Der Krieg ist in Moskau angekommen – nach massiven ukrainischen Angriffen zeigen sich viele Russen verängstigt und wütend auf den Kreml.
„Ich zittere buchstäblich“„Größter Angriff“ trifft Moskau – Angst und Wut in Russland

Ein Screenshot aus einem Video zeigt eine Explosion nach einem Drohnenangriff im Stadtgebiet von Moskau.
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Die Ukraine hat ihre Angriffe auf Ziele in Russland am Wochenende fortgesetzt – und damit für Unruhe in dem Aggressorland gesorgt. Im Zentrum der jüngsten Attacken stand nach ukrainischen Angaben die russische Hauptstadt Moskau. Russische Behörden bestätigten eine massive Angriffswelle am Sonntag. Es habe vier Todesopfer gegeben, drei davon in Moskau. Die Ukraine habe Russland mit fast 600 Drohnen angegriffen, teilte das Verteidigungsministerium mit.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach derweil von einer „vollkommen gerechtfertigten“ Vergeltungsmaßnahme für Moskaus jüngsten Angriff auf die Ukraine mit 24 Toten. Mit dem Angriff auf die Region Moskau gebe die Ukraine „den Russen ganz klar zu verstehen: Ihr Staat muss diesen Krieg beenden“, fügte der Staatschef hinzu.
Ukraine überzieht Moskau mit „größtem Angriff“ seit Kriegsbeginn
Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums handelt es sich um den „größten Angriff“ seit Kriegsbeginn auf die Region Moskau. „Der Krieg kehrt dorthin zurück, wo er herkam“, betonte das Ministerium.
Nach ukrainischen Angaben wurden bei der jüngsten Angriffswelle eine Ölraffinerie in Moskau, ein Öldepot nahe der Hauptstadt und „mehrere Produktionsstätten für Mikroelektronik“ getroffen. Auch eine Anlage zur Produktion von „Mikrochips für Hochpräzisionswaffen“ habe zu den Zielen gehört, hieß es weiter aus Kyjiw.
Russland bestätigt „großangelegten“ Drohnenangriff auf Moskau
Die Region Moskau sei zum Ziel eines „großangelegten“ Drohnenangriffs geworden, bestätigte der örtliche russische Gouverneur Andrej Worobjow im Onlinedienst Telegram. In der Region wurden den Angaben zufolge mehrere Wohnhäuser beschädigt, auch Infrastruktur sei angegriffen worden, fügte der Gouverneur hinzu. Die Luftabwehr sei seit 3 Uhr morgens im Einsatz gewesen.
Mehr als 80 Drohnen, die auf Moskau abzielten, seien von der Luftabwehr abgefangen worden, hieß es weiter. In den sozialen Netzwerken kursierten unterdessen Aufnahmen von Rauchsäulen im Moskauer Stadtgebiet. Auch Videos von Drohnen, die in Häusern einschlagen, waren zu Wochenbeginn im Netz auffindbar. Unabhängig überprüfen lassen sich die Videos jedoch derzeit nicht.
Kreml und Staatsmedien spielen ukrainische Angriffswelle herunter
Der Kreml und auch die staatlichen und regierungsnahen russischen Medien versuchten, die Angriffswelle unterdessen herunterzuspielen – breite Berichterstattung fand kaum statt. Auch die russische Regierung setzte auf betont unbeeindruckte Kommentare – muss sich aber auch unbequeme Fragen gefallen lassen.
So konfrontierte etwa der russische Reporter Pawel Zarubin Kremlsprecher Dmitri Peskow mit dem massiven Angriff auf Moskau. „Es zeigt sich, dass selbst eine Atommacht angegriffen und verwundet werden kann“, erklärte Zarubin. Peskow reagierte mit nuklearem Säbelrasseln.
Moskau und Minsk starten Übung zum Einsatz von Atomwaffen
„Eine Atommacht darf nicht bedroht werden, ihre Existenz kann nicht bedroht werden. Genau das gibt uns die Gewissheit, und genau das ist die Grundlage der nuklearen Abschreckung“, hieß es vom Kremlsprecher. Die „nukleare Abschreckung“ sei ein „unverzichtbarer Eckpfeiler unserer nationalen Sicherheit“, fügte Peskow hinzu.
Kurz darauf gab Moskau dann eine gemeinsame Militärübung mit Belarus bekannt. Die belarussischen Streitkräfte hätten zusammen mit der russischen Armee mit einer Übung zum möglichen Einsatz von Atomwaffen begonnen, hieß es am Montag aus Moskau und Minsk. Bereits in der vergangenen Woche waren in Russland erneut Rufe nach Atomwaffen laut geworden – einige Kriegsblogger und Analysten forderten den Einsatz von taktischen Nuklearwaffen, um den Krieg zu entscheiden.
Krieg in Moskau angekommen – Russen zeigen sich verängstigt
Trotz der Mühen der russischen Staatsmedien und des Kremls, die ukrainischen Angriffe herunterzuspielen, entfalten die Attacken bei den russischen Bürgern die von der Ukraine erhoffte Wirkung. „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so verängstigt, ich zittere buchstäblich“, erklärte etwa eine Russin in einem Video, das vom Exil-Medienprojekt Nexta veröffentlicht wurde und aus der Region Moskau stammen soll. „Das ist total wahnsinnig, die Luftabwehr hat das Nachbargebäude getroffen“, zitierte Nexta eine andere Russin.

Ein Screenshot, aus einem Video, das in russischen Telegram-Kanälen kursiert, zeigt eine Rauchsäule im Moskauer Stadtgebiet.
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Auch aus dem Umland der russischen Hauptstadt kursierten frustrierte Wortmeldungen. „Es gab überhaupt keine Sirenen oder SMS-Benachrichtigungen“, zitierte das russische Exil-Medium „Meduza“ etwa einen Russen aus Chimki, einer Stadt nahe der Stadtgrenze Moskaus. „Wir fühlen uns elend“, erklärte der lediglich als Jaroslaw bezeichnete Mann weiter. „Früher schien es, als sei Moskau auf jeden Fall sicher. Jetzt verstehen wir wohl besser, wie sich die Menschen in Belgorod und anderen Regionen fühlen, wenn Drohnen herabkommen und es überhaupt keine Luftabwehr gibt.“
„Wir wünschen uns, dass die Führung des Landes endlich genug davon hat“
Auch Kritik am Kreml wurde laut. „Ehrlich gesagt haben wir von all dem schon mehr als genug“, zitierte „Meduza“ eine Frau namens Olga aus dem nordwestlichen Moskauer Stadtteil Kurkino. „Wir wünschen uns, dass auch die Führung des Landes endlich genug davon hat.“
Der Frust über die ukrainischen Angriffe auf Ziele tief in Russland wird unterdessen auch in Umfragen deutlich. Laut einer am 15. Mai von einer kremlnahen Stiftung veröffentlichten Umfrage bereiten den Russen die Attacken im russischen Staatsgebiet mittlerweile größere Sorgen als die Entwicklungen an der Front.
Umfrage zeigt Wirkung ukrainischer Angriffe
Demnach gaben 18 Prozent der Befragten an, dass Angriffe auf russisches Territorium zuletzt die größte Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten. Die Entwicklungen auf dem Schlachtfeld in der Ukraine nannten derweil nur 16 Prozent der Befragten – in vorherigen Umfragen galt die Aufmerksamkeit noch stets dem Frontgeschehen.
Auch auf steigende Angst in der russischen Bevölkerung deutet die Umfrage hin. Der Anteil der Befragten, die angaben, dass Menschen in ihrem Umfeld verängstigt seien, stieg angesichts der jüngsten Angriffe auf 50 Prozent – und liegt damit sogar vier Prozentpunkte höher als im August 2024. Damals hatte die Ukraine ihren Einmarsch in die russische Oblast Kursk gestartet und so für viel Unruhe in Russland gesorgt.
