Russland beendet die Waffenruhe und greift die Ukraine massiv an. In staatlichen und kremlnahen Medien sind drastische Töne zu hören.
Häuser und Kindergarten getroffenMoskau greift an – Kreml-Medien fordern Atomschlag von Putin

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)
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Nach dem Ende einer dreitägigen Waffenruhe hat Russland die Ukraine nach Angaben aus Kyjiw erneut mit massiven Angriffen überzogen. Sein Land sei mit mehr als 200 Drohnen angegriffen worden, erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstag auf der Plattform X. Auch die Hauptstadt Kyjiw sei angegriffen worden, im Osten der Ukraine meldeten die Behörden mindestens ein Todesopfer. Moskau bestätigte die Fortsetzung seiner „Spezialoperation“ im Nachbarland.
Russland habe „selbst entschieden“, die einseitige Feuerpause zu beenden, erklärte Selenskyj. Die russischen Streitkräfte hätten mehr als 30 Angriffe durchgeführt und dabei Energieanlagen, Wohnhäuser, einen Kindergarten und einen Zug ins Visier genommen. Bei russischen Angriffen auf sieben Regionen nahe der Front seien zudem erneut Fliegerbomben abgeworfen worden. „Mehr als 80 Stück“, so Selenskyj.
Selenskyj kündigt „angemessene Reaktion“ auf Russlands Angriffe an
„Russland muss diesen Krieg beenden“, forderte der ukrainische Staatschef nach dem Ende der ohnehin brüchigen Feuerpause. „Es ist Russland, das den Schritt hin zu einem echten, dauerhaften Waffenstillstand unternehmen muss.“ Bis dahin müssten die Sanktionen gegen Moskau „aufrechterhalten und verschärft“ werden, erklärte Selenskyj und kündigte eine „angemessene Reaktion auf alle russischen Schritte“ an.
Der Kreml bekräftigte unterdessen am Dienstag seine Ziele – ein von Kremlchef Wladimir Putin zuvor ins Spiel gebrachtes schnelles Kriegsende könne nur erreicht werden, „sobald das Kyjiwer Regime und Selenskyj die Verantwortung übernehmen und die notwendige Entscheidung treffen“, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur RIA den russischen Regierungssprecher Dmitri Peskow am Dienstag.
Drei Streitpunkte blockieren angeblich Verhandlungsbeginn
Welche Entscheidung das sei, erklärte der Kremlsprecher nicht – sie sei der ukrainischen Regierung jedoch „bestens bekannt“, hieß es weiter. Laut einem Bericht des „Kyiv Independent“ blockieren jedoch weiterhin drei zentrale Streitpunkte etwaige Friedensverhandlungen.
Moskau verlangt demnach weiterhin den Rückzug ukrainischer Truppen auch aus Teilen des Donbas, die Russland bisher nicht einnehmen konnte. Die Ukraine hält diese Forderung jedoch für inakzeptabel und fordert, die Frontlinie als Grundlage eines Waffenstillstands zu verwenden.

Dieses vom Staatlichen Notfalldienst der Ukraine am 12. Mai aufgenommene und veröffentlichte Pressefoto zeigt einen Feuerwehrmann, der nach einem russischen Angriff versucht, einen Brand in der Region Dnipro zu löschen.
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Zudem forderte Moskau dem Bericht zufolge weiterhin die internationale Anerkennung aller besetzten Gebiete – das Atomkraftwerk Saporischschja soll demnach ebenfalls als russisch anerkannt werden. Auch diese Forderung lehne die Ukraine kategorisch ab, heißt es im „Kyiv Independent“.
Der dritte zentrale Streitpunkt ist demnach Moskaus Forderung nach einer Aufhebung westlicher Sanktionen – wie auch die anderen beiden Punkte käme das vorwiegend Russland zugute, während die Ukraine bisher weiterhin keine belastbaren Sicherheitsgarantien erhalten würde.
Schrille Töne in russischen Staatsmedien und Zeitungen
Berichte und Wortmeldungen in den staatlichen russischen Medien deuten in dieser Woche ebenfalls nicht auf eine Entspannung der Lage hin – im Gegenteil. Sowohl bei staatlichen Sendern als auch in kremlnahen Zeitungen gab es erneute Rufe nach dem Einsatz taktischer Atomwaffen, um den Krieg siegreich zu beenden.
„Wir müssen taktische Nuklearwaffen einsetzen“, forderte etwa der ehemalige Duma-Abgeordnete sowie Drehbuchautor und Regisseur Wladimir Bortko nun in einem Radio-Interview. „Sie hätten schon vor langer Zeit eingesetzt werden müssen“, sagte er. „Dann wird alles funktionieren – und wir werden innerhalb von zwei Wochen gewinnen“, hieß es weiter von dem in Russland angesehenen Regisseur, wie aus einem Youtube-Video der US-Journalistin Julia Davis hervorgeht.
Russische Medien: Einsatz taktischer Atomwaffen gefordert
Ähnliche Töne gab es derweil auch bei der „Moskowski Komsomolez“, der zweitgrößten Zeitung Russlands, zu lesen. Abkommen mit dem Westen könnte man ohnehin kein Vertrauen schenken, erklärte dort der russische Militärexperte Juri Knutow in einem Interview. „Ich glaube also, dass die Militäroperation ohne einen Sieg auf dem Boden nicht erfolgreich abgeschlossen werden kann“, führte Knutow aus und sprach sich ebenfalls für einen Atomwaffeneinsatz aus.
Sollte die russische Armee so weiterkämpfen wie bisher, „dann werden Jahre vergehen“, bis ein Sieg errungen werden könne, erklärte der Militärexperte und fügte schließlich hinzu: „Wenn wir jedoch auf ein neues technologisches Niveau gelangen, neue Waffen einsetzen, sogar taktische Nuklearwaffen – etwa für demonstrative Schläge, die unsere Entschlossenheit zeigen, bis zum Ende zu gehen –, dann wird es, da bin ich sicher, deutlich schneller gehen.“
Der Russland-Experte Matthäus Wehowski kritisierte unterdessen am Dienstag, dass manche Halbsätze Putins „direkt durch alle Medien gejagt werden“, während die „Kernaussagen“ seiner Reden und Interviews ignoriert würden. Gemeint dürften damit die Worte des Kremlchefs über ein baldiges Kriegsende und einen möglichen Einsatz von Altkanzler Gerhard Schröder als Vermittler sein. „Bislang gibt es keine Anzeichen, dass Diplomatie möglich wäre“, fügte der Historiker bei X hinzu. (mit afp)
