Abo

„Russland, wie es wirklich ist“Häme für „Bettler“ Putin – Moskau kontert brisante Berichte

4 min
Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)

Übereinstimmende Medienberichte sorgen in Russland und darüber hinaus für Aufsehen und Spott. Der Kreml reagiert.

Ein Medienbericht hat in Moskau für so viel Wirbel gesorgt, dass nun sogar Kremlsprecher Dmitri Peskow ausführlich Stellung genommen hat. Das unabhängige Portal „The Bell“ hatte zuvor berichtet, der russische Machthaber Wladimir Putin habe bei einer Verbandssitzung hinter verschlossenen Türen angekündigt, Russland werde in der Ukraine weiterkämpfen und auf jeden Fall die gesamte Donbassregion erobern.

Der Kremlchef forderte die Unternehmer demnach zu finanziellen Beiträgen für den Krieg auf, berichtete „The Bell“ weiter, und sorgte damit für reichlich Wirbel. Schnell kursierten hämische Beiträge und in den sozialen Netzwerken kam die Frage auf, ob Moskau sich den Krieg gegen die Ukraine nicht mehr leisten könne.

Bittet Wladimir Putin um Spenden für den Krieg?

Die Idee stamme von Putins langjährigem Berater Igor Setschin, berichtete „The Bell“ unterdessen. Setschin stand vor vielen Jahren hinter der Verfolgung des Oligarchen Michail Chodorkowski und der Zerschlagung von dessen Ölkonzern Yukos. Auf den Trümmern dieses Konzerns wurde der staatliche Ölgigant Rosneft aufgebaut, den Setschin jetzt leitet.

Gestützt wurde der Bericht auch durch übereinstimmende Angaben der „Financial Times“. Putin habe „Oligarchen um Spenden für den russischen Staatshaushalt gebeten, um die Staatsfinanzen zu stabilisieren, während er seine Invasion in der Ukraine fortsetzt“, berichtete der Moskauer Bürochef der Zeitung, Max Seddon, auf der Plattform X, und fügte hinzu: „Die Äußerungen verdeutlichen, dass Putin trotz der angespannten Haushaltslage des Kremls nicht nachgeben wird.“

Häme für Wladimir Putin: „Bettelt nun Oligarchen um Spenden an“

„Hach ja, das Märchen von den unendlichen russischen Ressourcen“, kommentierte etwa der Zürcher Militärökonom Marcus M. Keupp die Meldungen bei X. „Langsam sieht man Russland, wie es wirklich ist: Eine dünne kleptokratische Elite herrscht über ein Schwellenland, das in weiten Teilen des Ostens zum Entwicklungsland zurückgefallen ist.“

„Putins ‚dreitägige Spezialoperation‘ in der Ukraine verläuft so gut, dass er nun russische Oligarchen um Spenden anbettelt“, lautete derweil der spöttische Kommentar des früheren britisch-amerikanischen Russland-Investors und nunmehrigen Kremlgegners William Browder.

Kreml weist Berichte über Putins Bitte um Spenden zurück

Am Freitag reagierte dann der Kreml auf die Berichte – und wies die Darstellung von „The Bell“ und „Financial Times“ zurück. Es sei nicht wahr, dass Putin bei einer Sitzung des Unternehmer- und Industriellenverbandes um Geld gebeten habe, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Vielmehr sei die Initiative von einem Geschäftsmann ausgegangen, führte Peskow aus. Der habe damit argumentiert, dass die meisten Unternehmer ihr Geld in den 1990er Jahren mithilfe des Staates gemacht hätten. „Und darum halten es viele jetzt für ihre Pflicht, solche Einlagen zu machen“, sagte Peskow. Das sei „nicht die Initiative von Präsident Putin“ gewesen, „obwohl er sie natürlich begrüßt hat“, betonte der Kremlsprecher. Den Namen des angeblich bereitwilligen Spenders nannte er nicht.

Russlands Krieg gegen die Ukraine hat Auswirkungen auf Wirtschaft

Vor mehr als vier Jahren hatte Putin den Befehl zum Angriff auf die Ukraine gegeben. Seine Kriegsziele hat der Kreml seitdem nicht erreicht. Derweil steigen die Kosten für den Krieg. Erst zu Jahresbeginn erhöhte die Regierung für dessen Finanzierung die Mehrwertsteuer. Knapp 40 Prozent der Haushaltsausgaben in Russland fließen in Militär, Sicherheitsapparat und Rüstung.

Kremlsprecher Dmitri Peskow (l.) im Gespräch mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin. (Archivbild)

Kremlsprecher Dmitri Peskow (l.) im Gespräch mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin. (Archivbild)

Die Wirtschaft kämpft derweil – auch aufgrund westlicher Sanktionen – mit Problemen. Putin musste zuletzt einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zum Jahresbeginn einräumen. Eine ukrainische Angriffsserie hatte zuletzt zudem eklatante Auswirkungen auf die russische Ölindustrie. 

Wolodymyr Selenskyj warnt vor Putin: „Er braucht das“

Um mindestens 40 Prozent sind Moskaus Öl-Exporte durch erfolgreiche ukrainische Schläge gegen wichtige russische Ölterminals eingebrochen, schätzten Experten in dieser Woche. Die Analyse ging aus Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters auf Basis von Marktdaten hervor. Demnach belaufen sich die Ausfälle auf rund zwei Millionen Barrel pro Tag. Gleichzeitig profitiert Russlands Ölindustrie durch seit Beginn des Iran-Kriegs gestiegene Preise auf dem Weltmarkt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte unterdessen noch am Donnerstag vor einer Ausdehnung von Russlands Krieg gewarnt. „Die Russen haben die kriegsbefürwortende Stimmung im eigenen Land derart angeheizt, dass der Krieg weitergehen wird, wenn wir Putin jetzt nicht stoppen“, schrieb Selenskyj bei X.

„Er wird sich irgendein kleines Land aussuchen. Er braucht das. Er hat die Kriegswirtschaft angekurbelt und die Russen radikalisiert“, fügte der ukrainische Staatschef mit Blick auf Putin hinzu. Ein russischer Angriff auf das Baltikum könne nicht ausgeschlossen werden, warnte Selenskyj. (mit dpa)