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Herpes ZosterImmer mehr Menschen landen mit Gürtelrose im Krankenhaus

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Hautbläschen und Juckreiz sind typische Symptome der Gürtelrose. Die Erkrankung kann aber auch chronische Nervenschmerzen verursachen.

Wer an Herpes Zoster erkrankt, leidet im besten Fall an juckendem Ausschlag. Wer Pech hat, entwickelt aber bleibende Nervenschmerzen. Sogar Erblindungen sind möglich.

Wer als Kind die Windpocken hatte, wird den Erreger nie wieder los und kann an Herpes Zoster erkranken. Obwohl es eine wirksame Impfung gibt, sind die wenigsten geschützt.

Auf der Haut tauchen plötzlich kleine Bläschen auf, die mit Flüssigkeit gefüllt sind. Die damit einhergehenden Schmerzen können auch nach Abklingen des Ausschlags so quälend sein, dass lediglich Opioide eine Linderung versprechen. Darüber hinaus kann der Virus auf das Auge und den Sehnerv überspringen und zu Erblindung führen. Neue Studien zeigen, dass auch das Schlaganfallrisiko sowie die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken, im Nachgang einer Infektion erhöht ist. Die Anzahl der stationären Krankenhausaufenthalte bei über 50-Jährigen hat sich laut dem aktuellen Arzneimittelreport der Barmer Ersatzkasse von 2005 bis 2015 auf etwa 20.000 Fälle pro Jahr verdoppelt.

Herpes Zoster, im Volksmund Gürtelrose genannt, ist eine schwere Viruserkrankung. Zwar gibt es eine wirkungsvolle Impfung dagegen, laut aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) und der Krankenkassen Barmer und AOK Rheinland/Hamburg sind aber dennoch die meisten Bürgerinnen und Bürger dem Risiko einer Infektion schutzlos ausgeliefert. In Köln sind demnach nur 23 Prozent der über 60-Jährigen gegen das Virus geimpft und damit nicht einmal jeder Vierte all derer, für die seit 2018 die Impfempfehlung des RKI gilt.

Etwas höher liegt die Impfquote den Daten zufolge lediglich im Rheinisch-Bergischen Kreis, wo mit 29 Prozent immerhin fast jeder dritte Senior geschützt ist. NRW-weit liegt man mit 25 Prozent etwa im Bundesschnitt (24 Prozent), aber weit hinter Sachsen-Anhalt, wo beispielsweise Magdeburg mit 41 Prozent den bundesweit höchsten Gürtelrosen-Impfstatus vorweist. Schlusslichter sind einige Landkreise in Baden-Württemberg, beispielsweise Reutlingen (6 Prozent) und Schwäbisch-Hall (5 Prozent).

Zahlen zur Gürtelrose-Impfung

Etwa jeder vierte Mensch ab 60 Jahren im Rheinland ist gegen Herpes Zoster geimpft.

Die Zahlen des RKI decken sich in der Tendenz auch mit denen der AOK Rheinland/Hamburg, die auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ Impfquoten für ihre Versicherten ausgewertet hat. Zusätzlich hat die Krankenkasse auch Informationen darüber, welche Risikogruppen ihrer Versicherten sich vor allem für einen Schutz entscheiden. Dabei fällt auf, dass beispielsweise die Rheumatiker sowie diejenigen, die von der chronischen Autoimmunerkrankung Lupus erythermatodes betroffen sind, häufiger eine Impfung annehmen, rund jeder Fünfte ist hier immunisiert, während von den Diabetikern und Asthmatikern nur jeder Sechste bislang das Angebot genutzt hat.

Risiko eines Krankheitsausbruchs im Alter steigt

Ausgelöst wird die Gürtelrose nur bei Patienten, die schon eine Windpockenerkrankung durchgemacht haben oder durch eine Impfung im Kindesalter damit in Kontakt kamen. Der Erreger Varizella-Zoster bleibt nach einer Erkrankung ein Leben lang im Körper und kann wieder aktiv werden, wenn das Immunsystem durch Alter, Stress, bestimmte Medikamente oder Krankheiten geschwächt ist. Es verwundert daher nicht, dass das Risiko einer Erkrankung mit dem Alter zunimmt.

Laut einer Auswertung der Barmer steigt die Anzahl der Neuerkrankten in Nordrhein-Westfalen ab 60 stark an, in der Altersgruppe ab 80 Jahren sind dann fast doppelt so viele Menschen von der Gürtelrose betroffen wie bei den Erwachsenen unter 60 Jahren. Das Risiko einer Ausdehnung auf das Auge ist demnach ab 80 Jahren dreimal so hoch, die Gefahr dauerhafte Nervenschmerzen zu entwickeln, fast viermal so hoch. Frauen ereilt das Virus laut dem Arzneimittelreport der Barmer doppelt so häufig wie Männer, allerdings landet ein höherer Anteil der betroffenen Männer im Laufe der Erkrankung im Krankenhaus.

Sieht man sich die Impfquoten in den Hausarztpraxen an, fallen starke Schwankungen auf, was laut Barmer-Ersatzkasse darauf hindeutet, dass nicht alle Hausärzte ihren impfberechtigten Patienten den Schutz nahelegen. „Impfen ist grundsätzlich eine Aufgabe aller Praxen. Ob einem Patienten oder einer Patientin die indizierte Impfung angeboten wird, darf nicht davon abhängen, zu welchem Hausarzt er oder sie geht“, schreiben die Experten der Barmer dazu.

Hausarzt Vogel: „Die Gürtelrose-Impfung ist nicht sonderlich beliebt“

Dr. Nils Vogel, niedergelassener Hausarzt aus Frechen, empfiehlt all seinen Patientinnen und Patienten ab 60 Jahren die Impfung. Er hat auf Anfrage aber auch eine Erklärung dafür, warum die Quoten nicht an die der Influenza-Impfung heranreichen. „Die Gürtelrose-Impfung ist nicht sonderlich beliebt unter den Patienten, weil viele jemanden kennen, der sie nicht so gut vertragen hat“, sagt Vogel. Zu den Nebenwirkungen gehören die üblichen wie Abgeschlagenheit und Fieber, die aber anders als bei der Influenza-Impfung durchaus einige Tage anhalten können.

Dazu komme, dass Zahlen in der Beratung oft nicht automatisch überzeugen: Die Impfung schützt Vogel zufolge sehr gut vor schweren Verläufen und Komplikationen wie lang anhaltenden Nervenschmerzen oder schweren Sehschädigungen. Diese schweren Verläufe sind allerdings insgesamt selten. Vereinfacht gesagt: Die Impfung senkt das Risiko stark – aber das Risiko ist für viele Menschen ohnehin nicht sehr hoch. Bis es zu einer schweren Komplikation kommt, müssen mehrere Faktoren zusammenkommen: eine frühere Windpocken-Infektion, der Wiederausbruch des Virus und eben ein besonders schwerer Verlauf.

„Eine normale Gürtelrose ist zwar unangenehm, heilt aber häufig wieder ab. Um zum Beispiel einen Fall lang anhaltender Nervenschmerzen zu verhindern, muss man grob rund 200 bis 250 Patienten impfen. Das ist aus gesellschaftlicher Sicht sinnvoll, für den einzelnen aber manchmal nicht überzeugend“, sagt Vogel dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Trotzdem rät Vogel Risikogruppen zur Impfung: „Ich sage immer: Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass ich heute einen Unfall habe. Trotzdem lege ich den Sicherheitsgurt an – weil der Schutz groß ist, wenn es doch passiert.“ Dazu komme: Weil das Risiko mit dem Alter zunimmt und man selbst durchs Älterwerden stärker zur Risikogruppe zählt, steige der Nutzen der Impfung, je mehr Zeit vergeht.

Beate Müller, Professorin für Allgemeinmedizin an der Uniklinik Köln, rät vor allem Krebspatienten und Menschen mit schweren Autoimmunerkrankungen zur Impfung.

Beate Müller, Professorin für Allgemeinmedizin an der Uniklinik Köln, rät vor allem Krebspatienten und Menschen mit schweren Autoimmunerkrankungen zur Impfung.

Auch die Professorin Dr. Beate Müller von der Uniklinik Köln, die seit zwei Jahren auch Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist, macht sich um die Zoster-Impfung keine größeren Sorgen. Selbstverständlich seien Geimpfte vor schlimmen Verläufen besser geschützt. „Ich würde mir eine höhere Quote wünschen, die Dynamik ist aber durchaus positiv.“ Hausärzte stünden zudem immer auch vor der Frage der Priorisierung. „Fast kein Patient erfüllt den gesamten Impfkalender. Und wenn jemand nur zweimal im Jahr kommt, sind lebensrettende Impfungen wie gegen Influenza, RSV, Tetanus oder Pneumokokken eben vorzuziehen“, sagt Müller in einem Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Bestimmte Patientengruppen sollten ihrer Aussage zu Folge einen Impftermin gegen Herpes-Zoster aber auf gar keinen Fall verschwitzen: „Krebspatienten, vor allem Menschen, die eine Stammzelltransplantation erhalten haben, oder Menschen, die schwer an Rheuma oder anderen Autoimmunerkrankungen leiden, tragen ein bis zu vierfach erhöhtes Risiko einer Komplikation. Da ist eine Impfung dringend anzuraten.“