Erst versuchten Moskaus Staatsmedien, den ukrainischen Großangriff kleinzureden, jetzt folgen harsche Drohungen und nervöse Appelle.
„Wir können besiegt werden“Unruhe und Wut in Russland – Putin startet Atom-Übung

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)
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Nach dem bisher größten ukrainischen Angriff auf den Großraum Moskau am vergangenen Wochenende bleibt die Lage in Russland angespannt. So berichteten einige russische Zeitungen am Dienstagmorgen von „erhöhter Unruhe“ in der russischen Gesellschaft und verwiesen dabei auf jüngste Umfrageergebnisse, bei denen eine zunehmende Verängstigung bei den befragten Russinnen und Russen deutlich geworden ist.
Nach der massiven ukrainischen Angriffswelle waren in Russland zu Wochenbeginn erneut kritische Stimmen laut geworden. So zitierte etwa das Exil-Medium Meduza gleich mehrere Personen aus Moskauer Vororten, die Angst und ein Unsicherheitsgefühl schilderten – und Unverständnis für den Kriegskurs des Kremls äußerten.
Kreml-Propagandisten thematisieren Unruhe in Russland
In den sozialen Netzwerken kursierten zudem Videos, die in Russland während der Angriffswelle am Wochenende entstanden sein sollen. „Das ist einfach verdammter Wahnsinn“, hieß es dort. „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so verängstigt, ich zittere buchstäblich“, erklärte eine andere Frau in den von mehreren Telegram-Kanälen verbreiteten Videos. Unabhängig überprüfen lassen sich die Aufnahmen jedoch nicht.

Der russische TV-Moderator Wladimir Solowjow gehört zu den glühendsten Kriegsunterstützern in Russland. (Archivbild)
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Nachdem die staatlichen Medien die ukrainischen Angriffe zunächst heruntergespielt hatten, kam die Unruhe in Russland nun doch in einer der populärsten Talkshows im russischen Staatsfernsehen zur Sprache. Die beiden glühenden Kriegsunterstützer und bekannten Kreml-Propagandisten Wladimir Solowjow und Margarita Simonjan wählten dabei in der Sendung beim Sender Rossija-1 martialische Worte – und stimmten das Publikum auf eine weitere Eskalation ein.
„Wer glaubt, wir würden Gnade walten lassen, irrt sich gewaltig“
„Wer glaubt, wir würden Gnade walten lassen, irrt sich gewaltig“, erklärte Moderator Solowjow etwa mit Blick auf eine mögliche russische Vergeltung für die Angriffe. „Wir verschonen und lieben die Unsrigen, wir verachten und hassen den Feind“, hieß es weiter.
Der Feind sei jedoch nicht nur der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und das Nachbarland, sondern auch die „westeuropäischen Eliten“ sowie „die ganze Bande von Techno-Faschisten und Diktatoren“, führte Solowjow aus und benannte namentlich Tesla-Chef Elon Musk sowie die Palantir-Gründer Peter Thiel und Alexander Karp als Feinde Russlands.
Russisches Staats-TV: Elon Musk und Peter Thiel sind Russlands Feinde
US-Präsident Donald Trump hingegen sei „derzeit unser situativer Verbündeter“, erklärte Solowjow, ohne seine Wut auf die genannten Tech-Milliardäre weiter auszuführen. Hintergrund dürfte jedoch sein, dass Palantir die ukrainischen Streitkräfte mit KI-Lösungen und Software ausstattet, während Musks Firma Starlink die ukrainischen Truppen mit Internetzugängen versorgt, die Nutzung des Systems für Russland jedoch im Februar unterbunden hat.

Wladimir Putin (l.) mit RT-Chefin Margarita Simonjan. Die Propagandistin hat den Kremlchef nun aufgefordert, Europa ein „nukleares Ultimatum“ zu stellen. (Archivbild)
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Auch Simonjan stimmte zunächst in die aggressiven Töne mit ein. „Wir kämpfen weiter. Denkt daran: Wir sind wahrhaft unbesiegbar, wenn wir geeint sind.“ Dann adressierte die Chefin des in der EU verbotenen Propagandasenders RT jedoch die Unruhe in Russland.
RT-Chefin empfiehlt Wladimir Putin ein „nukleares Ultimatum“
„Wir nähern uns gerade einem besorgniserregenden Zeitpunkt“, sagte Simonjan und verwies darauf, dass es die Strategie von Russlands Feinden sei, „dass wir hier viele unzufriedene Menschen haben, dass viele Menschen Angst haben oder wütend sind“. So solle erreicht werden, dass die russische Bevölkerung den Krieg zunehmend infrage stelle, hieß es weiter.
Dem Kreml empfahl Simonjan jedoch keinesfalls, auf Verhandlungen und Entspannungssignale zu setzen – im Gegenteil. Wie zuletzt bereits einige russische Medien, brachte auch die RT-Chefin erneut die russischen Atomwaffen ins Spiel. „Das wahrscheinlichste Ergebnis, wenn auch kein sehr angenehmes, ist ein nukleares Ultimatum“, erklärte Simonjan und erläuterte prompt, wie ein solcher Schachzug von Wladimir Putin aussehen könnte.
„Sie hoffen, dass die Menschen hier anfangen zu rebellieren“
Der Kremlchef müsse lediglich erklären, dass Europa bereits seit Jahren „einen Krieg gegen Russland“ führe und Russland „sich dem nun anschließen“ werde. Dann werde, so Simonjans Prognose, Moskau den Europäern sagen: „Entweder ihr zieht euch aus diesem Krieg gegen uns zurück und lasst uns die militärische Spezialoperation in Ruhe beenden, oder wir ziehen in den Krieg und ihr passt besser gut auf.“
Europa setze auf einen „emotionalen Burn-out“ in der russischen Gesellschaft, hieß es weiter von der Propagandistin. „Sie hoffen inständig, dass die Menschen hier anfangen zu rebellieren und wir uns sozusagen in Gruppen aufspalten“, erwähnte die RT-Chefin die Unruhe in Russland schließlich erneut – und appellierte an die Einigkeit ihrer Landsleute. „Wenn wir nicht zusammenhalten, können wir besiegt werden.“
Kritik am Kreml: Kann Russlands Wirtschaft langen Krieg überleben?
Die radikalen Töne im Staats-TV werden unterdessen von nuklearem Säbelrasseln des Kremls begleitet. Am Dienstag startete Moskau ein gemeinsames Manöver mit Belarus, bei dem der Einsatz von Atomwaffen geübt werden soll. Rund 65.000 Soldaten, mehr als 200 Raketenwerfer, 140 Flugzeuge, 73 Schiffe und 13 U-Boote – darunter acht strategische Raketen-U-Boote – sollen nach russischen Angaben an der Übung teilnehmen.
Die Kritik am Kreml reißt in Russland unterdessen auch trotz der Propaganda in den staatlichen Medien nicht ab. So zitierte das Exil-Medium Meduza am Dienstag einen oppositionellen Duma-Abgeordneten aus den Reihen der Kommunistischen Partei mit der Forderung, Russland müsse den Krieg „schnellstmöglich zu Ende bringen“, da die russische Wirtschaft eine „längere militärische Spezialoperation nicht überleben“ werde.
Die Probleme würden in Zukunft „nicht kleiner“ werden, warnte Renat Suleymanow zudem – ließ jedoch auch keinen Zweifel daran, auf welchen Kriegsausgang in Russland weiterhin gehofft wird. „Die militärische Spezialoperation dauert bereits länger als der Zweite Weltkrieg. So Gott will, wird es in einem Sieg und nicht mit einem Zwischenergebnis enden“, erklärte der Abgeordnete. In Russland darf der Krieg gegen die Ukraine weiterhin nur als „militärische Spezialoperation“ bezeichnet werden.
