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Das Leben der ErntehelferEin Stück Heimat im Containerdorf

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In Container-Wohnungen leben die 700 ausländischen Erntehelfer, die jährlich zum Hof Ritter in Bornheim kommen. BILDER: KLAUS

In Container-Wohnungen leben die 700 ausländischen Erntehelfer, die jährlich zum Hof Ritter in Bornheim kommen. BILDER: KLAUS

Bornheim – In seiner Heimat Polen ist Artur Lozinski Schuldirektor, er unterrichtet Physik, hat ein gutes Auskommen, eine Frau, zwei Töchter. In den Sommerferien steht der Pädagoge auf Roisdorfer Erdbeerfeldern und beaufsichtigt für seinen Arbeitgeber, den Landwirt Claus Ritter, die Erntearbeiter. Seit 15 Jahren geht das so: ein paar Wochen schuften in Deutschland, mit dem Geld wieder zurück in die Heimat und wieder als Lehrer arbeiten. Er braucht das Geld aus Deutschland nicht unbedingt zum Leben, sagt Lozinski, „aber ein paar Extras, einen Urlaub mit der Familie“, das könne er sich ohne diese Einsätze als Saisonarbeiter nicht leisten.

Seit 20 Jahren

Sein Vater Tadek Lozinski (65) arbeitet ebenfalls beim Spargel- und Erdbeerhof Ritter, seit 20 Jahren kommt der gelernte Elektrotechniker, um sich in den Sommermonaten als Hausmeister zu verdingen, er ist einer der zehn Dienstältesten. Rund 700 Erntehelfer kommen übers ganze Jahr zu dem Bornheimer Betrieb. Polen stellen laut Sabine Ritter die große Mehrheit, außerdem arbeiten Menschen aus Rumänien, Bulgarien und der Ukraine auf den Spargel- und Erdbeerfeldern rund um Roisdorf.

Viele Studenten seien unter den Hilfskräften, sie besserten sich in den Semesterferien ihre Kasse auf. Sechs bis zwölf Euro beträgt der Stundenlohn, gearbeitet wird im Akkord. „Manche schaffen richtig was weg“, bemerkt Ritter zufrieden. In diesem Jahr hätten sie auch keine besonderen Schwierigkeiten gehabt, Mitarbeiter für die Ernte zu bekommen, im vergangenen Jahr habe das ganz anders ausgesehen.

Götterspeise zum Nachtisch

Während die Chefin erzählt, ist der Bus auf dem Hof vorgefahren. Die erste Schicht kommt zum Mittagessen von den Feldern. Die einen schweigend, die andern plaudernd, gehen sie in die große Kantine. „Die Küche haben wir vor sechs Jahren eingerichtet. Früher hatten die Mitarbeiter ja fast überhaupt keine Freizeit, wenn sie sich ihr Essen auch noch selbst zubereiten mussten“, begründet Ritter die Initiative. Zwei Köche kümmern sich seitdem um die Verpflegung. Es gibt Deftiges, heute kommt Backfisch mit Kartoffeln und Salat auf den Tisch, zum Nachtisch gibt's grüne Götterspeise. „Lecker“, bewertet Tadek Lozinski das Essen, und nein, er vermisse keine polnischen Spezialitäten. Zumal die Köche manchmal auch das polnische Nationalgericht „Bigos“, einen Kohleintopf, oder eine Milchsuppe aus der Heimat auftischen. „Wir haben auch etwa 15 Moslems unter den Arbeitern, für die wir gesonderte Gerichte zubereiten“, erläutert einer der Küchenchefs.

Ryczard Roszkowski (48) hat sich mit seiner Frau Katarzyna nach dem Essen in ihre kleine Unterkunft zurückgezogen. Ein paar Quadratmeter Privatheit im Container. Sie wohnen in der Mitte der provisorischen Siedlung an einem kleinen Gang, über ihnen hört man die Bewohner der zweiten Containerreihe trappeln. Mehr als 100 dieser Wohnungen stellt der Landwirtschaftsbetrieb; die Erntehelfer zahlen dafür einen kleinen Abschlag, ebenso wie für die Verpflegung. Es gibt Gemeinschaftswaschräume und eine zeltüberdachte Spinne, auf der die bunte Wäsche der Arbeiter im Wind weht. Ihre winzige Wohnung haben sich die Roszkowskis so gemütlich wie möglich gemacht: Zwei Einzelbetten, eine Stehlampe, rot-weiß karierte Vorhänge. Besucher bekommen frische Melone angeboten, Gastfreundschaft schreibt das polnische Paar auch in der bescheidenen Behausung groß.

Zwei bis drei Stunden Mittagspause haben die Erntehelfer, um sich von ihrer anstrengenden Arbeit zu erholen. Dann geht es wieder auf die Felder, im Frühjahr zum Spargelstechen und im Sommer zum Erdbeerpflücken. Zwischen 19 und 20 Uhr werden sie wieder mit den Bussen von den Plantagen zum Landwirtschaftsbetrieb Ritter gebracht. „Meistens machen wir nur noch kurz einen Spaziergang, wenn die Geschäfte aufhaben, gehen vor allem unsere Frauen gerne einkaufen“, erzählt Roszkowski grinsend und wird dafür von seiner Frau in die Seite geknufft.

Polnisches Fernsehen können sie in der Kantine empfangen, die abends als Gemeinschaftsraum genutzt wird. Auch die Rumänen, Bulgaren und Ukrainer kämen dort abends hin, man verstehe sich insgesamt ganz gut, Spannungen zwischen den Nationalitäten gebe es nicht. „Das Fußball-EM-Spiel zwischen Deutschland und Polen haben wir uns zum Beispiel alle zusammen angesehen“, erzählt Roszkowski. Man lebe ja nun auf engem Raum und müsse schließlich auch auf den Feldern zusammen arbeiten. Auf Deutsch und Russisch verständigt man sich mit den anderen, zur Not muss es auch mit Zeichensprache gehen. Viel geredet wird nach der Arbeit sowieso nicht. Die Tage auf dem Feld sind lang und anstrengend, man geht früh ins Bett. Und um 5 Uhr am nächsten Tag klingelt der Wecker.

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