Selenskyjs Furchtlosigkeit gegenüber Putin sei beeindruckend, sagt der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz. Eine Versöhnung mit dem Kremlchef sieht Ischinger nicht.
Wolfgang Ischinger„Mit Wladimir Putin wird es kaum möglich sein“

Will die zentralen Konfliktthemen der internationalen Politik in München besprechen: Wolfgang Ischinger.
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Der frühere Botschafter Deutschlands in den USA und in Großbritannien war von 2008 bis 2022 Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, im vergangenen Jahr hat er die Leitung erneut übernommen. Im Interview nennt Wolfgang Ischinger (79) seine Themen für das weltweit renommierte Treffen in sechs Wochen – und mahnt Politik und Wirtschaft in Deutschland zu besonnenem Handeln.
Herr Ischinger, wie beurteilen Sie als Diplomat die politische Leistung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im russischen Angriffskrieg gegen sein Land?
Er war früher ein sehr erfolgreicher TV-Star, auch in Russland. Viele in der Ukraine hatten Zweifel, dass er auch in der Lage sein würde, das Land zu modernisieren. Aber mit dem Tag des russischen Überfalls vor fast vier Jahren wurde aus ihm plötzlich ein weltpolitischer Held.
Woran machen Sie das fest?
Die Metamorphose hat er gleich nach dem Angriff eingeleitet, indem er das Angebot der Amerikaner, ihn außer Landes zu bringen, mit den Worten ausschlug, er brauche keine Mitfahrgelegenheit, sondern Munition. Dieser Mut kennzeichnet seine Politik. Er ist ein großes Kommunikationstalent. Aber noch beeindruckender ist sein politisches Geschick.
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Versöhnung mit Putin „kaum möglich“
Nennen Sie ein Beispiel.
Als Wladimir Putin und Donald Trump forderten, dass er die eigentlich 2024 fälligen Präsidentschaftswahlen jetzt ansetzen solle, reagierte er cool. Wahlen in Kriegszeiten sind schon logistisch so gut wie unmöglich. Selenskyj aber sagte: Na gut, dann bitte ich das Parlament, die Voraussetzung für Wahlen zu schaffen. Aber unter der Bedingung amerikanischer und europäischer Sicherheitsgarantien, dass alle – auch die Soldaten an der Front – wählen können.
Damit müssten mitten im Krieg internationale Truppen auf ukrainisches Gebiet kommen.
Ich kenne kaum jemanden, der in solchen Drucksituationen so geschickt agiert. Im Fußball würde man sagen: Elfmeter mit Antäuschen.
Kann es je Versöhnung mit Russland geben?
Mein Opa hat im Ersten Weltkrieg in Frankreich ein Bein verloren. Als ich fünf Jahre alt war, hat er mir sein Feindbild von den Franzosen mit auf den Weg gegeben. Wenige Jahre später haben Konrad Adenauer und Charles de Gaulle die Erbfeindschaft der beiden Länder mit einem Händedruck überwunden. Prinzipiell kann ich mir natürlich eine Versöhnung mit Moskau vorstellen. Dazu bedarf es aber eines Personalwechsels in Russland. Mit Wladimir Putin wird es kaum möglich sein.
Das kann noch Jahre dauern.
Nichts ist ewig in der Politik. Auch die Zeit von Diktatoren geht zu Ende. Allerdings ist im Augenblick nicht zu erkennen, ob Putin jemand nachfolgen könnte, der echten Frieden will. Ich fürchte, es wird ein langfristiges Ziel sein, Vertrauen wieder aufzubauen. Es wird noch schwieriger werden, als es zwischen den Erzfeinden Deutschland und Frankreich vor 70 Jahren war.
Warum?
Weil heute auch die sozialen Medien einen solchen Prozess erschweren mit Falschnachrichten, Hass und Vorurteilen.

US-Präsident Donald Trump während einer Pressekonferenz.
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Bei der Gelegenheit: Kippt die Demokratie in den USA unter Donald Trump?
Das, was wir von Trump und Vizepräsident J.D. Vance hören, ist nicht eins zu eins die amerikanische Meinung. Nehmen wir das Thema Ukraine: Die Republikaner im Kongress wären zu einem umfangreichen Sanktionspaket gegen Russland bereit. Die Wahlen zum Kongress und Senat im November 2026 könnten die Mehrheitsverhältnisse ändern und zu einer Normalisierung beitragen. Vergessen wir eines nicht: Die Durchhaltefähigkeit der amerikanischen Institutionen ist hoch.
„Dann treibt man die Leute in die Arme der AfD“
Von der amerikanischen Demokratie nach Europa und Deutschland: Wie sieht es bei uns aus?
Es gibt diese unangenehme Neigung in Deutschland, erst einmal alles negativ zu betrachten. Nehmen Sie den Umgang der Wirtschaft mit der jetzigen Regierung: Es wird nur herumgemäkelt und behauptet, die deutsche Wirtschaft sei im Niedergang. Dabei hat diese Bundesregierung in den ersten acht Monaten zahlreiche Reformschritte unternommen. Das wird aber gar nicht zur Kenntnis genommen. Man redet stattdessen vom „freien Fall“. Das befeuert Antidemokraten. Wenn die Koalition dann noch ständig mit sich selbst kämpft – um die Rente, um das Bürgergeld –, dann treibt man die Leute in die Arme der AfD. Denn so vermittelt man eben nicht den Eindruck, dass man imstande ist, das Land zu reformieren. Die AfD ist in der für sie komfortablen Situation, dass sie nirgendwo Verantwortung trägt, nirgendwo Kompromisse eingehen muss und für nichts haftbar gemacht werden kann.
Welche Schwerpunkte setzen Sie bei der Münchner Sicherheitskonferenz Mitte Februar?
Erstens: die Lage in der Ukraine. Zweitens: die transatlantischen Beziehungen. Und drittens: die Selbstbehauptung Europas. Wie kann es sein, dass Europa bei Verhandlungen über Frieden in der Welt – wie beim Nahostkonflikt – nur am Spielfeldrand sitzt? Wo ist die europäische Außenpolitik? Das sind drei zentrale Themen. Natürlich schauen wir, viertens, auch auf die Ordnung im Nahen und Mittleren Osten. Von dem berühmten 20-Punkte-Plan, den die USA maßgeblich mit ausgehandelt haben, ist bisher wenig umgesetzt worden. Fünftens: der Umgang mit China. Wie können wir die Wirtschaftsbeziehungen so gestalten, dass es nicht zu Konflikten kommt, zum Beispiel bei den Lieferketten? Und sechstens: der Globale Süden. Wir müssen stärker mit Ländern wie Brasilien, Südafrika, Indonesien, Indien ins Gespräch kommen. 2026 machen wir eine große Konferenz in Indien. Das ist überfällig.
2025 hat US-Vizepräsident J.D. Vance die Sicherheitskonferenz mit seinem Appell an deutsche Politiker geschockt, sie sollten mit der AfD zusammenarbeiten. Worauf stellen Sie sich diesmal ein?
Es gibt noch keine Klarheit über die Teilnehmer aus den USA. Wer aus der Administration kommt, entscheidet sich immer kurz vorher. Wir hoffen natürlich auf eine möglichst hochrangige Delegation.
Kommt jemand aus Russland?
Die Münchner Sicherheitskonferenz ist eine Plattform auch für kritische und konfrontative Meinungen. Leider sehen wir bei Russland auf der Regierungsseite derzeit keinerlei Dialogbereitschaft. Es gibt ja bis zur Stunde auch noch keine ukrainisch-russischen Verhandlungen – die Verhandlungsführer würde ich sonst sehr gern einladen! Wir werden natürlich versuchen, mit geeigneten Experten Fragen anzusprechen, was eigentlich in Russland selbst vor sich geht, politisch und wirtschaftlich.
Welche Fragen genau?
Wie sieht es konkret aus mit der russischen Wirtschaft? Steht sie jetzt vor dem Kollaps, oder hält sie noch zehn Jahre durch?
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer möchte möglichst schnell wieder russisches Gas beziehen.
Ich kann vor solchen Überlegungen nur warnen. Unsere Partner in Polen und in den baltischen Staaten verfolgen genau, was wir in Richtung Russland unternehmen. Wenn Politiker wieder für Geschäfte mit Moskau plädieren, wirkt das bei unseren osteuropäischen Nachbarn wie Gift. Und das zurecht angesichts des Leids, das Russland weiterhin jeden Tag über die Ukraine bringt. Deutsche Russlandpolitik muss eingebettet sein in EU-Russlandpolitik. Kein deutscher Alleingang mehr, bitte!

