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Wie Jugendliche trauern„Der Tod von Micha hat mich beim Erwachsenwerden krass gehemmt“

Lesezeit 7 Minuten
Ein junger Mann mit Kapuzenpulli lehnt alleine an einem Zaun.

Viele Jugendliche ziehen sich in ihrer Trauer zurück, andere gehen zum Sport und treffen Freunde.

Der Tod eines geliebten Menschen verändert viel. Erst recht für Jugendliche, die gerade die Welt entdecken. Was hilft ihnen? Eine Trauerbegleiterin erzählt.

„In der Trauer habe ich mir gewünscht, dass endlich der tiefste Tiefpunkt kommt, damit es nicht noch tiefer geht“, erzählt der 19-jährige Lukas. „Ich nehme mir ab und an die Gitarre und lass mir eine traurige Melodie einfallen und spiele sie dann die ganze Zeit. Fange an, zu weinen, wenn ich das leere Gefühl habe.“ Die Musik habe ihm nach dem Tod seines älteren Bruders besonders geholfen.

Für die 18-jährige Laura war nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter vor allem die Nähe zu ihrem Tier wichtig. „Mein Pferd hat mir auf jeden Fall geholfen“, berichtet sie, „ich hatte immer Abwechslung und immer etwas zu tun. Im Notfall hätte sich auch jemand anderes um das Pferd gekümmert, aber es war gut, eine Pflicht zu haben, die man noch machen muss.“ Auch am Tag des Todesfalls ist Laura noch in den Stall gefahren.

Jugendliche erzählen von ihrer Trauer

Lukas und Laura sind zwei junge Menschen, die eine nahestehende Person verloren haben und der Kölner Trauerbegleiterin Tina Geldmacher und der Fotografin Angela Graumann für ihr Buch „Das ist doch einfach nur Scheiße“ ihre Geschichte erzählt haben. „An diesen beiden jungen Leuten zeigt sich ganz gut, wie unterschiedlich der Umgang mit Trauer sein kann“, sagt Geldmacher. „Lukas ist sehr reflektiert und trauert, indem er darüber spricht. Er versucht, kognitiv an das Thema heranzugehen. Gleichzeitig hat er eine große Hingabe für seine Musik und bringt so seine Trauer so zum Ausdruck.“

Laura wiederum trauere auf ihre eigene Weise. „Sie ist in ihrer Herangehensweise an die Trauer ganz klar und fast pragmatisch – vielleicht aus Selbstschutz.“ Sie suche sich ihre Austauschpartner im Pferdestall und fühle sich dort gut aufgehoben.

„Jede Art zu trauern ist in Ordnung“, sagt Geldmacher. Auch deshalb hätten sie im Buch junge Menschen selbst von ihrer Trauer erzählen lassen und richten es auch direkt an Jugendliche.

„Jugendliche durchleben alle Trauergefühle wie andere Menschen auch, es ist nur für Außenstehende nicht immer so offensichtlich.“ Weil viele nicht über ihren Verlust sprächen, machten sich Erwachsene aber oft Sorgen. „Doch auch laut Musik hören, daddeln oder Sport machen kann ein Ausdruck von Trauer sein.“ Gerade junge Menschen setzten nach einem Todesfall ihr Leben häufig normal fort, sie gingen raus und träfen Freunde, so als habe sich nichts verändert. „Der Alltag kann eine große Stütze und eine gute Ablenkung sein. Das Abhängen mit Gleichaltrigen ist manchmal auch eine Pause vom Trauern, um wieder Kraft zu schöpfen.“

Manche Jugendliche hielten die eigene Trauer jedoch auch deshalb zurück, weil sie andere nicht belasten wollten. „Sie funktionieren in der Schule und zu Hause vorbildlich und zeigen nicht, dass es ihnen schlecht geht, weil ihre Eltern auch in tiefer Trauer sind.“ In einigen Fällen würden junge Menschen das Trauern sogar erst einmal ganz aufschieben. „Dann kommt es Jahre später wieder hoch, weil irgendetwas sie triggert, und sie befassen sich erst dann so richtig damit.“

Ein Verlust während der Pubertät ist eine große Herausforderung

So früh im Leben jemanden zu verlieren, das bringe die Welt der Heranwachsenden oft richtig ins Wanken. „Die Pubertät ist eine ganz labile Phase des Umbruchs, in der sich junge Menschen neu finden und sich fragen: Wer will ich eigentlich mal sein?“, sagt Tina Geldmacher, „und wenn in diese Zeit ein Verlust einbricht, ist das eine große Herausforderung.“ Auch beim Trauern befänden sich Jugendliche in einer Zwischenphase. „Sie haben keine kindliche Vorstellung mehr, sind aber auch noch nicht in ihren Werten gefestigt. Und plötzlich wird alles über den Haufen geworfen, weil etwas Unvorstellbares passiert ist.“

Ein Todesfall verändere oft auch die Nähe-Distanz-Verhältnisse innerhalb der Familie. „Eigentlich wollen Jugendliche hinausgehen, die Welt entdecken, verrückte Sachen tun und die Liebe ausprobieren. Doch in Zeiten der Trauer rückt die Familie eng zusammen und ihre Welt wird wieder kleiner.“ Das entspreche meist gar nicht dem, was sie wollten. „Viele sind wütend darüber – und das darf auch so sein.“ Auch Lukas hat seine Trauer als eine Art Stillstand empfunden: „Der Tod von Micha hat mich beim Erwachsenwerden krass gehemmt. Da kann so was die meisten Schäden anrichten, da keimt das Leben gerade auf“, erzählt er im Buch, „mein Vater wird weiterhin seiner Arbeit nachgehen, meine Großeltern werden weiterhin Rentner sein und ihr Leben zu Ende leben. Die sind alle weiter als ich, und genau deswegen konnte es bei allen anderen nicht so viel Schaden anrichten.“

Eigentlich wollen Jugendliche die Welt entdecken, verrückte Sachen tun und die Liebe ausprobieren. Doch in Zeiten der Trauer rückt die Familie eng zusammen und ihre Welt wird wieder kleiner.
Tina Geldmacher

Belastend für junge Menschen sei auch, dass nicht selten verurteilt werde, auf welche Weise sie trauerten. „Erwachsene richten sich auch beim Trauern eher nach Konventionen“, erklärt Tina Geldmacher, „Jugendliche wollen sich abgrenzen und ihren ganz eigenen Weg der Trauer gehen.“ Das hat auch Laura etwa bei der Beerdigung ihrer Mutter erlebt: „Alle wollten immer, dass ich reinkomme: ‚Jetzt komm doch als Erste mit rein‘, aber das fand ich für mich sehr unangenehm. Ich habe dann nur gesagt: ‚Ich bleibe draußen.‘ Ich hatte auch gar keine Lust, von irgendjemandem angeglotzt zu werden.“

Beim Umgang mit Trauer sind auch Gleichaltrige oft sprachlos

Auch hier müsse man Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen und ihnen Raum lassen. „Erwachsene sollten trauernden Jugendlichen nie sagen, wie sie zu trauern haben“, sagt Geldmacher, „sie haben selbst einen ganz guten Instinkt dafür, was sie in dem Moment brauchen.“ Wichtig sei, dass sie jemand in ihrem Umfeld haben, an den sie sich wenden könnten, wenn sie reden wollten. „Auch eine Trauergruppe kann ihnen helfen, sich mit dem Verlust auseinanderzusetzen. Gerade Jugendliche aber möchten oft nirgends hingehen, für sie gibt es auch gute Beratungsangebote online.“


Hilfe für trauernde Jugendliche

Leuchtturm 4you – Online-Beratung für Jugendliche

Leuchturm On – Online-Beratung nach Verlust durch Suizid

Young Wings – Online-Beratung für trauernde Jugendliche

Trauerberatung bei Tina Geldmacher in Köln: Tel.: 0151-21237116, Mail: t.geldmacher@leuchtturm-schwerte.de

 TrauBe Köln e.V.

Domino Zentrum für trauernde Kinder Bergisch Gladbach

Trauerberatung Dellanima Bergisch Gladbach

Bundesverband Trauerbegleitung e.V.


Im normalen Umfeld ist der Umgang mit Trauernden oft holprig. Viele tun sich schwer, echte Nähe, Interesse und Unterstützung zu vermitteln. „Gerade, wenn Kinder und Jugendliche im Spiel sind, agieren Menschen noch viel hilfloser. Es herrscht immer noch eine große Sprachlosigkeit.“ Auch Gleichaltrige täten oft so, als sei nichts passiert. „Viele trauernde Jugendliche sagten mir, sie hätten sich gewünscht, dass ihre Mitschüler einfach mal nachgefragt hätten oder nicht weggerannt wären, wenn sie davon erzählt haben.“

Lieber früh mit Kindern über den Tod sprechen

Nicht selten kämen auch blöde Sprüche, wie Lukas erzählt: „Ein paar Wochen nach dem Tod hat ein Freund mich gefragt, wie es mir ginge, und ich meinte, im Gegensatz zu vorher geht es mir gut. Da meinte er: ‚Dann bist du ja schon drüber weg.‘ Ich hab gesagt: ‚Weiß ich jetzt nicht so!‘ Ich wusste nicht wirklich, was ich darauf sagen sollte. Ich habe nur gedacht, der hat wohl noch keine Erfahrung mit dem Tod gemacht. Ich war schon irgendwo sprachlos.“ Laura erinnert sich an eine andere extreme Reaktion in ihrem Umfeld: „Eine Freundin von mir weint jedes Mal, wenn sie betrunken ist, wegen meiner Mutter. Das ist nicht lustig. Die bekomme ich nicht mehr beruhigt.“

Wie man richtig über Tod und Verlust spreche, das werde Kindern meist nicht beigebracht, sagt Tina Geldmacher. „In den Kitas und Schulen ist Tod oft kein Thema. Wenn dann auch zu Hause nie darüber gesprochen wird, fehlen auch die Worte, wenn es einen konkreten Trauerfall gibt.“ Gerade Kinder seien aber offen für das Thema und hätten keine Berührungsängste. „Ich finde, man sollte grundsätzlich früher mit Kindern über Tod und Sterben sprechen.“

Buchtipp: Tina Geldmacher/Angela Graumann: „Das ist doch einfach nur Scheiße... um es mal auf den Punkt zu bringen! – Wie Jugendliche ihre Trauer erleben“, Ovis Verlag, 192 Seiten, 20 Euro

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