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„Nachfrage und Angebot bleiben“NRW will Prostitution nicht verbieten

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Eine Prostituierte sitzt bei roter Beleuchtung auf einem Bett in einem Studio.

Eine Prostituierte sitzt bei roter Beleuchtung auf einem Bett in einem Studio.

Kriminelle Banden locken junge Frauen nach Deutschland und zwingen sie zur Prostitution. LKA-Ermittler bezweifeln, dass ein Verbot dagegen hilft.

Die Mädchen stammen fast immer aus armen Verhältnissen. Plattformen im Internet gaukeln ihnen vor, in Europa erwarte sie eine gute Zukunft. „Ihnen wird zum Teil versprochen, die Kinder reicher Familien betreuen zu können“, berichtet ein LKA-Ermittler. Spätestens nach der Ankunft komme für viele der Schock. „Die jungen Frauen enden in schmuddeligen Hinterzimmern, wo sie als Sex-Arbeiterinnen ihre Schulden für die Schleusung abarbeiten sollen.“

10.000 Prostituierte in NRW

Die Sex-Branche in Deutschland boomt. Seit 2002 ist es legal, sexuelle Dienstleistungen anzubieten. Eine Regelung, von der Freier und Bordell-Betreiber offenkundig profitieren. Die Würde der Prostituierten werde jedoch mit Füßen getreten, kritisieren Frauenrechtler. Dorothee Bär, Vize-Chefin der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag, will das nicht länger hinnehmen. „Deutschland hat sich zum Bordell Europas entwickelt. Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel“, so die CSU-Politikerin. Sie fordert ein Sexkauf-Verbot.

In NRW gibt es rund 10.000 Prostituierte, gut 7400 waren 2022 laut Statistischem Landesamt offiziell angemeldet. Elke Bartels, ehemalige Polizeipräsidentin von Duisburg, schätzt, dass nur 20 Prozent der „Sexarbeiterinnen“ freiwillig im Rotlichtgewerbe tätig sind. „Bordelle und der Straßenstrich sind weitgehend in der Hand der organisierten Kriminalität“, sagte die promovierte Juristin unserer Zeitung. Vielen Frauen werde damit gedroht, dass den Angehörigen in der Heimat etwas zustoßen werde. „Deswegen gibt es nur ganz wenige Opfer, die sich der Polizei anvertrauen.“

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Opfer haben kein Vertrauen zur Polizei

Im „Lagebild Menschenhandel“ des LKA sind für 2021 gerade mal 160 Ermittlungen wegen Zwangsprostitution aufgeführt. Eine Zahl, die lächerlich gering wirkt, angesichts der hohen Dunkelziffer, von der Experten ausgehen. Allein aus Nigeria werden jedes Jahr Tausende von Frauen nach Deutschland geschmuggelt. „Wir bekommen nur in einigen Fällen Aussagen, die belastbar genug sind, um zu einer Verurteilung der Täter zu führen“, sagte der LKA-Ermittler. „In den Herkunftsländern der Frauen ist die Polizei vielfach nicht vertrauenswürdig. Deswegen haben unsere Beamte es meistens schwer, einen Zugang zu den Opfern zu finden.“

Während die legale Prostitution meist in Bordellen, Bars oder auf dem Straßenstrich stattfindet, bringen die Menschenhändler die Zwangsprostituierten an Orten unter, die nicht ohne Weiteres von den Behörden kontrolliert werden können. „Wir erleben immer häufiger, dass das Internet zur Kontaktanbahnung genutzt wird“, berichtet der LKA-Fahnder. „Dort verabreden die kriminellen Banden Termine mit den Freiern in Privatunterkünften. Obwohl den Männern aufgrund der Umstände meistens klar sein dürfte, dass die Frauen zur Prostitution gezwungen werden, erstatten nur ganz wenige Anzeige. Wenn es Hinweise überhaupt gibt, dann durch aufmerksame Nachbarn.“

Viele der jungen Opfer kommen aus Afrika, Südosteuropa, der Türkei oder aus Fernost. Sie merken oft erst nach der Ankunft, dass sie in eine Falle geraten sind, wenn ihnen die Pässe abgenommen werden. Ohne Ausweispapiere und Sprachkenntnisse haben nur die Wenigsten eine Chance, ihren Peinigern zu entkommen. „Sie werden vergewaltigt, geschlagen, eingeschüchtert“, so der LKA-Ermittler.

Nordisches Modell bestraft Freier

Um das Leid der Frauen zu beenden, verfolgen Länder wie Schweden einen restriktiven Kurs. Sie verbieten den Freiern, Prostituiere aufzusuchen, um sich Sex zu kaufen. Die Frauen selbst bleiben straffrei. So will das „nordische Modell“, das auch in Norwegen, Island und Irland zur Anwendung kommt, den Menschenhändlern die Geschäftsgrundlage entziehen.

Wäre das auch eine gute Lösung für Deutschland? Damit könnte die Gesellschaft ein Zeichen setzen, dass sie die Prostitution und die damit verbundene Kriminalität ablehnt. Aus polizeilicher Sicht wäre ein Sexkauf-Verbot wohl ambivalent. Verbote führten in aller Regel nicht dazu, Menschen von kriminellen Handlungen abzuhalten, heißt es beim LKA.

NRW-Gleichstellungsministerin Josefine Paul (Grüne) hält auch deshalb von einem Sexkauf-Verbot wenig. „Der Gesetzgeber in Deutschland hat entschieden, Prostitution zu legalisieren und die Grenzen und Bedingungen hierfür zu normieren. Dieses Vorgehen ist richtig, denn nur die Legalisierung der Prostitution ermöglicht es, Bedingungen dafür festzulegen, ihre Einhaltung zu kontrollieren und Schutz- und Ratsuchenden wirkungsvolle Unterstützung anzubieten“, sagte eine Ministeriumssprecherin unserer Zeitung.

Ein Sexkauf-Verbot würde die Probleme nicht auflösen, hieß es. „Denn Nachfrage und somit das Angebot bleiben, auch wenn man den Sexkauf verbietet“, so die Paul-Sprecherin. Mit einem Abdrängen der Prostitution ins Dunkelfeld wären Prostituierte für Beratung und Hilfsangebote aber kaum noch erreichbar – und eine „selbstbestimmte Ausübung der Prostitution“ ausgeschlossen. „Ein Hellfeld, in dem wir Prostituierten konkrete Hilfen und Unterstützung anbieten, ist der bessere Weg“, sagte die Sprecherin.

Gleichwohl bleibe der Kampf gegen die Zwangsprostitution ein „wichtiges Anliegen“ von Schwarz-Grün, hieß es. Derzeit würden acht spezialisierte Beratungsstellen für weibliche Opfer von Menschenhandel gefördert.  Weitere Stabilisierungsmaßnahmen seien eine sichere, anonyme Unterbringung der Opfer und ihre Begleitung zu Gerichtsterminen.

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