Abo

Sorge um Sicherheit der Atom-TransporteWerden Castoren zur Zielscheibe von Islamisten?

4 min
Einsatzkräfte der Polizei sichern die Probefahrt eines leeren Castor-Behälters in Jülich. Die Szene stammt aus dem November 2023.

Einsatzkräfte der Polizei sichern die Probefahrt eines leeren Castor-Behälters in Jülich. Die Szene stammt aus dem November 2023. 

Nach dem Ausbruch des neuen Kriegs im nahen Osten hat sich die abstrakte Anschlagsgefahr in NRW erhöht. Was bedeutet das für den Start der geplanten Atom-Transporte?

Die Transportfahrzeuge sind zirka 30 Meter lang und 4,5 Meter hoch. Sie rollen 170 Kilometer durch NRW, an vielen Engstellen ist nur ein geringes Tempo möglich. Die Castor-Konvois, die demnächst von Jülich ins münsterländische Ahaus starten sollen, könnten angesichts der angespannten Sicherheitslage ins Visier von Islamisten geraten, warnen Atomkraftgegner.  „LKWs mit gefährlicher, hochradioaktiver und brennbarer Ladung stellen gut sichtbare, rollende Zielscheiben dar“, sagt Helge Bauer von der Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“.

Anschläge könnten zum Beispiel mit kostengünstigen und einfach zu bedienenden Drohnen, heißt es bei den Aktivisten. „Ein möglicher Angriff könnte viele Tote, Gesundheitsschäden sowie auf lange Zeit unbewohnbare, verseuchte Gebiete zur Folge haben“, erklärte Bauer. Nach dem Ausbruch des Iran-Kriegs sei die bisherige Sicherheitsbewertung hinfällig.

Ein Eilantrag des Bund für Umwelt und Naturschutz NRW zur Aussetzung der Castor-Transporte war in dieser Woche vom Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg abgewiesen worden. Damit ist nun nach einem jahrlangen Streit der Weg frei für die umstrittene Verlegung der 152 Behälter. Diese sollen nach Ahaus gebracht werden, weil Genehmigung des Lagers in Jülich abgelaufen ist. Pläne, in Jülich ein neues Atomlager zu errichten, waren aus Kostengründen verworfen worden.

In Jülich lagern 152 Castorbehälter, die nach Ahaus gebracht werden sollen.

In Jülich lagern 152 Castorbehälter, die nach Ahaus gebracht werden sollen.

Das bisherige Konzept sieht vor, dass pro Nacht nur jeweils ein Castorbehälter verlegt werden kann. Zur Sicherung der Transporte wird eine hohe Zahl von Polizisten erforderlich sein. Patrick Schlüter, Chef der Gewerkschaft der Polizei in NRW, rechnet mit einem „Mammuteinsatz“. Den hätte man den Kolleginnen und Kollegen „gerne erspart“. Aber die Politik habe die Chance, auf die Transporte zu verzichten, „vertändelt“. Nun würden die Dinge gerade auch mit fortschreitender Dauer des Nahostkrieges „nicht einfacher“, sagte Schlüter. „Sollten wir zum Beispiel größeres Demogeschehen bekommen, würden dafür Kräfte der Bereitschaftspolizei benötigt“, erklärte der GdP-Landeschef. Gerade diese brauche man aber für die Castortransporte. „Kolleginnen und Kollegen können sich nicht teilen, müssen auch mal aus den Stiefeln kommen. Wenn es also größere Demos geben sollte, wird man sich bei den Castortransporten sicher darauf einstellen“, betonte Schlüter.

NRW-Innenminister Herbert Reul sagt dem Kölner Stadt-Anzeiger auf Anfrage, wenn es nach ihm ginge, könnte er auf die anstehenden Castortransporte „gerne verzichten“. Aber die Arbeit der Polizei sei „kein Wunschkonzert“ und man könne sich Einsätze nicht aussuchen. „Der Schutz von Castortransporten stellt zweifellos eine Herausforderung dar“, sagte der CDU-Politiker aus Leichlingen. Doch die Polizei in NRW verfüge über die notwendige Erfahrung, um solche Einsätze „effizient und sicher“ durchzuführen. „Auch mit Demonstrationen, die ebenfalls von uns geschützt werden. Die Polizei wird ihre Arbeit erledigen und diesen Einsatz professionell durchführen.“

Die NRW-Polizei bereitet sich schon seit mehreren Monaten auf die Begleitung der Verlegung von Jülich nach Ahaus vor. Der Auftrag ist dabei, mögliche Sicherheitsrisiken auf dem Transportweg zu minimieren. Bereits Ende 2023 wurden vom Transportunternehmen mit Begleitung der Polizei Leertransporte durchgeführt, um Erkenntnisse für einen Einsatz zu sammeln. Die Planungen gingen „nun in die finale Phase“, hieß es in Sicherheitskreisen. Ein konkreter Transporttermin könne von Seiten der Polizei bisher nicht genannt werden.

Patrick Schlüter, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in NRW, warnt vor der hohen Arbeitsbelastung durch Castor-Transporte.GdP

Schon jetzt ist aber klar, dass der Großeinsatz zu einer hohen Belastung der Einsatzkräfte führen wird. „Es muss sicher sein, dass keine Stunde geleisteter Mehrarbeit verfällt“, sagte GdP-Chef Schlüter. Die bisherige Regel, das Überstunden mit Freizeit abgegolten wird, sei „unfair, unzeitgemäß“ und „kniepig“. Schwarz-Grün müsse jetzt die „Möglichkeit schaffen, dass Überstunden ohne große bürokratische Umstände ausgezahlt“ werden könnten. Der Einsatz werde „ein ziemliches Brett“, aber Schwarz-Grün habe die besonderen Anforderungen des Polizeiberufs offenbar aus dem Blick verloren. NRW liegt heute bei der Polizeizulage im bundesweiten Vergleich mit 130,56 Euro/Monat auf dem vorletzten Platz, knapp vor Bremen. „Das wird dem, was die Kolleginnen und Kollegen leisten, nicht gerecht", sagte Schlüter.

Am Samstag findet in Ahaus eine Demonstration gegen die Castor-Transporte statt. Die Kundgebung soll vor dem Rathaus stattfinden. Die Atomkraftgegner weisen darauf hin, dass auch das Lager in Ahaus nicht mehr den nötigen Sicherheitsstandards entsprechen würde. Das Motto der Veranstalter lautet: „Stoppen wir den Castor-Wahnsinn, bevor er losgeht.“