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Zwei junge Frauen halten sich an den Händen und stehen auf einem Feld.

Festhalten oder loslassen? Oft sind Schwesternbeziehungen im Erwachsenenalter von Konflikten aus der Kindheit geprägt.

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Geschwister-Beziehungen: „Von Schwestern wird erwartet, dass sie sich vertragen“

Köln -

Es existiert dieses große Bild von Schwestern, die immer zusammenhängen, alles teilen und sich die besten Ratgeberinnen sind in allen Lebenslagen. Dabei gibt es auch genug Schwesternbeziehungen, in denen es kriselt. Cordula Ziebell weiß, was dann helfen kann – sie und ihre Schwester Barbara geben Workshops für Schwestern und haben mit „Schwesternbande“ ein Buch zum Thema veröffentlicht. Ein Gespräch.

Was macht Schwesternbeziehungen denn eigentlich so besonders?

Cordula Ziebell: Schwestern haben das gleiche Geschlecht, dadurch besteht erst einmal eine tiefe Verbundenheit und Vertrautheit. Mädchen identifizieren und vergleichen sich miteinander und werden auch von den Erwachsenen miteinander verglichen. Bei Kindern gleichen Geschlechts ist aber auch eine stärkere Abgrenzung notwendig, sie wollen und müssen eine eigene Persönlichkeit entwickeln. Es erfordert also einen großen Balanceakt zwischen Identifizierung und Abgrenzung.

Wird von Schwestern dabei anderes erwartet als von Brüdern?

Die Schwestern Cordula (l.) und Barbara Ziebell

Cordula (l.) und Barbara Ziebell geben Workshops für Schwestern.

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Till Optenhögel

Häufig ja. Es gibt einen gesellschaftlichen Harmoniezwang. Von Schwestern wird eher erwartet, dass sie sich vertragen. Jungs untereinander dürfen und sollen sich ja sogar miteinander messen und rivalisieren. Es ist immer noch ein Tabuthema, dass Frauen sich streiten. Das wird schnell als Zickenkrieg abgetan.

Eine schwierige Schwesternbeziehung ist also nicht gerne gesehen?

Erwachsene Frauen erleben das oft als großen Leidensdruck, wenn sie die Verbundenheit zu ihrer Schwester nicht spüren. Viele denken, mit ihnen stimme etwas nicht. Dabei ist eine gute Beziehung zur Schwester nicht selbstverständlich, sondern eher ein Geschenk. Schwestern können eine innige Beziehung haben, aber sie müssen es nicht zwangsläufig, es ist kein Geburtsrecht. Eine Schwesternbeziehung muss gepflegt werden. Manche Schwestern sind auch charakterlich so unterschiedlich, dass sie kaum Anknüpfungspunkte finden.

Wie schwer ist es für die Schwestern, so eine Distanz zu akzeptieren?

Oft ziemlich schwierig. Geschwisterbeziehungen sind die längsten unseres Lebens und die Sehnsucht nach Verbundenheit und zum Beispiel danach, gemeinsame Erinnerungen zu teilen, ist groß. Wenn das nicht möglich ist, tut das weh. Gerade wenn die Eltern älter werden oder sterben, wünschen sich Geschwister oft, näher zusammenzurücken.

Aber leiden Schwestern besonders unter einer konfliktreichen Beziehung?

Man muss es differenziert sehen, auch für Brüder kann es sehr schlimm sein, wenn der Kontakt zu den Geschwistern gestört ist. Unserer Erfahrung nach leiden Frauen aber häufiger unter konfliktreichen Beziehungen als Männer. Wir haben sehr oft mit Frauen zu tun, die seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Schwester haben – und es ist immer noch schwer für sie. In der Geschwisterforschung hat man festgestellt, dass sich vor allem Frauen verantwortlich fühlen für eine gute Kommunikation und das Pflegen von Beziehungen. Brüder gehen damit oft anders um. Vielleicht ist da auch eine größere Akzeptanz da, verschiedene Wege zu gehen.

Wie beeinflusst das Verhalten der Eltern die Entwicklung und Beziehung zwischen Schwestern?

Eltern haben großen Einfluss darauf, vor allem wenn sie Schwestern ständig miteinander vergleichen. Statt die Einzigartigkeit eines jeden Kindes zu würdigen und wertzuschätzen, heißt es dann: „Guck mal, die macht das viel schöner als du!“ So wird die Saat gelegt für Konkurrenz, Selbstwertprobleme und Minderwertigkeitsgefühle. Das ist ein entscheidender Faktor. Es gibt auch Eltern, die ein Kind benachteiligen oder ein Lieblingskind haben. So etwas kann fürs Leben prägen, wenn etwa eine Schwester das Gefühl hat, überhaupt nicht willkommen zu sein und gesehen zu werden.

Wirkungsmächtig sind auch Rollenzuschreibungen und Stigmatisierungen in der Kindheit. Oft wird der einen Schwester die Verantwortung übertragen, sie muss auf ihre kleine Schwester aufpassen oder auf sie Rücksicht nehmen. Die andere Schwester wird vielleicht stigmatisiert, weil sie ängstlich oder zurückhaltend ist. Eine solche Etikettierung von Eigenschaften kann auch später zu Zwietracht führen.

Haben solche Zuschreibungen mit der Geburtsfolge zu tun?

Wir haben festgestellt, und so belegt es auch die Geschwisterforschung, dass die Geschwister durch die Geburtenrangfolge nicht zwangsläufig bestimmte Rollen erhalten. Aber es gibt durchaus typische Rollenzuweisungen für die Ältesten, die Mittleren oder die Jüngsten. Es ist zum Beispiel häufig so, dass die älteste Schwester eine Art Mutterrolle für die Geschwister erfüllt. Das Nesthäkchen fühlt sich dagegen oft nicht so recht ernst genommen von den anderen. Und die Mittleren wissen häufig nicht, zu wem sie gehören, grenzen sich besonders ab und versuchen anders zu sein. Jedes Kind sucht seine eigenen „Nischen“, also Rollen, Verhaltensweisen und Aufgaben, die von den älteren Geschwistern noch nicht besetzt sind.

Geschwisterbeziehungen prägen aber nicht nur unsere Persönlichkeit, sondern haben auch Einfluss darauf, wie wir später überhaupt Beziehungen führen. Wenn etwa ein jüngster Bruder und eine jüngste Schwester in einer Liebesbeziehung sind, ringen sie oft miteinander, zum Beispiel um Anerkennung, im übertragenen Sinne tun sie das noch immer in ihrer Rolle als jüngste Geschwister. Auch im Kollegen- und Freundeskreis begegnen einem überall älteste, mittlere und jüngste Schwestern und Brüder. Da prescht die Kollegin, eine älteste Schwester, beispielsweise häufig vor und reißt alles an sich, weil sie sich verantwortlich fühlt.

Wie wirken sich solche Geschwisterrollen auf die Schwesternbeziehung aus?

Es hat immer etwas damit zu tun, ob die Schwester im Erwachsenenalter von den anderen auf Augenhöhe gesehen und respektiert wird. Und Geschwister kennen sich oft so gut, dass sie wissen, wo die wunden Punkte der anderen liegen. Die Kleine fühlt sich vielleicht von der Älteren bevormundet, weil diese dominant auftritt und alles bestimmt. Die Ältere beklagt wiederum, dass sich die Jüngere immer zurückhält und keine eigene Meinung hat. Dazu kommen alte Eifersuchtsgefühle.

Solange sich solche Haltungen unterschwellig fortsetzen und nicht erkannt wird, welche Rollen da wirksam waren und sind, bleibt es ein Konfliktpotential zwischen Geschwistern. Schwestern fühlen sich dann dauerhaft nicht gesehen und verstanden. Dazu kommen meist Kommunikationsprobleme, es wird nicht richtig hingehört, wie die andere Schwester Dinge wahrnimmt.

Wie kommt man aus dieser „Du warst ja schon immer so“-Spirale raus?

Das Erste und Wichtigste ist, diese alten Zuschreibungen bewusst zu machen, zu reflektieren und miteinander darüber zu sprechen. Neulich hat mir das eine Frau so schön beschrieben: Sie ist mit ihrer Schwester spazieren gegangen und dabei haben sie sich gegenseitig erzählt, wie sie etwas erlebt haben. Sie haben einfach mal zugehört und sich eingefühlt in die Perspektive der anderen und verstanden, wie die Welt der Schwester eigentlich aussieht, ohne dass es um richtig oder falsch ging. Es war ein Wendepunkt für die Geschwisterbeziehung.

Die Sichtweise der Schwester anzunehmen, ist aber nicht immer so leicht, oder?

Natürlich kann es manchmal schwer zu verstehen oder sogar schmerzhaft sein, was die andere erzählt. Aber zu sehen, worunter die andere zum Beispiel gelitten hat, kann schon der erste Schritt hin zu einer Lösung sein. Viele Verletzungen passieren nicht bewusst und bösartig, sondern unschuldig, manchmal im Vorbeigehen. Wenn es um Ungleichbehandlung durch die Eltern geht, dann müssen die Schwestern ja auch verstehen, dass sie dafür gar nicht verantwortlich sind, sondern die Eltern. Die Wut und Enttäuschung, die die Schwester abbekommt, müssten eigentlich an sie gerichtet werden.

Was raten Sie Schwestern in lange verfahrenen Schwesternbeziehungen?

Grundsätzlich möchte ich sagen: Viele geben in Geschwisterbeziehungen ihr Bestes und sie machen dennoch Fehler. Es ist wichtig, dann auch verzeihen zu können und sich zu versöhnen – auch mit sich selbst und den eigenen Fehlern. Und manchmal muss man eben anerkennen, dass es zu wenig Gemeinsamkeiten und Verständnis zwischen Schwestern gibt, auch wenn der Wunsch danach groß ist. Dann ist es die Aufgabe, das zu respektieren und Frieden zu machen mit der Situation. Das ist gesünder, als immer wieder dasselbe zu versuchen und wiederholt verletzt zu werden.

Sie und Ihre Schwester geben zusammen Schwestern-Workshops – wie laufen die ab und wer kommt da zu Ihnen?

Wir haben zwei verschiedene Formate, einmal kommen Schwesternpaare zu uns, die zusammen an ihrer Beziehung arbeiten wollen. In diesen Workshops üben wir zum Beispiel, aktiv zuzuhören und die Perspektive der anderen einzunehmen. Viel häufiger aber haben wir Workshops, zu denen die Frauen alleine kommen, die unter einer Beziehung zur Schwester oder zum Bruder leiden, die sich mehr Nähe wünschen, aber nur Distanz und Konflikte erleben. Manche haben gar keinen Kontakt mehr zu ihren Geschwistern und leiden darunter. In diesen Workshops gibt es viel Austausch untereinander und bereits die Erfahrung, mit ihren Schwesternproblemen nicht allein zu sein, sorgt schon für viel Erleichterung. Unter anderem arbeiten wir auch mit einer Art von Familienaufstellungen. Ausgangspunkt ist ein „Schwesternstand“, an dem jede Frau mit symbolhaften Gegenständen, Bildern, Erinnerungsfotos, Geschriebenem und Gemaltem gestaltet, wie die Beziehung zur Schwester war und heute ist. Darüber kommen oft unbewusste Einsichten ans Licht, denn auf dem Schwesternstand kann das innere Erleben mit Abstand von außen betrachtet werden.