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Ein Dorf mit Burg und Weiher

Das "Spatzennest" beim Ausflug an den Grouvener Weiher: Um die Kinder kümmern sich die Mütter des Orts.

Das "Spatzennest" beim Ausflug an den Grouvener Weiher: Um die Kinder kümmern sich die Mütter des Orts.

Mit der „Grouv“ und dem „Märchen“ verfügt der Ort an der alten Römerstraße über einen der schönsten Flecken in Elsdorf.

Elsdorf-Grouven - Was wäre Grouven ohne die Grouv? Am Weiher, der dem Dorf vermutlich den Namen gegeben hat, treffen sich Wanderer, Angler und in ganz besonders kalten Wintern auch Schlittschuhläufer. Die Grouv, die vor 200 Jahren eine Lehmgrube war, ist der Ruhe- und Rückzugspunkt des Orts.

Ruhepunkt? Nun ja, nicht immer. An diesem Dienstagnachmittag tollen Kinder auf einer Wiese am Weiher herum. Und es geht ganz schön wild und laut zu: Die Küken des „Spatzennestes“ sind ausgeflogen. Das „Spatzennest“ ist ein Verein, in dem junge Mütter sich um die Kinder vom Kindergarten- bis zum Grundschulalter kümmern. „Wir machen Spiel- und Bastelnachmittage, Ausflüge, Kinobesuche, Besuche auf dem Bauernhof, einfach alles, was das Kinderherz begehrt“, sagt die Vorsitzende Heike Rodrigo. Seinen Sitz hat das Spatzennest bei Kälte oder Regen im Feuerwehrgerätehaus, das zwischen Römerstraße und Grouv liegt.

Die soziale Bedeutung des Spatzennests geht über die Kinderbetreuung weit hinaus. Über die Kinder knüpft der Verein ein Netz von Verbindungen in ganz Grouven. „Die Eltern lernen sich über uns natürlich auch besser kennen“, sagt Rodrigo.

Die Hausfrau weiß ihren Ort zu schätzen. „Ich will die Grouv und Grouven nicht mehr missen.“ Sie hat die Probe aufs Exempel gemacht. „Ein Jahr lang war ich weg, aber ich habe es nicht ausgehalten und bin froh, wieder hier in meiner Heimat zu wohnen.“ Dabei hat sie der Versuch, ein Leben abseits von Grouven zu führen, gar nicht mal so weit weg geführt. „Ich habe in Elsdorf gewohnt“, sagt Rodrigo. Und das ist nur einen Katzensprung entfernt.

Keine Gefahr für Kinder

Was sie an Grouven schätzt? „Es ist klein und idyllisch, man kennt sich, man kann die Kinder ohne Sorge loslassen.“ Der Weiher, immerhin zwei Hektar groß, stelle keine Gefahr für die Kleinen dar. „Die Kinder wachsen mit dem Gewässer auf und wissen genau, wie weit sie an die Böschung gehen dürfen.“

Dass der Weiher so schön bleibt, wie er ist, obliegt seit 1984 dem Sportfischereiverein. Die Angler kümmern sich nicht nur um die Grouv, sondern auch ums Märchen, einen kleinen Teich neben dem Grouvener Weiher. Das Märchen hat nichts mit Grimms Märchen zu tun, sondern leitet sich von Maar ab. Im Frühjahr und im Herbst treffen sich die Angler am Weiher zur Grundreinigung: Sie fischen statt Fischen Müll aus dem Wasser, pflanzen Schilf und Rohrkolben, räumen tote Äste weg und versenken Weihnachtsbäume im Weiher.

Weihnachtsbäume? „Richtig“, bestätigt der Vorsitzende Dieter Schmitz. „Die Fische nutzen die Bäume als Laichplätze.“ Inzwischen würden sich Karpfen, Karauschen, Schleien, Hechte, Welse, Rotaugen und Rotfedern so gut fortpflanzen, dass keine Jungfische mehr in den Weiher gesetzt werden müssen, um den Bestand zu halten. Nur beim Aal klappt das nicht. „Alle Aale der Welt schwimmen zum Laichen in die Sargassosee im Atlantik, und nur dort schlüpfen die Jungaale“, erläutert Schmitz. Daher müssten Aale in den Weiher gesetzt werden, um sie angeln zu können. Jedenfalls seien die Sportfischer froh und stolz, dass es in ihrer Grouv „Fische von A bis Z, von Aal bis Zander gibt“.

Von Köln nach Bavay im Norden Frankreichs führte vor 2000 Jahren die Römerstraße, die den Ort durchschneidet und noch heute so heißt. Ihre Bedeutung als Hauptverkehrsweg hat die Römerstraße längst verloren, das stört die Anwohner, die an einer eher ruhigen Straße leben, natürlich gar nicht.

An der Römerstraße liegen die anderen Fixpunkte des Ortes: Da ist zum einen die Grouvener Burg. Wer davor steht, mag sie nicht unbedingt für eine Burg halten, allenfalls für einen gut befestigten, trutzigen Gutshof. Doch die Burg hatte tatsächlich auch einmal einen zinnenbewehrten Turm, der jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Die Burg ist in Privatbesitz, aber unbewohnt.

Schützen bauten Haus

Neben der Kapelle St. Brigida, die sich wegen ihrer dunkelroten Farbe von anderen Kirchenbauten abhebt, steht das Schützen- und Bürgerhaus - der ganze Stolz der Schützenbruderschaft St. Sebastianus. Das im Jahr 2000 eingeweihte Gebäude haben die Schützen komplett in Eigenleistung errichtet. „Geholfen haben uns Sponsoren, die Gemeinde und die Grouvener bei einer Sammlung im Ort“, berichtet Ferdi Schiffer. Schiffer ist der Brudermeister von 125 Schützen. Eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass Grouven 647 Einwohner hat. „Das hat historische Gründe“, sagt Schiffer. „Früher war aus jeder Familie wenigstens einer in der Bruderschaft.“ Doch der Nachwuchs fehle. Zwar gebe es 20 Jungschützen, denen jedoch genauso viele Schützenbrüder mit einem Alter über 80 Jahre entgegenstünden. „Das ist unser Problem.“

Ebenfalls einen hohen Altersschnitt, wenn auch aus anderen Gründen, hat ausgerechnet der jüngste Verein des Orts, die „Motorradfreunde Grouven“. „Die jungen Leute können sich solche Maschinen eben nicht leisten“, erläutert Günter Brabender. Das Jüngste der sieben aktiven Mitglieder des im 2003 gegründeten Klubs ist 42 Jahre, das Älteste 65. Die Honda-Fahrer setzen bei ihren Touren auf Gemütlichkeit. „Noch keiner unserer Fahrer hatte einen Unfall“, sagt Vorsitzender Norbert Sporr. Um Nachwuchs brauchen sich die Motorradfreunde aber nicht zu sorgen: Die neun Jahre alten Anna Steinhoff und Paula Brabender, zwei von 20 inaktiven Mitgliedern, haben bereits eine komplette Lederkluft und sind von den Maschinen begeistert.

Der Stammtisch der Motorradfreunde steht im „Grouvener Treff“. In der letzten Gaststätte des Orts steht Wirt Klaus Skomrock hinter der Theke und wirbt mit Oldie-Abenden oder Schnitzeltagen um Gäste. „Das ist der Treffpunkt des Dorfs“, sagt Ortsvorsteher Dieter Buschmann. „Wenn es die Gaststätte nicht gäbe, hätte Grouven keine Anlaufstelle mehr, wo sich die Leute zum Quatschen treffen könnten.“

Theaterverein lockte

Was an Grouven auffällt: Trotz der geringen Einwohnerzahl findet sich ein reges Vereinsleben. Außer den genannten Klubs gibt es noch die Interessengemeinschaft Rosenmontagszug, den Fußballverein FC Grouven, dessen Spieler sich jedoch nur zum Freizeitkick treffen, und auch die Feuerwehr, die immerhin in Löschzugstärke vertreten ist.

Um sich zu unterhalten, wussten sich bereits die alten Grouvener zu helfen. „Früher gab es hier einen Theaterverein“, erinnert sich Michael Pick. Der 76-Jährige hat selbst mal eine Rolle gespielt. „Wir haben Lustspiele vorgetragen, und ich war Diener eines hohen Herrn“, sagt der Landwirt. Die Aufführungen in einer Kneipe seien sehr beliebt gewesen. „Die Leute kamen von weither und standen Schlange bis auf die Straße, nur um uns zu sehen. Der Saal war pickepackevoll.“

So viel Zulauf gibt es heute in Grouven nicht mehr, eher Abwanderung. „Die jungen Leute ziehen weg“, sagt Ortsvorsteher Buschmann. „Das Problem ist, dass man hier nicht bauen kann. Das Korsett um den Ort ist eng gespannt.“ Daher macht sich Buschmann für ein Baugebiet im Norden des Orts stark. „Wenn junge Familien hierhin kämen, würde auch so mancher Verein wieder einen Schub bekommen.“