Kölner Ärztin über Dating„Es kostet sehr viel Energie, die Coole zu spielen“

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Dr. Nasanin Kamani ist Ärztin im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie. 

Köln – Wohl jeder, der sich über Tinder oder andere Dating-Apps verabredet, hat schon seltsame Sachen erlebt. Erst ist die Andere total überschwänglich, dann zieht sie sich plötzlich zurück. Oder man trifft sich mit jemandem, bei dem eigentlich alles passt, aber trotzdem springt der Funke nicht über. Vielleicht landet man im Bett, obwohl man das eigentlich gar nicht wirklich wollte. Und anschließend wird man geghostet, also komplett ignoriert. Warum verhalten sich Menschen beim Kennenlernen so seltsam? Die Kölnerin Nasanin Kamani hat jetzt ein Buch über typische Dating-Phänomene geschrieben und erklärt auch, wie man damit umgeht. Sie wertet dazu sowohl ihre eigenen Erfahrungen beim Daten aus als auch ihre beruflichen: Sie ist Ärztin im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie in einer Klinik. 

Frau Kamani, Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Sie fünf verschiedene Dating-Situationen beschreiben. Sind das Ihre eigenen Erfahrungen?

Nasanin Kamani: Ja sind es. Ich habe diese Erlebnisse gewählt, weil sie mir nahe gegangen sind und weil sie zugleich viele Themen aus der Dating-Welt behandeln, die andere auch betreffen, zum Beispiel: „Warum meldet der Andere sich nicht mehr?“ oder „Warum lassen wir uns zu Dingen überreden, ohne sie wirklich zu wollen, zum Beispiel Intimität?“ Ich versuche, das Verhalten der Dating-Partner zu analysieren und daraus einen Rat abzuleiten, der sich aus meinen privaten und beruflichen Erfahrungen aus Psychiatrie und Therapie zusammensetzt.

Welchen dieser Ratschläge hätten Sie selbst am dringendsten gebraucht?

Ich hätte gern mehr über den emotionalen Phantomschmerz gewusst, so nenne ich das, wenn man etwas vermisst, was es eigentlich gar nicht gegeben hat. Dieser Schmerz entsteht, wenn man in eine Person zu viel hinein projiziert und so die Idee von Beziehung entsteht. Und wenn dann daraus nichts wird, tut das weh, obwohl objektiv nur wenig passiert ist. Ich habe die Liebe und das Dating-Leben früher sehr romantisiert und wollte keine Kompromisse eingehen. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass Romantik auch bedeutet, sich der Realität zu stellen.

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In ihrem Buch „Date Education“ hat Nasanin Kamani über die typischen Dating-Phänomene geschrieben. 

Wie wichtig ist das eigene Bauchgefühl beim Daten? Wie lange sollte man es mit jemandem versuchen, obwohl man eigentlich schon weiß, dass es nicht wirklich passt?

Meiner Meinung nach muss es nicht beim ersten Date funken. Man kann Menschen und auch sich selbst Zeit geben, sich zu öffnen und Liebenswertes erst nach und nach zu entdecken. Aber in dem Moment, wo man das Gefühl hat, dass man sich selbst überredet und dem Bauchgefühl Kontra gibt, würde ich das als schlechtes Zeichen werten.

Gehen Sie trotz Ihrer ganzen Erfahrung noch unbefangen in ein Date?

Ich bin sensibilisierter für sogenannte „Red Flags“ geworden, also Warnzeichen, die ich als bedenklich oder gar als No-Go einstufe.

Was sind für Sie solche Warnzeichen beim Dating?

Ich bin skeptisch, wenn jemand direkt sehr viel von sich preisgibt. Am Anfang fand ich das noch ehrlich und offen, aber dann wurde mir diese Intimität unangenehm. Der Andere versucht, eine Turbo-Nähe zu erzeugen, die noch gar keine Berechtigung hat. Auch wenn ich schon nach dem ersten Treffen auf Wolke sieben bin, statt die Person erstmal entspannt kennenzulernen, würde ich zurückrudern.

Aber ist das nicht genau das, was man sich wünscht?

Ja, aber das bedeutet, dass man weniger klar sieht. Man ist von Aussehen, Charme oder Humor geblendet und bemerkt andere Dinge nicht mehr, die auch wichtig sind. Wenn es knallt, gibt einem das ein gutes Gefühl und lenkt vom Alltag ab. Das kann und soll man genießen. Aber eben trotzdem ein bisschen locker bleiben.

Wenn man sich verknallt, ist man aber leider nicht mehr rational…

Es gibt einen Unterschied zwischen toxischem und sanftem Verknallen. Das sanfte Verknallen ist ein sehr schönes Gefühl, bei dem man nicht gleich die emotionale Kontrolle verliert. Das toxische Verknallen dagegen schießt einen meiner Erfahrung nach direkt auf den Mond, man ist gedanklich sehr auf die Person fixiert, kann nicht abschalten und kreist andauernd um dieses Thema.

Wie kann man einen kühlen Kopf bewahren, wenn man sich bei einem Treffen verliebt?

Wichtig ist, dass man bei sich bleibt und sich an seinen eigenen Wert erinnert. Der oder die Andere mag viele tolle Eigenschaften haben, man selbst aber auch. Das sollte man nicht vergessen. Die andere Person sollte nicht idealisiert und auf ein Podest gestellt werden. Man sollte sich seiner selbst bewusst sein und den Anderen als gleichberechtigtes Gegenüber betrachten, das man gerne kennenlernen möchte.

Kommen wir zu einigen typischen Dating-Problemen, für die Sie in Ihrem Buch Ratschläge geben. Man schreibt hin und her, findet sich gut, trifft sich und merkt dann, dass der Mensch doch nicht so toll ist wie man dachte.

Das passiert vor allem, wenn man zu lange schreibt und eine zu hohe Erwartungshaltung aufgebaut hat. Besser ist, sich schneller zu treffen oder wenigstens mal zu telefonieren.

Es scheint, dass einige aber lieber nur schreiben möchten und die Person gar nicht in echt treffen wollen.

Da gibt es viele, sowohl Frauen als auch Männer. Manche sind in unglücklichen Beziehungen und suchen Bestätigung, manche genießen auch die potentielle Option auf etwas Neues oder sehen das Ganze als Wohlfühlchat für einsame Abende. Diese Menschen wollen kein echtes Treffen, weil sie nicht auf der Suche nach einer realen Verbindung sind.

Ein weiteres weit verbreitetes Phänomen ist das sogenannte Ghosting. Man hat sich kennengelernt, aber plötzlich verschwindet der Andere wie ein Geist aus dem eigenen Leben.

Das ist in der digitalen Welt leider sehr einfach und kommt oft vor. Das Verantwortungsgefühl ist kleiner. Man kann Nummern und Profile blockieren oder einfach die App löschen.

Wie geht man damit um?

Wenn einem der Mensch sympathisch war, würde ich mir einen Ruck geben und nachfragen, ob alles in Ordnung ist. Wenn dann keine Reaktion mehr kommt, würde ich mich persönlich nicht noch einmal melden. Sollte der Andere nach drei Wochen dann plötzlich doch schreiben, würde ich nur reagieren, wenn die Art und der Inhalt der Nachricht mir aufrichtig erscheinen.

Lesung aus dem Buch

Am Samstag, 17. September 2022, liest Nasanin Kamani in der Kölner Buchhandlung Forough Book ab 19 Uhr aus ihrem Buch. 

Jahnstraße 24 50676 Köln 0221/9235707 www.forough-book.com

Was hat es zu bedeuten, wenn man zunächst ganz regelmäßig schreibt, aber dann plötzlich tagelang Funkstille herrscht? Kann man das tolerieren?

Wenn man für vier Tage abtaucht und dann wieder auftaucht, sollte man auch erklären warum. Man kann auch sagen: „Das ist für mich gerade noch nicht so verbindlich.“ Das ist ja in Ordnung, gerade am Anfang ist man sich noch weniger Verbindlichkeit schuldig. Wenn jemand sagt, dass er viel zu tun hat und sich deshalb nicht meldet, liegt es an mir zu entscheiden, ob ich mich mit dieser Erklärung wohl fühle oder nicht und ob ich mich weiter öffnen will. Wichtig ist, dass man authentisch ist.

Wie authentisch kann man denn überhaupt sein? Dating ist ja zum großen Teil ein Spiel.

Es ist zwar ein Spiel, aber in einem ernsten Feld. Ein natürliches Taktieren kennen die meisten, aber wenn die andere Person einem näher kommt, ist zu viel Taktieren fehl am Platz. Wenn ich will, dass mich jemand so liebt, wie ich bin, muss ich ihm auch zeigen, wer ich bin. Es kostet außerdem sehr viel Energie, die Coole zu spielen, wenn man eigentlich nähebedürftig ist. Oder den Prinzen zu geben, der sich morgens und abends meldet, in Wahrheit aber der distanzierte Typ ist, der wenig Kontakt braucht.

Wie findet man den Übergang von der Spielerei in die Authentizität?

Der Übergang ist am Anfang holprig. Sobald man den anderen Menschen als potentiellen Partner in Betracht zieht, macht man sich verletzbar. Das macht einem Angst und verlangt Mut und Risikobereitschaft, sich trotzdem weiter zu öffnen. Meist muss einer den Anfang wagen. Wenn der Andere ernsthaft Interesse hat, freut er sich über diesen Schritt und man kann zusammen nach vorne gehen. Ist der Andere nicht so schnell, kann man trotzdem noch eine Weile dran bleiben – sofern man die eigenen Bedürfnisse nicht verleugnet. Es ist wichtig, ehrlich zu kommunizieren, aber auch nicht zu fordernd zu sein. Je mehr gegenseitiges Verständnis man aufbringt, desto leichter wird es.

Was sind Ihre ultimativen Dating-Tipps?

Authentizität ist wichtig. Denn man möchte ja eine Person anziehen, die einen gut findet, so wie man ist. Wenn man das Gefühl hat, dass das nicht geht, weil man sonst zu pushy oder zu kühl ist, sollte man da mal genauer hinschauen: Liegt es an der Dating-Dynamik oder meinen eigenen ungeklärten Themen?

Buchtipp: Dr. Nasanin Kamani: Date Education. Love Bombing, Tinder-Frust und Bindungsangst: Durchschaue dein Date, EMF-Verlag, 287 Seiten, 17 Euro

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