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Ina Scharrenbach räumt Fehler ein

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Ina Scharrenbach (CDU), Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung von Nordrhein-Westfalen, wird Führungsversagen vorgeworfen.

Ina Scharrenbach (CDU), Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung von Nordrhein-Westfalen, wird Führungsversagen vorgeworfen.

 NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach steht unter Druck. Mitrabeiter werfen ihr Machtmissbauch vor. Nach einem Enthüllungsbericht zeigte sich die CDU-Politikern demütig.  

Ina Scharrenbach versteckt sich nicht. Sie kommt aus dem Plenarsaal, winkt, und deutet an, dass nur sie eben noch kurz zu Ende telefonieren muss. Wie es geht? „Viel Arbeit“, sagt die NRW-Bauministerin und lächelt verschmitzt. „Haben Sie schon meine Erklärung gelesen?“, will Scharrenbach wissen. Na klar. Ist das jetzt eine Entschuldigung?   „Ich nehme die Vorwürfe ernst“, antwortet die Ministerin, und lässt die Frage offen.

Ina Scharrenbach wirkt nicht wie jemand, dem gerade das Wasser bis zum Halse steht. Dabei hatte ein Artikel, den „Der Spiegel“ am Morgen veröffentlichte, in der Düsseldorfer Staatskanzlei für hektische Betriebsamkeit gesorgt. Der Politikerin aus Kamen wird in dem Bericht vorgeworfen, sie habe Mitarbeiter schlecht behandelt. Dass es im Hause der „eisernen Ina“ bisweilen ruppig zugeht, war in der Landespolitik nicht unbekannt. „Aber dieses Ausmaß schon schockierend“, sagt ein Mitglied der CDU-Landtagsfraktion.

Der Bericht des Nachrichtenmagazins trägt die Überschrift „Diese Frau hat mich zerstört“. Darin kommen Mitarbeiter zu Wort, die anonym über eine Atmosphäre berichten, die „von Angst und Schrecken“ geprägt sei. Das Führungsverhalten sei „desaströs“, die Umgangsformen „gesundheitsschädigend“. Es bestehe die Sorge, dass sich Kolleginnen und Kollegen schlimmstenfalls „etwas antun könnten“.

Das ist starker Tobak. Explizit wird mit Oliver Heidinger, dem Präsidenten des Statistikamts IT.NRW, ein mutmaßliches Scharrenbach-Opfer namentlich genannt. Heidinger soll in Jour-Fixe-Runden regelmäßig vorgeführt und angebrüllt worden sein. Eine Anwaltskanzlei soll den Auftrag bekommen haben, Vergabeverfahren zu prüfen – angeblich mit dem Ziel, Material gegen den Präsidenten zu sammeln.

Die Vorwürfe gegen Scharrenbach sind in der Staatskanzlei schon länger bekannt. Mitarbeiter aus dem Bauministerium sollen dort angehört worden sein. Informelle Ratschläge, sich moderater zu verhalten, perlten an Scharrenbach dem Vernehmen nach ab. Aber Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), der nicht dafür bekannt ist, im Umgang mit seinen Kabinettsmintgliedern hasenfüßig zu sein, behielt die Geduld.

Scharrenbach hatte im November 2025 eine Krebsdiagnose öffentlich gemacht. Dabei sprach sie auch über den schwierigen Therapieverlauf  – und betonte ihren ungebrochenen Willen, weiterzumachen. Nach einer Auszeit hatte die 49-Jährige wieder damit begonnen, öffentliche Termine wahrzunehmen. Wenn Wüst eine gewisse Hemmung habe, die Ministerin in dieser Phase anzugehen, sei da doch nachvollziehbar, hieß es in der CDU-Fraktion.

Hinzu kommt: Nicht nur Wüst, sondern auch Scharrenbach hatten im Jahr 2021 Ambitionen, die Nachfolge von Armin Laschet, dem damaligen NRW-Ministerpräsidenten, anzutreten. Die Chefin der Frauenunion hatte den Machtkampf damals klar verloren, aber der Konflikt ist in vielen Köpfen noch präsent. „Wenn die Ina jetzt angezählt würde, würde mancher das als späte Rache auslegen“, heißt es in CDU-Kreisen. Deswegen habe Scharrenbach lange „Narrenfreiheit“ genossen.

Die gelernte Bankkauffrau musste sich in ihrer politischen Laufbahn immer wieder  gegen Platzhirsche durchsetzen. In der Ruhr-CDU gab es wenig Begeisterung, als Laschet sie 2017 in sein Kabinett berief. Den Ministerposten hatte sie sich damals als Chefanklägerin der CDU im Untersuchungsausschuss zur Kölner Silvesternacht verdient, der damals zu einem Sargnagel für die rot-grüne Landesregierung von Hannelore Kraft (SPD) wurde.

Nun, neun Jahre später, steht die politische Zukunft von Scharrenbach zur Debatte. Schnell war klar, dass die Landesregierung auf die Vorwürfe reagieren musste. Scharrenbach vor die Kameras zu schicken, schien wegen der drohenden Nachfragen keine gute Idee zu sein. Schließlich wurde eine schriftliche Erklärung verschickt.

Darin gibt sich Scharrenbach ungewohnt selbstkritisch.  Die in dem Bericht geschilderten Aussagen würden sie „betroffen“ machen, schreibt die CDU-Politikerin.  Es sei ihr Ziel, mit ihrem Ministerium„ bestmögliche Ergebnisse“ für das Land zu erreichen. Weder hohe Ansprüche noch Drucksituationen dürften aber dazu führen, „dass sich Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr wertgeschätzt oder gar unwohl fühlen“ würden. Sie bedaure, dass sich Mitarbeiter durch ihr Führungsverhalten „verletzt gefühlt“ hätten. „Dieser Verantwortung stelle ich mich“, erklärte Scharrenbach.

Als Zeichen ihrer Einsicht sollen nun Sofortmaßnahmen eingeleitet werden, um die Führungskultur zu verbessern. Künftig sollen sich die Mitarbeiter anonym über ihre Vorgesetzten beschweren können, hieß es. Zudem soll es eine Klausurtagung der Führungskräfte und eine Mitarbeitervollversammlung geben. Ein Rückzug von Scharrenbach gilt derzeit als ausgeschlossen. „Dafür müsste man ihr schon einen fachlichen Fehler nachweisen können“, sagt ein Weggefährte.

Frederick Cordes, der Generalsekretär der NRW-SPD, kritisierte, die Erklärung der Ministerin entkräfte die Vorwürfe nicht. „Dem System der Angst begegnet man nicht, indem man sich selbst auf vermeintlich gute Absichten beruft, während andere den Preis dafür zahlen“, sagte Cordes. Die gewählte Rhetorik folge vielmehr dem Muster einer klassischen Nicht-Entschuldigung. Eine Rückkehr zur Tagesordnung sei nicht möglich: „Dieses Verhalten muss Konsequenzen haben – und die Verantwortung endet nicht bei ihr, sondern reicht bis in die Staatskanzlei.“ Marcel Hafte, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP,  forderte eine Unterrichtung des Landtags.  „Wenn die Sorge im Raum steht, Menschen könnten an Angst und Schrecken zerbrechen, dann ist Alarmstufe Rot.“