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Wüst über AfD„Würde ich keine zwei Minuten auf meine Kinder aufpassen lassen“

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Bischof Franz-Josef Overbeck (l.), Bistum Essen, und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) führen beim Sommerempfang des Bistums in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ ein Gespräch. 13. Juli 2026

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU, v.l.) führen beim Sommerempfang des Bistums in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ ein Gespräch. 

Beim Sommerempfang des Bistums Essen findet Ministerpräsident Wüst (CDU) im Gespräch mit Bischof Overbeck selten klare Worte zur AfD.

Hätte der prominente Gast aus Düsseldorf beim Sommerempfang des Bistums Essen nicht im koalitionskompatiblen grünen Anzug neben dem Gastgeber gestanden, sondern – wie er – in Schwarz und mit Kollarhemd, man hätte Hendrik Wüsts Gespräch mit Bischof Franz-Josef Overbeck gut für eine Konversation unter Brüdern halten können: Wie gelingt Verständigung in einer Zeit, in der Gemeinsamkeiten schwinden und die Einigung immer schwieriger wird? Mit dieser Frage an den CDU-Ministerpräsidenten und ihren Bischof setzt Judith Wolf, Direktorin der Bistumsakademie „Die Wolfsburg“, den Ton.

Eine Vorlage für Wüst, der derzeit nicht müde wird, eine merkwürdige Stimmungsdrift im persönlichen Mikroklima („Mir geht’s gut“) und der gesellschaftlichen Großwetterlage („in Deutschland alles immer schlimmer“) auszumachen. Weil dieses Land schließlich aus den vielen Einzelnen bestehe, könne da doch was nicht ganz stimmen. Wüst empfiehlt deshalb, „den alarmistischen Sound zu dimmen“.

Mehr versprochen als geleistet

Es gebe allerdings schon, wirft Overbeck ein, ein gutes Gespür vieler Menschen für die Kosten, die durch aktuelle Entwicklungen – Kriegsgefahren, Wirtschaftskrise, Verwerfungen angestammter Allianzen – entstünden.

Wüst macht als Grundproblem dahinter ein verfehltes Erwartungsmanagement in der politischen Rhetorik aus. „Wir haben mehr versprochen, als wir geleistet haben – leisten konnten. Und wir haben noch nicht mal das geleistet, was wir hätten schaffen können.“ Im Umkehrschluss, so Wüst, warne er schon Lokalpolitiker, ihren Bürgern die neue Ortsumgehung zu versprechen, auf die sie seit 50 Jahren vergeblich gewartet hätten. „ich sage: Mach es nicht!“ Immer mehr zu versprechen, führe nämlich keineswegs zu mehr Vertrauen. 

Slogan wie für ein Wahlplakat

Sich „ehrlich machen“, lautet also die Devise – etwas, was aus dem Mund eines Politikers wie eines Bischofs gleichermaßen sonor klingt, aber dann in den vielen Einzelstatements und konkreten Entscheidungen eingelöst werden muss.

Ehrlich machen – wie geht das zum Beispiel im Umgang mit der AfD? Wüst lässt durchblicken, dass er auf diese Frage schon gewartet hat. Weil sie ihm ständig gestellt wird in Kontexten wie diesen, wo die Gutwilligen zusammenkommen und sich einander ihrer Besorgnis vergewissern. „Mut zur Klarheit“, sagt der Ministerpräsident. Auch so ein Slogan, wie geschaffen für ein (Wahl-)Plakat.

Die Mehrheit sagt: Wir wollen die AfD nicht

Aber Wüst legt nach, wird leidenschaftlich und sehr konkret. Allen, die von „gemäßigten“ Strömungen in der AfD oder „anschlussfähigen“ Teilen der Partei schwadronierten, sollten einfach mal hinhören – und zwar genau hinhören – auf das, was diese angeblich Gemäßigten etwa im Düsseldorfer Landtag von sich gäben. „Die würde ich keine zwei Minuten auf meine Kinder aufpassen lassen“, sagt Wüst, was unter den gut 400 Gästen im Saal spürbare Resonanzen erzeugt.

Insgesamt, da kommt wieder der Kanzelton durch, müsse man aber schon sehen, dass die übergroße Mehrheit im Land sagt: Wir wollen die AfD nicht. Selbst in Sachsen-Anhalt seien das immer noch 60 Prozent. Woraus folgt, dass man die politische Geografie der Mitte und deren Grenze speziell im Osten anders bestimmen müsse. „Nicht jeder, der aus der Linkspartei kommt, ist für mich des Teufels“, sagt Wüst. Und schließt an diesem Ort, an dem sonst eher von Gott die Rede ist, gleich mit einer weiteren religiösen Vokabel an. „Ich kenne die Beschlüsse meiner Partei und will sie heiligen und ehren“, aber es täte ihr dennoch gut, ihr Spektrum zu weiten.

Alte, neue Rolle der Kirchen

Für die Kirchen sieht der „Münsterländer Katholik“ Wüst ein wichtiges Betätigungsfeld in den „Tiefenschichten“ der Gesellschaft: Sie sollten ihre alte Rolle neu wahrnehmen und „zum Diskurs einladen“ – gerade angesichts des Erodierens geteilter Wahrheiten und geteilter Öffentlichkeiten: „Wie wollen wir den Frieden erhalten, wenn nicht mehr klar ist, worüber wir reden und wer miteinander redet?“

Wüsts Frage ist wieder eine Steilvorlage für Overbeck, denn – so der Bischof – für die Wahrheit einstehen, „das tun wir beide“. An manchen Stellen, wie er einschränkend hinzufügt. „Dann wird man verhauen, aber das ist nicht schlimm.“  Bedenklich schon eher, dass „unsere Botschaften vielleicht nicht clever genug“ sind. Die Kirche sei da „ziemlich lahm“ – und sitze insofern nicht etwa in einem Boot mit der Politik: „Wir sind noch schlechter.“

Als „lahme Ente“ auf dem dritten Platz

Den Unterbietungswettbewerb fängt Wüst elegant ab, indem er ihn an die Parteien am rechten und linken Rand weiterspielt: „Da sind wir als die ‚lahme Ente‘, die Sie in unserer Volkspartei sehen, systemisch zum dritten Platz verdammt – nach AfD und Linkspartei.“

Ausweg aus dem Dilemma könnte, so Overbeck, etwas sein, was eigentlich ganz einfach sei, „obwohl es nicht so leicht ist“: nämlich der Sinn für gute Geschichten und das Talent, sie gut zu erzählen. Der Maßstab? Jesus natürlich, wer sonst? Und Wüst, obwohl weit davon entfernt, sich diesen XXL-Schuh anzuziehen, greift er immerhin danach: Erzählungen vom Gelingen vortragen zu können, darauf komme es für den Erfolg der Mitte an.