Mit der Zuckersteuer nur Etatlöcher stopfen zu wollen, wäre aber falsch. Und: Gesunde Lebensmittel müssen dann auch bitte günstiger werden. Ein Kommentar.
Umstrittene PläneEine Zuckersteuer ist in Deutschland überfällig


Eine geöffnete Flasche mit einem zuckerhaltigen Erfrischungsgetränk steht auf einem Tisch. (Symbolbild)
Copyright: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa
Eines vorneweg: Eine Zuckersteuer ist in Deutschland überfällig. Denn wir marschieren als Gesellschaft sehenden Auges auf eine weitere schwere Gesundheitskrise zu, die vermeidbar wäre: Die Deutschen werden immer dicker. Adipositas und Typ-2-Diabetes nehmen zu, was die Kosten für unser Gesundheitssystem stark nach oben treibt. Besonders schlimm daran ist, dass immer mehr Kinder und Jugendliche betroffen sind. Denn wer als Kind krankhaft übergewichtig wird, trägt dieses Risiko ein Leben lang weiter.
Ob die geplante Zuckersteuer wirklich so kommt, wie das SPD-geführte Bundesfinanzministerium sie plant, ist mehr als offen – der Widerstand in der Union ist groß. Auch deshalb, weil die Pläne weit über die Vorschläge der Expertenkommission Gesundheit hinausgehen: Neben Softdrinks sollen auch Säfte, Eistees, Biermischgetränke und pflanzliche Drinks wie Hafermilch erfasst werden. Getränke mit Süßstoffen sollen ebenfalls besteuert werden. Völlig übertrieben? Nun, aus rein medizinischer Perspektive betrachtet ist der Schritt konsequent. Denn es geht eben nicht nur um Zucker, sondern auch darum, dass die Industrie uns an immer süßere Getränke gewöhnt. Wer nur Zucker besteuert, lädt die Industrie dazu ein, ihre Rezepturen auf Süßstoff umzustellen, den süßen Geschmack dabei aber nicht zu reduzieren.
Niemand will Cola, Eistee oder Energy Drinks verbieten.
Dabei wäre es gerade für Kinder wichtig, dass sie nicht regelrecht süchtig gemacht werden nach überzuckerten Getränken. Und Süßstoffe sind nun mal nicht die gesunde Alternative zum Zucker, auch wenn sie gerne so verkauft werden. Nicht nur tragen sie zur problematischen Gewöhnung an maximal süße Getränke bei. Die Weltgesundheitsorganisation riet 2023 in ihrer Leitlinie zu Süßstoffen davon ab, sie aus Gründen der Gewichtsreduktion einzusetzen. Der Mediziner Peter Schwarz, Präsident der Internationalen Diabetes-Gesellschaft, macht Süßstoffe genauso wie Zucker für das zunehmende Problem Fettleber mitverantwortlich. Davon sind auch immer mehr Jugendliche betroffen, die besonders häufig zu Energy Drinks greifen. Durch ihren hohen Koffeingehalt sind diese bei hohem Konsum zusätzlich gesundheitsgefährdend.
Und die Säfte? Ein Apfelsaft ist natürlich grundsätzlich etwas anderes als Limonade. Allerdings enthält auch dieser Saft immens viel Zucker – wird aber ebenfalls gerne als gesunde Alternative verkauft. Es geht nicht um Verbote. Niemand will Cola, Eistee oder Energy Drinks verbieten. Genauso wenig muss der Staat aber tatenlos zusehen, wenn billige, stark gesüßte Getränke Krankheiten mitverursachen, die bereits heute und künftig in noch viel höherem Maße alle Krankenversicherten und Steuerzahler teuer bezahlen.
Richtig bitter ist allerdings, dass die Steuer vor allem Haushaltslöcher stopfen soll. Eine echte Lenkungsabgabe müsste die Einnahmen gezielt in Prävention stecken: in bessere Kita- und Schulverpflegung, in Ernährungsbildung, in Sportangebote, in Wasserbrunnen, in eine Gesundheitspolitik, die nicht erst behandelt, wenn die Krankheit da ist.
Außerdem: Wenn die Politik wirklich Prävention will, darf sie nicht nur verteuern. Sie muss auch entlasten – dort, wo Gesundheit beginnt: im Einkaufswagen. Das wäre auch deshalb wichtig, weil das Leben für viele Menschen langsam unbezahlbar wird. So drohen Hitze und schlechte Ernten, Obst und Gemüse zu verteuern. Richtig wäre deshalb die Kombination: stark gesüßte Getränke moderat teurer machen, gesunde Lebensmittel gezielt günstiger: Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse. Die gesunde Entscheidung sollte die naheliegende und bezahlbare sein. Alles immer nur teurer zu machen, kann unter sozialen Gesichtspunkten nicht die Antwort sein.


