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FrühlingsstartWarum nackte Unterarme gerade jetzt der Gesundheit dienen

6 min
Die Sonne scheint zwischen Wolken hindurch.

Am Mittwoch kommt laut Meteorologen der Frühling ins Rheinland. Die Sonne hat auch einige gesundheitlich positive Aspekte im Gepäck.

Die Frühlingssonne kehrt zurück. Zwei Kölner Ärztinnen erklären, warum zehn Minuten im Freien mehr bewirken können als manche Pille.

Sie ist natürlich eine Diva. Sie lässt uns warten, ignoriert unser erschöpftes Schimpfen. Und wenn sie dann da ist, strahlt sie zu schön, als dass wir uns über so was Banales wie Unpünktlichkeit aufregen würden. Wir strecken lieber unsere schlaftrunkenen Winterschlafgesichter Richtung Himmel und lachen sie an: Die Sonne kehrt in diesen Tagen ins Rheinland zurück. Und mit ihr ein Vorgeschmack auf den Frühling, der freilich erst im März startet. Was da laut Wetterbericht auf uns zukommt – nahezu 20 Grad und Sonnenschein zumindest einige Stunden am Tag – entfaltet im menschlichen Körper eine regelrechte Kettenreaktion – biochemisch messbar, medizinisch bedeutsam und emotional gar in Gedichten besungen. Die Frühlingssonne ist kein dekoratives Naturschauspiel. Sie ist ein biologisches Ereignis.

Margaretha Skorupka weiß das besser als die meisten. Die Kölner Dermatologin beobachtet jeden Frühling, wie viele ihrer Patientinnen und Patienten aufblühen. „Die Sonne hat ja in den vergangenen Jahren wegen des Hautkrebsrisikos einen schlechten Ruf bekommen“, sagt sie, „aber es gibt eben auch die andere Seite.“ Und diese andere Seite hat tatsächlich gesundheitsfördernde Faktoren im Gepäck.

Wie die Sonne bei der Vitaminproduktion hilft

Im Zentrum des solaren Frühlingswunders steht ein Molekül, das erst durch das Licht wirklich lebendig wird: Vitamin D. Genauer gesagt, das Vitamin D3, das der Körper selbst herstellt – allerdings nur mit Hilfe der UVB-Strahlung der Sonne. Diese trifft auf die Haut und verwandelt dort eine Vorstufe des Vitamins in seine aktive Form, die anschließend Organe, Knochen, Immunsystem und sogar die Haarwurzeln versorgt. „Über die Haut nehmen wir Vitamin D auf“, erklärt Skorupka. „Theoretisch gelingt das auch über die Nahrung – fette Fischsorten wie Hering oder Lachs etwa. Aber auf deutschen Tellern landet das zu selten.“

Margaretha Skorupka

Margaretha Skorupka ist Dermatologin in Köln und erklärt, wie die Frühlingssonne der Gesundheit dienlich sein kann.

Die gute Nachricht: Der Körper braucht gar nicht viel, um seinen Bedarf selbst zu decken. Untersuchungen zeigen, dass zehn bis 15 Minuten täglich mit nackten Unterarmen und unbedecktem Gesicht in der Sonne ausreichen – und zwar von März bis Oktober. In diesen Monaten ist der UV-Index hoch genug, um die Produktion anzukurbeln. Im Winter hingegen reicht das Licht in Deutschland schlicht nicht aus. Der Körper schaltet in eine Art Vitamin-D-Sparmodus.

Die Folgen eines Mangels sind vielfältig und werden in der Forschung intensiv diskutiert. Klar belegt ist der Einfluss auf die Knochendichte – Vitamin D reguliert die Kalziumaufnahme und schützt vor Osteoporose. Doch manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten weitaus mehr: Einige Studien deuten darauf hin, dass ein ausreichend hoher Vitamin-D-Spiegel auch das Brustkrebsrisiko senken könnte. Die Datenlage ist noch nicht abschließend bewertbar, aber die Hypothese beschäftigt onkologische Forscher. Was unstrittig ist: „Die Knochen profitieren eindeutig", sagt Skorupka.

Serotonin, Endorphine und das Ende des Winterblues

Die Sonne wirkt aber nicht nur auf das Skelett. Sie greift tief in das neurochemische Gleichgewicht ein. Sonnenlicht stimuliert die Ausschüttung von Serotonin – jenem Botenstoff, der die Stimmung stabilisiert, uns Antrieb verleiht und unser subjektives Wohlbefinden steigert. Gleichzeitig setzt der Körper Endorphine frei, die körpereigenen Glücksmacher, die sonst vor allem beim Sport oder beim Lachen ins Blut strömen. Die Frühlingssonne ist also gewissermaßen ein natürliches Antidepressivum – kostenlos und zumindest in den Sommermonaten flächendeckend verfügbar.

Dr. Karella Easwaran

Dr. Karella Easwaran erklärt, wie wir die Sonne am besten für uns nutzen: „Stellen Sie sich für drei bis fünf Minuten auf den Balkon oder ans offene Fenster, um das Tageslicht direkt in Ihre Augen wirken zu lassen – selbst bei Bewölkung ist die Lichtintensität draußen um ein Vielfaches höher als in jedem Innenraum.“

Dr. Karella Easwaran, Kölner Kinder- und Jugendärztin und Bestseller-Autorin des Buches „Glück entsteht im Kopf“, beschreibt den Mechanismus im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ so: „Sonnenlicht ist ein kraftvoller Taktgeber für unser Gehirn: Sobald es morgens auf die Netzhaut trifft, drosselt es das Schlafhormon Melatonin und kurbelt die Ausschüttung des Glückshormons Serotonin an.“ Ihr Rat ist dabei erfreulich niedrigschwellig: „Nutzen Sie den Frühlingsstart und stellen Sie sich für drei bis fünf Minuten auf den Balkon oder ans offene Fenster, um das Tageslicht direkt in Ihre Augen wirken zu lassen – selbst bei Bewölkung ist die Lichtintensität draußen um ein Vielfaches höher als in jedem Innenraum.“

Dass sich dieser Effekt zunächst paradoxerweise in Erschöpfung äußert, kennen viele aus eigener Erfahrung. Die berühmte Frühjahrsmüdigkeit ist kein Einbildungsphänomen, sondern Folge eines anstrengenden Umstellungsprozesses: Im Winter produziere der Körper vermehrt Melatonin, das Hormon der Dunkelheit und des Schlafs. Mit den ersten hellen Frühlingstagen breche diese Produktion ein, das System rekalibriere sich. „Aber letztendlich sind wir wacher, fühlen uns belastbarer, energievoller“, sagt Skorupka. Der Körper findet seinen Rhythmus wieder – und wer ihn dabei unterstützt, kann diesen Übergang aktiv beschleunigen.

Easwaran empfiehlt, genau das zu tun: „Dieser natürliche Wachmacher-Effekt synchronisiert Ihre innere Uhr, reduziert spürbar den Winterblues und steigert sofort Ihre Stimmung sowie die Konzentrationsfähigkeit für den restlichen Tag.“ Wer morgens als Erstes ins Freie tritt, gibt dem Gehirn einen Vorsprung.

UV-Strahlung entspannt die Blutgefäße

Doch die Sonne beschränkt sich in ihrer Großzügigkeit nicht auf Knochen und Gehirn. Sie dehnt die Blutgefäße, verbessert die Durchblutung und senkt den Blutdruck. Das Herz-Kreislauf-System profitiert. Britische Forscher der Universität Edinburgh konnten zeigen, dass UV-Strahlung die Freisetzung von Stickstoffmonoxid in der Haut auslöst – einem Molekül, das die Gefäßwände entspannt und damit den arteriellen Druck messbar reduziert.

Wer unter Gelenkschmerzen leidet, kennt das Phänomen aus dem Alltag: Im Winter verhärtet sich alles, jede Bewegung kostet Überwindung. Mit dem Frühling kommt eine spürbare Erleichterung. „Die Gelenke mögen die Wärme“, bestätigt Skorupka. „Wer da Schmerzen hat, fühlt sich zu Frühlingsbeginn oft erleichtert.“ Auch Menschen mit entzündlichen Hauterkrankungen wie Schuppenflechte oder Neurodermitis profitieren: Sonnenlicht entfaltet eine nachgewiesene entzündungshemmende Wirkung, die Symptome mildert und Schübe zurückdrängen kann – weshalb die UV-Therapie längst fester Bestandteil dermatologischer Behandlungskonzepte ist.

Selbst die Haarwurzeln reagieren auf das Frühlingserwachen. Sie werden besser durchblutet, gestärkt, revitalisiert.

Die Lichtschwiele: Wie der Körper sich selbst schützt

Ein Detail verdient besondere Aufmerksamkeit: „die Lichtschwiele“, wie Skorupka sie nennt. Wer sich langsam und vorsichtig an stärkere Sonneneinstrahlung gewöhne, gebe der Haut die Möglichkeit, sich selbst zu schützen. Sie verdickt die Hornhaut und produziert vermehrt Melanin – den natürlichen Lichtfilter, der gebräunte Haut erst bräunlich färbt und gleichzeitig die darunter liegenden Schichten abschirmt. „Dabei handelt es sich um einen natürlichen Sonnenschutz“, sagt Skorupka. Dieser Prozess braucht Zeit und Geduld – und er funktioniert nur, wenn man ihn nicht durch abrupte, intensive Exposition überspringt.

Der Fehler, den viele begehen: Sie verbringen ausgehungert direkt so viel Zeit wie möglich in der Mittagssonne. Die Haut, die monatelang im Dämmerlicht der Innenräume verbracht hat, ist auf diese Intensität nicht vorbereitet. Sonnenbrand droht schon Ende Februar – und mit ihm das eigentliche Risiko: Zellschäden, die sich über Jahre summieren und im schlimmsten Fall in Hautkrebs münden.

Skorupkas mahnt deshalb zur Verhältnismäßigkeit. „Setzen Sie sich nicht ungeschützt in die Sonne am Rhein!“ Doch wer im Park unter Bäumen spaziere, dürfe das durchaus auch einmal ohne Sonnencreme tun. Zehn bis 15 Minuten Gesicht und Unterarme in die Frühlingssonne halten – das reiche aus. Menschen mit Hauttyp eins, also heller Haut, blauen Augen und roten oder blonden Haaren, sollten dabei besonders achtsam sein. „Im Zweifel vor Sonnenbrand schützen“, sagt die Dermatologin. Wer sich kaum exponieren kann oder möchte, sollte den Vitamin-D-Spiegel messen lassen und im Bedarfsfall supplementieren. Junge Menschen sind meist ausreichend versorgt, aber gerade Frauen nach der Menopause könnten von Tabletten profitieren.

Was ausdrücklich keine Lösung darstellt: die Sonnenbank. Skorupka ist in diesem Punkt unmissverständlich. Die meisten Geräte sendeten überwiegend UVA-Strahlen aus – jene Wellenlänge, die tief in die Haut eindringt, Bindegewebe schädigt, Hautalterung beschleunigt und das Krebsrisiko erhöht.