Frugalist Florian WagnerMit 40 Jahren ausgesorgt – wie geht das denn?

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Florian Wagner kann wahrscheinlich schon mit 40 in Rente gehen – und will in diesem Alter Millionär sein und alles mit einem Durchschnittseinkommen.

  1. Finanziell unabhängig sein mit 40 – und das mit einem normalen Job und ohne sich einzuschränken. Diesen Plan verfolgen viele Frugalisten.
  2. So auch Florian Wagner: Er ist 33 Jahre alt und hat nach fünf Jahren bereits 250.000 Euro gespart. Vor zwei Jahren hat er seinen Job gekündigt und fühlt sich jetzt schon als Rentner.
  3. Wie ihm das gelungen ist, was er in Rente vorhat und warum seine Freunde von seinem Lebensstil profitieren, lesen Sie hier.

Köln – Florian Wagner geht davon aus, mit 38 Jahren Millionär zu sein. Mit 40 will er in Rente gehen. Das alles mit einem normalen Job und Durchschnittseinkommen – wie soll das gehen? Der 33-Jährige setzt auf Frugalismus, eine relativ junge Bewegung aus den USA. Stark vereinfacht funktioniert das Prinzip so: Ausgaben zurückschrauben, einen möglichst hohen Teil des Einkommens sparen, Vermögen aufbauen und früh in Rente gehen. Der Plan sieht vor, dass man allein von den Kapitalerträgen leben kann und Zeit für anderes hat als eine starre 40-Stunden-Woche.

Florian Wagner ist seit fünf Jahren Frugalist. Zu der Zeit arbeitete er in seinem ersten Job nach dem Studium und war gerade nach Stuttgart gezogen. Als Projektleiter in der Automobilbranche verdiente er direkt gut, mehr als 3.000 Euro netto. Am Anfang genoss er es, mehr Geld zur Verfügung zu haben. „Ich habe mein Geld oft ausgegeben, ohne groß darüber nachzudenken“, erzählt Wagner. Besonders viel ging für Essen, Trinken und Freizeit drauf: „Hier ein Kaffee to go, da ein Feierabendbier, am Wochenende feiern gehen oder teure Kurztrips.“ Trotzdem gab er nur knapp die Hälfte seines Einkommens aus.

Frugalismus soll mit einem Durchschnittseinkommen möglich sein

Bei seinen Recherchen zu Anlagemöglichkeiten las er das erste Mal etwas über  Frugalismus und stieß auf den kanadischen Blogger „Mr. Money Mustache“, den Guru vieler Frugalisten.  Auch Wagner war schnell angefixt von der Bewegung und ihren Grundprinzipien.

Zum einen waren das Menschen, die mit Anfang 40 finanziell unabhängig waren. Sie hatten genug Vermögen aufgebaut, um nicht mehr auf ein Arbeitseinkommen angewiesen zu sein. Das sollte ohne wirkliche Einschränkungen und mit einem durchschnittlichen Einkommen möglich sein, war immer wieder zu lesen.

Lebensqualität steigern als oberstes Ziel

Zudem war die frühe Rente nicht ihr oberstes Ziel: „Frugalisten wollen das Beste aus ihrem Leben und ihren Finanzen herausholen“, beschreibt es Wagner. Sie versuchten, ihr Geld so einzusetzen, dass es ihnen möglichst viel Lebensqualität einbringe –  auf lange Sicht. Eine Hantel im Garten oder eine Yogamatte seien zwar günstiger als eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Trotzdem habe man vielleicht mehr und länger etwas davon.

Mit dieser Einstellung erreichen Frugalisten wohl ihre hohen Sparquoten: Sie stellen einmal ihr ganzes Leben auf den Prüfstand und hinterfragen, ob es sie glücklich macht, wie sie arbeiten, ihre Freizeit gestalten, wohnen oder Urlaub machen. Im besten Fall lässt sich etwas ändern und dabei sparen. Viele Frugalisten leben beispielsweise in Wohngemeinschaften, weil sie Gesellschaft mögen und sparen nebenbei Miete. Oder sie sind zuvor weit gereist, gehen aber eigentlich gern wandern in der Eifel.

Wagner wehrt sich gegen das Geizhals-Image

In der Vergangenheit wurden Frugalisten deshalb oft als knausrig dargestellt. Wagner wehrt sich gegen das negative Image: Kein Frugalist, den er kenne, würde sich etwas verbieten. Was auf jeden Fall stimmt, ist: Frugalisten haben ihre Finanzen genau im Blick, hinterfragen ihre Ausgaben und setzen ihre Prioritäten dabei langfristig. Im Frugalismus finden sich auch viele andere Bewegungen und Trends wieder, die wenig mit Finanzen zu tun haben: Nachhaltigkeit, Minimalismus, Achtsamkeit, Do it yourself, Upcycling, Sharing und Aussteigertum. Statt Dinge neu zu kaufen, werden sie selbst gebaut, repariert, geliehen oder gebraucht gekauft.

Auch Florian Wagner stellte seine Gewohnheiten um. Statt mit dem Auto fuhr er nun mit dem Rad zur Arbeit. So tat er nebenbei etwas für seine Kondition, denn zu der Zeit trainierte er für seinen ersten Marathon. Er verkaufte ungenutzte Gegenstände und legt sich heute nicht mehr so schnell Neues zu, bei Kleidung achtet er auf Langlebigkeit. „Größere Anschaffungen überdenke ich längere Zeit und manchmal hat es sich dann schon erledigt“, erzählt der Frugalist. Langstreckenflüge braucht er nicht mehr: In den Urlaub fährt er mit Freunden in die Berge zum Wandern, die letzten Mails erreichten uns von einer Fahrradtour durch die Schweiz.

Partys und Feierabendbier fallen für den Frugalisten aus

Besonders viel hat sich bei seinen liebsten Ausgabefallen getan: Essen, Trinken und Freizeit. Alkohol lässt sich schwer mit einer frugalistischen Einstellung vereinbaren. Partys und Feierabendbier fallen weg, dafür geht Wagner im Park joggen, macht Radtouren und spielt Beachvolleyball mit Freunden. Frugalistische Hobbys sind leicht umzusetzen: die Gegend erkunden, Zeit mit Freunden verbringen,  Sport,  Musik, etwas Neues lernen. „Auf Youtube gibt es Anleitungen für alles“, so Wagner. „Wenn man etwas Neues gelernt hat, steht am Ende ein Erfolgserlebnis.“ 

Zum Beispiel beim Kochen. Eine seiner größten Fallen war früher der Feierabend. Lust zu kochen hatte er nach einem langen Tag nicht mehr. „Sogar als ich für den Marathon trainiert habe, gab es noch Pizza und Döner“, erzählt Wagner. Heute kocht er häufiger selbst und versucht, sich gesünder zu ernähren. Wenn er jetzt einkauft, dann für die ganze Woche, in den Wagen wandert viel Gemüse und wenig Bio-Fleisch. Er spart viel, indem er sich Essen auf die Arbeit mitnimmt. „Ich esse trotzdem mit den Kollegen“, sagt Wagner. Der Kontakt zu Freunden und Kollegen ist ihm wichtig. Wagners Umfeld sieht  den Frugalismus auch nicht kritisch. „Es ist eher so, dass Kollegen mich nach Anlagetipps fragen“ erzählt Wagner.  Auch das Bild des Geizkragens scheint nicht zu passen. „Dadurch, dass ich schon so viel gespart habe, kann ich meine Freunde auch mal schick zum Essen einladen.“ Im Frugalismus sei nichts verboten.

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Ausgaben auf 1.300 Euro im Monat gesenkt

Durch seinen neuen Lebenswandel waren Wagners Ausgaben auf 1.300 Euro im Monat gesunken. Von seinem Gehalt konnte er ohne Probleme 60 Prozent sparen. Er investierte sein Erspartes komplett in globale ETFs: Indexfonds, die viele Finanzexperten seit Jahren für den langfristigen Vermögensaufbau empfehlen. Das verringere Kosten und Risiko.

Sein Vermögen knackte im Laufe der Recherche die 250.000-Euro-Marke. Sein Ziel, mit 40 in Rente zu gehen, werde er wohl früher erreichen. Auch mit Familie sei die frühe Rente machbar, erklärt Wagner. Nur der Zeitpunkt würde sich wohl nach hinten verschieben, denn der hänge von der Sparquote ab. Wer jeden Monat die Hälfte seins Nettogehalts sparen könne, benötige etwa 17 Jahre bis zur Rente, rechnet Wagner vor.

Auch Gering- und Normalverdiener können sparen

Für Gering- bis Normalverdienende, deren laufende Kosten schon weit höher sind, ist eine frühe Rente also unrealistisch. Für sie hat der Frugalist zumindest Tipps zum Vermögensaufbau: In ETFs zum Beispiel kann man über einen Sparplan auch mit geringen monatlichen Einzahlungen investieren, meist ab 25 oder 50 Euro im Monat. Gerade für Menschen mit niedrigen Einkommen könne es nützlich sein, unnötige Ausgaben auszumachen, rät Wagner.

Vor zwei Jahren kündigte er seine Stelle und machte sich selbstständig. Als SEO-Berater hilft er Unternehmen, damit sie bei Google unter den vorderen Treffern landen. In dem Job arbeitet er aktuell 30 Stunden die Woche, trotzdem sei sein Einkommen gestiegen. Als Selbstständiger investiert er nicht weiter in ETFs, sondern in seine Ausrüstung und eigene Projekte. Seit 2017 betreibt er außerdem den Blog „geldschnurrbart“, hier legt er seine Finanzen Monat für Monat offen. Im vergangenen Jahr erschien zudem sein Buch über die „Rente mit 40“. Heute steckt er etwa gleich viel Zeit in Blog und Projekte wie in seine Beratertätigkeit, sodass am Ende eine ordentliche 60-Stunden-Woche herauskommt. Das mache ihm nichts aus. „Ein Job, mit dem man zufrieden ist, fühlt sich nicht nach Arbeit an“, sagt er.

Finanzielle Unabhänigkeit soll mehr Zeit für Familie oder Freunde bringen

Wenn er „in Rente“ ist, hat Florian Wagner nach jetzigen Berechnungen 5.000 Euro monatlich zum Leben, „passiv, nur durch Kapitalerträge und Unternehmensbeteiligungen.“ Trotzdem will er weiterarbeiten – so lange es ihm Spaß macht, auch 60 Stunden. „Ich werde nie einfach nur rumliegen, ich werde immer irgendetwas machen, das mir Freude bereitet.“ Denn  Frugalisten geht es nicht primär um die frühe Rente, sondern um ein erfülltes Leben. Dafür hinterfragen sie auch die eigenen Ziele. „Muss es das Eigenheim sein, ein dickes Auto, und die Fernreise?“, fragt Wagner.  Dann sei die 40-Stunden-Woche derzeit kaum vermeidbar.

Alternative Arbeitsmodelle wie die 4-Tage-Woche oder Homeoffice kämen dem Frugalismus zwar entgegen, erklärt Wagner. „Es geht aber vielmehr darum, die geltenden Modelle zu hinterfragen und für sich selbst zu schauen, wie man arbeiten möchte.“ Von der finanziellen Unabhängigkeit versprechen sich Frugalisten mehr Zeit für das, was sie wirklich glücklich macht: Gute soziale Beziehungen zu Familie und Freunden, eine erfüllende Tätigkeit, ob im Beruf oder durch ein Hobby.

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