„Ich bin ein Nationalsozialist“Reporter dokumentiert verstörende Szenen vor AfD-Veranstaltung

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Präsentation eines Films zu sehen bei der Abendveranstaltung anlässlich der 10-jährigen Jahrestages der Parteigründung bei dem AfD-Bundesparteitag in der Magdeburger Messe. (Symbolbild)

Präsentation eines Films zu sehen bei der Abendveranstaltung anlässlich der 10-jährigen Jahrestages der Parteigründung bei dem AfD-Bundesparteitag in der Magdeburger Messe. (Symbolbild)

Die AfD rechtfertigt sich nach einem viralen Video, aber die Erklärung ist zweifelhaft, zeigt die KStA-Recherche.

Aggressive Stimmung, ein SPD-Politiker wird als „Dr. Mengele“ bezeichnet, ein Mann bezeichnet sich offen als „Nationalsozialist“: Videoaufnahmen, aufgenommen unmittelbar vor einer Wahlkampfveranstaltung der AfD am Samstag (19.08.) im hessischen Rabenau (Landkreis Gießen), lösen derzeit Empörung auf dem Kurznachrichtendienst X, vormals Twitter, aus. 

Aufgenommen hat sie Joachim Schaefer vom Projekt „Hessencam“, inzwischen wurde der Clip bereits über 600.000 Mal gesehen. Im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ beschreibt er die Szenen, die sich vor einer AfD-Wahlkampfveranstaltung in Hessen abgespielt haben.

Reporter berichtet von aggressivem Verhalten vor AfD-Wahlkampfveranstaltung

Rund eine Stunde vor Beginn sei er mit Presseausweis und Kamera vor Ort gewesen. Eigentlich hätte er die Veranstaltung im Dorfgemeinschaftshaus Geilshausen dokumentieren wollen, dies sei ihm aber nicht gestattet worden. Stattdessen postierte er sich vor dem Gebäude, mit dem Ziel, mit den teilnehmenden AfD-Mitgliedern ins Gespräch zu kommen.

„Ich wollte herausfinden, was diese Menschen motiviert, zur AfD zu gehen. ‚Was befürchten sie? Welche Hoffnungen haben sie? Was erwarten sie von der AfD?‘ Diese Fragen wollte ich ihnen stellen“, so Schaefer. Doch dazu kommt es nicht, denn ein Mann stellt sich dem Hessencam-Reporter schnell in den Weg.

Dabei hatte die AfD die Veranstaltung so beworben: „Nutzen Sie die Gelegenheit, sich selbst ein Bild von der AfD und unserer Arbeit in den Parlamenten zu machen und mit uns persönlich ins Gespräch zu kommen. Auch kritische Stimmen sind willkommen.“

Vor Ort sieht das anders aus. Lautstark fordert ein Mann Schaefer auf, die Kamera wegzupacken, wie auf dem Video zu sehen ist.

Der Reporter weigert sich, kommt mit dem ein oder anderen AfD-Sympathisanten ins Gespräch – und dokumentiert erstaunliches. So bezeichnet ein mutmaßlicher Gast der Veranstaltung den SPD-Politiker Felix Döhrung, der offenbar für die in unmittelbarer Nähe stattfindende Gegendemonstration angereist war, als „Dr. Mengele“.

AfD-Sympathisant bezeichnet SPD-Politiker als „Dr. Mengele“

Damit spielt er auf Josef Mengele, einen Mediziner und Anthropologen an, der sich 1940 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte und als Lagerarzt im KZ Auschwitz-Birkenau tätig war, wo er sich nationalsozialistischer Kriegsverbrecher schuldig machte. Den menschenverachtenden Vergleich begründet der Mann damit, dass Döhrung für die Impfpflicht gestimmt habe.

Empörung löst in den sozialen Medien auch die Aussage eines weiteren Mannes, der zur AfD-Wahlkampfveranstaltung geht, aus. Er bezeichnet sich offen als „Nationalsozialist“, wie auf dem Clip zu sehen ist. Ein Gespräch kommt jedoch nicht zustande, da der Reporter von einem aggressiv auftretenden Mann gehindert wird, Nachfragen zu stellen.

Reporter beklagt fehlenden Rückhalt der Polizei bei Wahlkampfveranstaltung der AfD

„Es wurde es immer aggressiver, ich durfte dann gar nicht mehr in die Einfahrt rein“, schildert Schaefer die Situation. Von der Polizei vor Ort zeigt er sich enttäuscht. Er habe keinerlei Unterstützung erfahren und sei stattdessen vom Einsatzleiter gebeten worden, zu gehen. Schaefer hätte gerne mehr von den schätzungsweise rund 50 Mitgliedern und -Anhängern aus den Kreisen Gießen und Vogelsberg, die an der Veranstaltung teilgenommen haben, erfahren, sagt er. „Da waren sicherlich ein paar offenbar Rechte, aber auch Neugierige, die sich das einfach mal anschauen wollten. Mit diesen Leuten wäre ich gerne ins Gespräch gekommen“, so Schaefer.

Da waren sicherlich ein paar offenbar Rechte, aber auch Neugierige, die sich das einfach mal anschauen wollten. Mit diesen Leuten wäre ich gerne ins Gespräch gekommen.
Joachim Schaefer, Hessencam

Die Veranstalter der Wahlkampfveranstaltung haben sich Sonntagabend zu den schockierenden Aussagen einiger Teilnehmer geäußert und sich davon deutlich distanziert. AfD-Ortsverband teilte auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu den Inhalten des Videos mit, die dort getätigten Aussagen seien „nicht zu tolerieren“.

AfD-Kreisverband verurteilt von Männern bei AfD-Veranstaltung getätige Aussagen

„Die Kreisverbände Vogelsberg und Gießen stellen fest, dass es sich bei beiden Männern nicht um Mitglieder der AfD oder sonst in irgendeinem Zusammenhang mit unserer Organisation stehende Personen handelt. Wir verurteilen die getroffenen Aussagen ausdrücklich und haben in Ermangelung von Namen und Adressdaten unserem Sicherheitsdienst die Videosequenzen übergeben, um diesen Personen den Zugang zu unseren Veranstaltungen zukünftig zu verwehren“, heißt es in einem Statement. 

Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ lassen Zweifel daran aufkommen, dass kein Zusammenhang zur AfD besteht. So handelt es sich bei dem Mann, der den Reporter bedrängt, um den AfD-Bürgermeisterkandidat Gert Morgenthaler. Er nimmt den selbsternannten Nationalsozialisten, der laut Informationen dieser Zeitung öfters zu Gast auf AfD-Veranstaltungen im Raum Gießen/Vogelsberg sein soll, in Empfang.

Der Ortsverband kritisiert in seinem Statement zudem das Verhalten des Reporters, er sei „seit Jahren dadurch aufgefallen“, dass er Mitglieder und Gäste von AfD-Veranstaltungen „bedränge“, versuche seine Interviewpartner zu provozieren und überschreite „deutlich die Distanzzone“. Das entschuldige allerdings nicht die „von Ihnen zitierte Äußerung, von der sich die AfD klar distanziert“, so ein Sprecher gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

AfD-Wahlkampf in Hessen: Fast doppelt so viele Menschen nehmen an Gegendemonstration teil

Schaefer kündigt indes an, bald eine längere Version seiner Aufnahmen zu veröffentlichen – auch um Kritikern entgegenzutreten, die ihm auf X vorwerfen, Kontext zu verheimlichen. Er habe in keinster Weise Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen oder den Männern etwas in den Mund gelegt, so der 61-Jährige, der bei der Kirche angestellt ist und „Hessencam“ dort als Jugendvideoprojekt betreut.

„Wir versuchen mit unserem Projekt Demokratie und kreative Beteiligung von Jugendlichen zu fördern, gleichzeitig aber auch ein kritisches Zeichen gegen Intoleranz und Rechtsextremismus zu setzen“, schreibt das Projekt aus Wetzlar auf seiner Website.

Knapp 100 Menschen waren laut der „Gießener Allgemeinen“ am Samstag gegen 18 Uhr nach Rabenau gekommen, um gegen die AfD-Veranstaltung zu demonstrieren. Sie quittieren dem Bericht zufolge die Ankunft eines jeden Besuchers der kleinen Halle mit Pfiffen und Buh-Rufen, um ihr Missfallen auszudrücken. Polizeikräfte trennten die beiden Lager voneinander. 

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