Die Bundesregierung will an Psychotherapeuten sparen. Auch in Köln und der Region entfachen die Pläne einen Sturm der Entrüstung. Aber wen trifft das Minus am Ende wirklich?
Psychotherapie„Eine politische Entscheidung gegen die verletzlichsten Menschen unserer Gesellschaft“

Schon jetzt ein hart umkämpftes Gut: Ein Platz beim Psychotherapeuten.
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Mark Alcocks Sorgen kennen keine Rangfolge. Sie springen, das wird demjenigen deutlich, der ihm zuhört, zwischen Baustellen: die Praxis in Bensberg, zwei kleine Kinder, eine Frau, die ebenfalls Psychotherapeutin ist – und nun die Sparpläne einer Bundesregierung, die seinen Beruf, seine Familie und seine Patienten gleichermaßen treffen. Wenn der 38-jährige Psychotherapeut über die Lage spricht, fällt immer wieder dasselbe Adjektiv: existenziell.
„Wir haben Kredite aufgenommen, um eigene Praxen zu kaufen, wir haben zwei kleine Kinder. Es ist für uns existenziell, wenn zehn bis zwanzig Prozent unserer Einnahmen wegfallen. Ein Teil ist jetzt schon weggefallen, bei dem restlichen Minus weiß ich vielleicht erst ein halbes Jahr, nachdem wir in Vorleistung gegangen sind, wie viel weniger wir dafür bekommen."
Am Ende rechnet Alcock damit, dass bis zu einem Drittel der Einnahmen wegschmelzen könnten. Paartherapie, Coaching, Privatpatienten – natürlich, das seien Auswege. Aber dann kreiseln seine Gedanken zurück. „Nichts gegen Paartherapie, aber in der Konsequenz fehlt dann die Hilfe für Kranke." Wem plötzlich ein Teil der Decke abgeschnitten wird, kann ziehen, wie er will. Am Ende bleibt jemand, der friert.
Kürzung gegen Widerstand der Fachverbände
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Mitte März 2026 wurde das erste Kürzungsstück bekannt: Auf Druck des GKV-Spitzenverbandes beschloss der Erweiterte Bewertungsausschuss am 11. März 2026 die Absenkung psychotherapeutischer Honorare um 4,5 Prozent – zum 1. April, mit kaum zwei Wochen Vorankündigung, gegen die ausdrückliche Ablehnung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und den Widerstand aller relevanten Fachverbände. Normalerweise gebe es bei solchen Schritten einen Vorlauf, eine Diskussion, sagt Alcock. Man habe sogar eine Erhöhung erwartet – „schließlich war das Honorar so niedrig, dass wiederholt das Bundessozialgericht eingreifen musste."
Stattdessen: eine weitere Talfahrt, ohne Diskussion. Und das war erst der Anfang. Im April verabschiedete das Kabinett von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz – ein Sparpaket mit 66 Maßnahmen, überproportional viele davon auf Kosten der Psychotherapie. Kernstück: ein neuer § 87d SGB V, der die bisher extrabudgetäre Vergütung psychotherapeutischer Leistungen – also die Garantie, dass jede erbrachte Sitzung auch bezahlt wird – unter einen Deckungsvorbehalt stellt. Wer darüber nachdenkt, was das de facto bedeutet, landet bei dem Besuch einer Bäckerei und der Frage, was der Bäcker wohl sagen würde, wenn man ihm wegen größeren Bedarfs heute zehn Brötchen abkaufen, aber nur sieben davon bezahlen wollte. Am Ende will die Kasse nämlich nur einen festgesetzten Betrag auszahlen, egal wie viele Patienten der Therapeut tatsächlich behandelt hat.
Der Protest, der sich zunächst wie allgemeines Branchengegrummel las, hat sich seitdem zu einem organisierten Sturm aufgeschwungen. Das Aktionsbündnis Psychotherapie, das ihn organisiert, rechnet vor: Die Kürzung spart 224 Millionen Euro – das sind gerade einmal 0,05 Prozent der GKV-Gesamtausgaben von 352 Milliarden Euro. Gleichzeitig verursachen psychische Erkrankungen in Deutschland jährlich Kosten von rund 147 Milliarden Euro, knapp fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Lilli von Bebenburg, Psychotherapeutin in Köln: „Ich hatte eine kurzfristige Absage und habe den Termin online eingestellt. Er war innerhalb von drei Minuten weg."
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Wir stehen immer noch ganz unten – auch nach allen Steigerungen
Michaela Huber, approbierte Psychotherapeutin und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für bedarfsgerechte Nothilfe, formuliert das in einem Offenen Brief an Ministerin Warken so: „Was seit dem 1. April 2026 geschieht, ist keine Sparmaßnahme. Es ist eine politische Entscheidung gegen die verletzlichsten Menschen unserer Gesellschaft." Die Finanzkommission Gesundheit, die die zugrundeliegenden Empfehlungen erarbeitete, habe aus zehn Wissenschaftlern bestanden – ohne ein einziges Mitglied aus Psychotherapie, Psychiatrie oder Traumaforschung. Keine klinische Praxis. Kein Betroffenenvertreter.

Michaela Huber, Trauma-Expertin, hat einen offenen Brief an Ministerin Warken geschrieben.
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Die öffentliche Begründung für die Kürzungen stützt sich auf eine Zahl, die der GKV-Spitzenverband hartnäckig wiederholt: Psychotherapeuten hätten seit 2013 die höchsten prozentualen Gehaltssteigerungen aller Facharztgruppen verzeichnet – 52 Prozent. Lilli von Bebenburg, approbierte Psychotherapeutin mit Kassensitz in Köln, lässt das nicht gelten: „50 Euro lassen sich prozentual schneller steigern als 200 Euro. Wir stehen immer noch ganz unten – auch nach allen Steigerungen."
Das Aktionsbündnis Psychotherapie hat die Zahl einem Faktencheck unterzogen. Ergebnis: Inflationsbereinigt bleiben von den 52 Prozent gerade einmal 1,6 Prozent pro Jahr – weniger als die allgemeine Lohnentwicklung, weniger als der Mindestlohn, der seit 2015 um 63 Prozent stieg. Die Steigerungen waren zudem keine politische Großzügigkeit, sondern gerichtlich erstrittene Nachbesserungen wegen verfassungswidriger Untervergütung: Das Bundessozialgericht musste die Organe der Selbstverwaltung seit Jahrzehnten per Urteil zu angemessener Vergütung zwingen, zuletzt 2024. Was das BSG ursprünglich als Mindesthonorar definiert hatte, nutzt der GKV-Spitzenverband nun als Obergrenze – und kürzt darunter.
Hausarztpraxen erzielen etwa das Doppelte
Hinzu kommt der fiktive Jahresumsatz von 190.000 Euro, den der GKV-Spitzenverband als Referenzgröße anführt. Er basiert auf einem Modell aus dem Jahr 1999, das von 36 Therapiesitzungen pro Woche ausgeht – einer Belastungsgrenze, die das Bundessozialgericht als Maximum definiert hatte, nicht als Normalfall. Tatsächlich führen Therapeutinnen und Therapeuten laut Praxis-Panel des Zentralinstituts kassenärztliche Versorgung durchschnittlich 23 bis 25 Sitzungen pro Woche durch. Der Rest der Arbeitszeit entfällt auf Dokumentation, Berichte, Supervision, Fortbildung, Qualitätszirkel – und seit 2017 auf eine gesetzlich vorgeschriebene telefonische Erreichbarkeit von mindestens 200 Minuten wöchentlich, die im alten Modell gar nicht vorkommt. Rechnet man all das ein, dreht sich das Ergebnis: Statt einer Kürzung um 4,5 Prozent wäre eine Erhöhung um 45 bis 59 Prozent fällig gewesen.
Der durchschnittliche Jahresverdienst einer psychotherapeutischen Praxis liegt laut Berufsverband bei knapp 90.000 Euro brutto – vor Steuern, Krankenversicherung und Altersvorsorge. Vergleichswert Arztpraxis: 336.000 Euro. Pro Arbeitsstunde nach Praxiskosten bleiben 52 Euro; Hausarztpraxen erzielen etwa das Doppelte. Das Gremium, das die Kürzung beschlossen hat, stuft seine eigene Berechnungsmethodik im selben Beschluss als überprüfungsbedürftig ein. Trotzdem wurde auf dieser Grundlage entschieden.
Lilli von Bebenburg arbeitet auf Kassensitz in Köln und behandelt damit ausschließlich gesetzlich Versicherte. Dass Plätze für diese Hilfesuchenden knapp sind, erlebt sie jeden Tag: „Ich hatte eine kurzfristige Absage und habe den Termin online eingestellt. Er war innerhalb von drei Minuten weg." Statistisch warten Menschen in Deutschland derzeit durchschnittlich 142 Tage auf einen Therapieplatz – fast fünf Monate. Von Bebenburg kennt eine Patientin, die zwei Jahre wartete, und deren Freundin, die seit vier Jahren sucht.
Besonders betroffen: wer nicht die Kraft hat, bei fünfzig Praxen anzurufen. „Wenn jemand gerade sehr depressiv ist, kann er nicht monatelang nachhaken. Das geht nicht." Fast egal, welche Statistiken man bemüht, eine steigende Nachfrage belegen sie alle: 2024 erhielten 40,9 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland eine ambulante Diagnose einer psychischen Störung. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen ist seit 2019 um 50 Prozent gestiegen. Psychische Erkrankungen waren die häufigste Ursache für stationäre Klinikaufenthalte bei Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren – 36,5 Prozent mehr als 2004. 10.372 Menschen haben sich 2024 in Deutschland das Leben genommen – 7,1 Prozent mehr als im Zehnjahresschnitt. Damit sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle.
Wir treffen uns hier nicht, um Kaffee zu trinken. Die Leute halten ewig durch, bis sie den Mut fassen, sich überhaupt an uns zu wenden
Gegen diesen Befund steht das Argument der Kassen, niedergelassene Therapeuten behandelten zu viele leichte Fälle. Alcock weist das zurück: „Wir treffen uns hier nicht, um Kaffee zu trinken. Die Leute halten ewig durch, bis sie den Mut fassen, sich überhaupt an uns zu wenden." Oft mit der Folge, dass sich Erkrankungen schon chronifiziert hätten. Im krassen Gegensatz zur Zurückhaltung der Patienten stehe ihm zu Folge das Bild, das von Teilen der Gesellschaft gemalt würde. Es habe da schon Aussagen gegeben, dass man nicht mit jeder Befindlichkeitsstörung zum Therapeuten müsse, weil es manchmal auch ein Bier oder frische Luft tue. „Selbst wenn das jemand wie Bundeskanzler Friedrich Merz so nicht sagt, dann ist allein in den Kürzungsvorschlägen der Subtext verankert: Die Leute stellen sich an und wollen nur nicht arbeiten.“
Von Bebenburg ergänzt: „Wir sind keine Coaches. Hier kommt niemand rein und sagt, ich habe das auf Social Media gesehen. Die Leute hätten ihre Erkrankung lieber nicht." Viele ihrer Patienten sagen im Erstgespräch, sie hätten Angst, jemandem den Platz wegzunehmen. „Einen Therapieplatz zu haben ist eine Rarität geworden. Die Leute spüren das."
Was als Sparpolitik daherkommt, entpuppt sich als Kostenverlagerung: von den Kassen auf Betroffene, Arbeitgeber und Sozialsysteme
Was die öffentliche Debatte oft ausklammert, sind die Folgekosten der Unterversorgung. Jeder in ambulante Psychotherapie investierte Euro spart laut Studien zwei bis fünf Euro: weniger Krankschreibungen, weniger Klinikaufenthalte, weniger Frühverrentungen. Das Bundesministerium für Gesundheit räumt selbst ein, dass Langzeiterkrankungen rund 40 Prozent der krankheitsbedingten Ausfalltage verursachen – verschlechtert aber gleichzeitig die Rahmenbedingungen für genau jene Versorgung, die diese Erkrankungen behandelt. Was als Sparpolitik daherkommt, entpuppt sich als Kostenverlagerung: von den Kassen auf Betroffene, Arbeitgeber und Sozialsysteme.
Die wirtschaftliche Logik des Berufsstands kippt schon, ehe auch nur eine Sitzung abgehalten wurde. Wer Psychotherapeut werden will, braucht fünf Jahre Studium, dazu drei bis fünf Jahre Ausbildung mit Eigenkosten von bis zu 80.000 Euro – und danach den Kauf einer Praxis mit Kassensitz, der in Köln bis zu 100.000 Euro kosten kann. Wer diese Rechnung nüchtern aufmacht, entscheidet sich zunehmend gegen die Kassenversorgung. Schon vor der Kürzung verdiente von Bebenburg pro Sitzung weniger als Kolleginnen, die ausschließlich Privatpatienten behandeln. Jetzt wächst der Abstand. „Rein kostentechnisch wäre es sinnvoll, freitags nur noch Privatpatienten zu nehmen. Mache ich nicht. Aber der Anreiz ist real." Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten warnt gleichzeitig: Schon ein Rückgang um drei Therapieplätze pro Praxis und Jahr würde bundesweit rund 94.000 Plätze kosten.
Fragt man von Bebenburg, was auf dem Spiel steht, dann kehrt sie Zahlen den Rücken und landet bei Einzelschicksalen und ganz banal bei der Möglichkeit einer lebenswerten Zukunft: Eine Patientin mit sozialer Phobie, die kaum ein Gespräch führen konnte, hält heute Vorträge. Eine andere, deren Alltag jahrelang von einer Essstörung beherrscht wurde, isst im Urlaub entspannt ein Eis. Menschen mit schwerer Depression finden Arbeit, treffen wieder Freunde. „Das klingt manchmal banal. Aber das Leben ist dann ja zurückgekehrt. Das ist keine Kleinigkeit."
Das Aktionsbündnis Psychotherapie demonstriert zum nächsten Mal am 17.Mai um 15 Uhr am Kölner Heumarkt. Weitere Termine: 8. Juni in Berlin, 10. Juni in Hannover, 13. Juni kleine lokale Demos
