Der Ex-Politiker schreibt in „Arctic Meltdown“ über einen geopolitischen Konfliktherd. Ein Gespräch über die Arktis und die politische Lage in Deutschland.
Robert Habeck in Köln„Der Tankrabatt war schon in der Ampel ein Fehler“

Robert Habeck sitzt bei der Vorstellung seines neuen Buchs im Rahmen der LitCologne auf der Bühne.
Copyright: Henning Kaiser/dpa
Herr Habeck, weil alles mit allem zusammenhängt, nehmen Sie in Ihrem neuen Buch „Arctic Meltdown“ eine Zusammenschau von Klimawandel und internationaler Sicherheitslage vor. Was erfahren wir denn über Klimawandel, was Sie vorher noch nicht gewusst haben?
Mir war nicht klar, dass sich die Arktis viermal schneller erwärmt als der Rest der Welt. Der Effekt heißt „arktische Amplifikation“: Weiße Eis- und Schneeflächen nehmen ab, zum Vorschein kommen dunkle Wasser- und Landflächen, die mehr Sonnenenergie absorbieren und sich entsprechend stärker erwärmen als die Regionen, wo schon vorher kein Eis war.
Problemzonen gibt es viele. Was macht die Arktis so spannend?
Für viele ist sie Sehnsuchtsort, auch für mich. Seit meiner Kindheit kenne ich Geschichten über den Nordpol, die Suche nach der Nordwestpassage, Fridtjof Nansen oder über Grönland als mythischen Raum. Aber viel mehr wusste ich nicht. Heute erleben wir dort massive Interessenkonflikte zwischen den USA, Russland, China und Europa. Die Arktis scheint uns ferner als der Krieg in der Ukraine oder Drohnen an deutschen Flughäfen. Aber gerade deshalb kann man den Bruch der alten Weltordnung mit all seinen Folgen deutlicher analysieren, als wir es in unserem Alltag wahrnehmen.
Wenn Sie von „Meltdown“ – Kernschmelze reden, schreit das förmlich nach der Übertragung auf die geopolitische Situation. Droht ein „Meltdown“ auch der Demokratie?
Wenn man die Kipppunkte der globalen Erderwärmung, die ja quasi in die letzten 20 Jahre fallen, die Krise der liberalen demokratischen Staaten und den Verlust an Vertrauen in die Demokratie als Entwicklungslinien übereinanderlegt, fällt eine Parallelität schon auf. Ich muss das aber noch vertieft untersuchen. Im Buch werfe ich nur die Frage auf.

Robert Habeck las im Rahmen der lit.Cologne auch aus seinem neuen Buch.
Copyright: Henning Kaiser/dpa
Haben Sie schon eine Idee dazu?
Das Versprechen der modernen Demokratie als Staatsform, dass die Menschen selbst über ihr Leben bestimmen können, fiel historisch zusammen mit der Industrialisierung, die auf der Nutzung fossiler Energiequellen gegründet war. Es spricht daher einiges dafür, dass die Krise des fossilen Zeitalters und die Krise der Demokratie nicht unverbunden sind. Aber bitte, geben Sie mir noch ein paar Monate.
Einen Versuch noch! Ist der Erfolg der Demokratie abhängig von Wohlstand, einem bestimmten Lebensstandard?
Nicht allein. Aber wenn das Wohlstandsversprechen der Demokratie für alle – im US-Sprichwort „vom Tellerwäscher zum Milliardär“ – sich in Abstiegsszenarien für viele verkehrt, hat das Folgen für die Demokratie. So, aber jetzt Stopp! Ich melde mich, wenn ich dazu mehr zu sagen habe.
Wenn man liest, mit welcher Leidenschaft Sie über Waffensysteme in der Arktis und militärische Optionen schreiben, könnte man denken, Sie empfehlen sich als Verteidigungsminister der Reserve.
Ja, es ist schon sehr spezifisch zwischendurch. Aber ich denke, man muss schon konkret werden, was es heißt, wenn in der Arktis aufgerüstet wird und wie die Russen ihre Eisbrecherflotte verstärken oder Seedrohnen entwickeln, die sie selbst als „Weltuntergangswaffe“ bezeichnen. Aber Minister der Reserve? Nein, weder für irgendwas noch irgendjemanden.
Trotz massiver Aufrüstung und vielfältiger militärischer Provokation – nicht nur, aber eben auch in der Arktis-Region – halten Sie einen Dritten Weltkrieg für unwahrscheinlich. Was macht Sie da so sicher?
Sicher bin ich nicht. Gerade deshalb möchte ich, dass wir gegenüber dem Agieren Russlands in der Arktis nicht wieder so blind sind, wie wir es für die Aufmärsche vor dem Überfall auf die Ukraine waren. Die neuen russischen Waffen, atomgetriebene Drohnen eingeschlossen, haben ein ungeheures Zerstörungspotenzial und bedrohen mit ihrer riesigen Reichweite auch jedes beliebige Ziel in den USA. Die Arktis war eigentlich immer ein Bestandteil militärischer Szenarien – bis auf die Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber das war die Ausnahme.
Wegen der Eisschmelze wird die Arktis nun leichter zugänglich. Damit passiert etwas Neues: Früher griffen geopolitische Konflikte auf die Arktis über. Heute können sie in der Arktis ausgelöst werden. Das ist die neue Dimension. Das bedeutet nicht, dass aus der Arktis heraus der Dritte Weltkrieg beginnt. Aber es kann bedeuten, dass dort kleine Konflikte sehr schnell eskalieren, weil dahinter so große Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen stehen.

Robert Habeck (l) und Moderator Louis Klamroth (r) sitzen bei der Vorstellung von Habecks neuem Buch im Rahmen der LitCologne auf der Bühne.
Copyright: Henning Kaiser/dpa
Mit Prognosen ist das immer so eine Sache, wie auch Ihrem Buch zu entnehmen ist. Da stützen Sie die Perspektive eines engeren Zusammenrückens der Europäer als Gegengewicht gegen Russland und China auch auf den positiven Ausgang des Referendums in Island über mögliche EU-Beitrittsverhandlungen. Bekanntlich haben die Isländer das Ende August – „nach Redaktionsschluss“ – abgelehnt.
Eine Entscheidung, die enttäuschend und für mich unverständlich ist. Es ging ja noch gar nicht um einen Beitritt, sondern nur um Gespräche, die die Bedingungen klären sollten. Das man in der gegenwärtigen Weltlage sagt, „ne, wir wollen nicht reden, weil das Ergebnis von Gesprächen schlecht sein könnte“, das erscheint mir absurd. Und das alles aus Sorge um den Fischfang…
Auch ein Rückschlag für Ihre Hoffnungen?
Ermutigend war das Votum der Isländer jedenfalls nicht. Aber man wird jetzt gucken, wie die Diskussionen mit Kanada, mit Norwegen und auf Grönland selbst weitergehen. Und neuerdings will ja auch Großbritannien oder zumindest sein Premierminister zurück in die EU. Das ist doch auch was.
Seit Donald Trumps Annexions-Tiraden haben wir die Begehrlichkeiten in puncto Grönland voll auf dem Schirm. Sie, Herr Habeck, liefern drei absurd simple Erklärungen für Trumps scheinbar absurdes Agieren. Welche halten Sie für richtig?
An allen dreien ist etwas dran – und alle drei pendeln zwischen lustig und gespenstisch. Erstens hat der Erbe des Kosmetik-Konzerns Estée Lauder, Ronald Lauder, einen Wasserfetisch. Er hat seinem guten Bekannten, dem „Dealmaker“ Trump, den Floh ins Ohr gesetzt, dass in Grönland mit seinen gefrorenen Trinkwasser-Reserven ein Riesenschatz zu holen ist – das „Öl des 21. Jahrhunderts“. Dann gibt es zweitens Tech-Milliardäre wie Peter Thiel, die auf Grönland einen technofaschistischen Kriegerstaat für die Reichen und Mächtigen errichten wollen. Weil diese Leute direkten Zugang zum Weißen Haus haben, muss man auch solche so irrwitzigen wie zynischen Pläne ernstnehmen.
Vor allem aber erlebt ein Mythos unter Trump seine Wiederkehr, der die USA in den 1860er Jahren erst nach Alaska und auch damals schon nach Grönland greifen ließ: Das „manifest destiny, das „entschiedene Schicksal“, das die USA dazu bestimme, einen möglichst großen Teil der Welt mit ihrem kapitalistischen Gesellschaftssystem zu beglücken. Mit diesem Mythos ist Trump nachweislich vertraut.
Gasvorkommen, Gasreserven und Gasknappheit als Krisenfaktoren spielen eine wichtige Rolle. Sie sagen, Sie hätten 2021 ihre „Lektion gelernt“ und die deutschen Gasspeicher auffüllen lassen. Tut Katharina Reiche also gut daran, das jetzt auch zu machen?
Ich bin nicht mehr der Schiedsrichter der Bundesregierung, schon gar meiner Nachfolgerin. Aber wir sehen, dass der Einsatz von Energie als Waffe seit 2022 eher noch zugenommen hat. Im Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist Energieinfrastruktur das Hauptziel. So auch im Irankrieg. Dazu die Sperrung der Straße von Hormus. Und mit der Drohung, zum Beispiel die erwähnten Seedrohnen gegen Tanker einzusetzen, ließe sich das offene Meer selbst zu einer Straße von Hormus machen. Das Bemühen, die Abhängigkeiten von fossiler Energie zu überwinden und die Elektrifizierung voranzutreiben, hat eindeutig zugenommen.
Um dann in der nächsten Abhängigkeit zu landen – der Abhängigkeit von Seltenen Erden, mit denen China als Quasi-Monopolist Trumps Zollkrieg entgegengetreten ist?
Ja, wir haben auch eine industrielle Abhängigkeit. Das ist schlecht, aber sie wirkt langfristiger und ist nicht so akut gefährlich. Was, wenn die norwegischen Pipelines angegriffen werden? Was, wenn Trump schlechte Laune bekommt und nicht nur droht, die Dieselexporte einzustellen, sondern auch die von LNG? Die Abhängigkeit von Seltenen Erden ist ein Problem, richtig. Umso wichtiger ist es, Grönland eng an Europa zu binden. Denn dort sind alle kritischen Mineralien vorhanden – nur eben nicht als Schnäppchen. Der Abbau wird teuer. Trotzdem dürfen wir die Erschließung nicht den Amerikanern oder Chinesen überlassen.
Wie wäre das zu verhindern?
Mit einem Preisangebot, das höher liegt als die Beträge, die China auf dem Weltmarkt erzielt.
Man sieht sie auf Interview-Fotos oft mit Fahrrad und Helm. Fahren Sie eigentlich selbst noch ganz oder gelegentlich mit einem Verbrenner-Auto?
Nein, wir haben unser Auto abgeschafft, als die Kinder aus dem Haus waren und ich dauernd in Berlin. Aber das ist keine politische Entscheidung gewesen, wir brauchten es nicht mehr. Davor brauchten wir in einer anderen Lebensphase zwei.
Ich weiß, dass die hohen Benzinpreise Menschen belasten. Dennoch halte ich nichts vom Tankrabatt.
Freuen Sie sich trotzdem über den Tankrabatt?
Ich weiß, dass die hohen Benzinpreise Menschen belasten. Dennoch halte ich nichts vom Tankrabatt. Er war schon in der Ampel ein Fehler: Er wurde nur unvollständig weitergegeben, ist sozial nicht ausgewogen, setzt die falschen Signale, weil ein knappes Gut politisch vergünstigt wird. Und er ist sehr teuer. Geld, das dann bei Sozialleistungen gekürzt wird.
Apropos Interviews. Sie haben wiederholt von Fehlern der Ampelkoalition gesprochen, auch von eigenen Fehlern – aber nicht gesagt, welche genau Sie begangen haben?
Ich will nicht Worte aufwägen, meine aber, dass ich zu Gasumlage, Heizungsgesetz und politisch unglücklichen oder falschen Äußerungen stets umfänglich Stellung bezogen habe.
Da war es dann zu spät – die Wahl 2025 ging für die Grünen und für Sie verloren, die Teilhabe an der Macht auch.
Ich habe im Wahlkampf vor der Bundestagswahl 2025 ein Politik-Angebot gemacht zur Stabilisierung der politischen Mitte gemacht mit lagerübergreifenden Bündnissen – wie schon in meiner Zeit als Minister in Schleswig-Holstein. Dieses Angebot hat den Grünen und mir ein sehr schlechtes Wahlergebnis gebracht. Und ich musste zur Kenntnis nehmen, dass ich selbst Polarisierungen ausgelöst habe. Insofern stand ich meiner eigenen Idee im Weg.
In dieser Deutung haben die Wähler mit Friedrich Merz als Kanzler das kontrastierende Angebot angenommen. Zufrieden wirken sie damit nach anderthalb Jahren aber auch nicht, im Gegenteil. Ist damit Söders „letzte Patrone der Demokratie“ verschossen?
Die permanente Zuspitzung und Schärfung der jeweils eigenen Position treibt offensichtlich die jetzige Koalition wie damals die Ampel mehr und mehr auseinander.
In Ihrem aktuellen Buch beklagen Sie, „dass das Haus brennt, und die Leute schimpfen auf die Feuerwehr, dass sie alles nass macht“ – auch eine Umschreibung für die wachsende Polarisierung. Würden Sie denn Friedrich Merz zur Feuerwehr zählen?
Der zitierte Satz bezog sich auf den Kampf gegen die globale Erderwärmung und deren Folgen.
Aber man kann das auf andere Probleme ausweiten.
Besonders gelöscht scheint mir Deutschland nicht zu sein.
Zu Person und Buch – lit.Cologne Spezial
Robert Habeck, geboren 1969, war von 2021 bis 2025 Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler in der Ampelkoalition unter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). In Schleswig-Holstein amtierte der Grünen-Politiker zuvor von 2012 bis 2018 als
Minister für Energiewende, Landwirtschaft und Umwelt. Nach der verlorenen Bundestagswahl gab Habeck sein Bundestagsmandat auf. Nach einer Zeit bei dem Thinktank „Dänisches Institut für Internationale Studien“ (DIIS) hat Habeck eine Professur am Forschungscluster für Geopolitik, Sicherheit und Wirtschaft der „Copenhagen Business School“ übernommen.
Sein Buch „Arctic Meltdown. Die Neuvermessung der Welt“ ist soeben im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen, 410 Seiten, 26 Euro. Am Samstag stellte er es in Köln im Rahmen der lit.Cologne vor.
Die Herbstausgabe des Literaturfestivals geht in dieser Woche weiter. Nächster Gast ist am Dienstag der isländische Krimi-Autor Ragnar Jónasson. Zum Programm und zu den Tickets geht es hier.

