er lobte die Bereitschaft des damaligen CDU-Frontmanns, „sinnvolle und notwendige Reformen auch gegen Widerstände durchzusetzen“. Damit habe sich Rüttgers „großen Respekt“ verdient, sagte der Vize-Fraktionschef der FDP. „Der Mut zur Erneuerung des Landes und zu klaren Positionen ist bei ihm stärker ausgeprägt gewesen als beispielsweise beim aktuellen Ministerpräsidenten“, sagte Witzel. „Ich wünsche ihm noch viele erfüllte Jahre seines Wirkens auch im politischen Unruhestand.“
In diesem Jahr soll es keine große Party zum Geburtstag geben. Jürgen Rüttgers feiert den 75. Geburtstag im Kreis der Familie.
