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GraffitiLetzte Ausstellung im Skulpturengarten

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Sürth – SÜRTH - Die Ausstellung zum Ende des „Skulpturengartens Sürth“ fand bereits im November des vergangenen Jahres statt. Aber das Haus, in dessen Garten Helga Neef elf Jahre lang zwischen den Pflanzen das Universum plastischer Kunstgestaltungen aufblühen ließ, ist noch nicht verkauft. Und so nutzt die engagierte Kunstvermittlerin die Chance, noch eine allerletzte Ausstellung in Haus und Garten zu präsentieren. Sie hat dazu alle Künstler eingeladen, mit denen sie in den vergangenen Jahren zusammenarbeitete. Und die haben keineswegs nur bereits fertige Werke beigesteuert, sondern in bewährter Manier ihre Kunst ganz auf die örtlichen Besonderheiten abgestimmt. So wachsen denn mitten aus der Wiese fremd-vertraute Körperabstraktionen aus rostigem Stahl. Durchsichtige Drahtleiber baumeln wie unheimliche Mutationen von einer Zeder. Und zwischen Sträuchern schwingt eine fragile Himmelsleiter aus Glas.

Das Wechselspiel in der Poesie von Natur und Kunst hat den Skulpturengarten in all den Jahren ausgezeichnet. Da für diese Ausstellung auch das große Haus zur Verfügung steht, bildet dieses Mal nicht der Garten, sondern das Erdgeschoss der schönen Villa das Zentrum der Präsentation. Dort gibt Markus Krips, Sohn der Kunstvermittlerin, einen kleinen Überblick über sein inzwischen umfangreiches Werk. Der Künstler (Jahrgang 1965) gehört seit langem zu den festen Größen in der Kölner Kunstlandschaft.

Wunderbare Farb- und Figurenexplosionen auf Zeitungspapier zeigen die malerische Kraft und Originalität, die er bereits als 15-Jähriger besaß. Seit damals ist er seinem bildnerischen Ausdruck treu geblieben, bereichert durch handwerklich-technische Fähigkeiten, die er in den Folgejahren an der Kunstakademie in Düsseldorf und an der Kunsthochschule für Medien in Köln erwarb. Dreh- und Angelpunkt in Krips' Darstellungen sind Graffiti, die einst als rebellische Ausdrucksform jenseits der Kunst die Sprache des Protestes und der Freiheit auf die gewöhnlichen Mauern des Alltags brachten. Inzwischen sind die Graffiti selbst zur Spielart der etablierten Kunst geworden. Und Krips ist einer ihrer meisterhaften Vertreter, der auf Leinwänden, Zeichenpapier, in Fotocollagen, Videos und Installationen bei aller künstlerischen Absicht das Band zur früheren anarchischen Wurzel der Graffiti bewahrt.

Das liegt daran, dass er seine Kunst von Anfang an aus der Lust und Last einer gelebten Erfahrung entwickelte. Nicht zuletzt in den Tagen der legendären Besetzung der leerstehenden Stollwerck-Schokoladenfabrik in der Südstadt, als eine wilde Ungezwungenheit Köln für einige Zeit zum überregionalen künstlerischen Zentrum machte. Krips' gewitzte Graffiti-Figuren balancieren spielerisch zwischen bissiger Kulturkritik und skurrilem Humor. Der erschreckend-unbeholfene Feuerkopf mit dem Fisch im Maul steht neben dem blutroten monströs-verletzlichen Körper, dessen Form gerade noch zusammenhält. Ein grinsender Ich-Sager pflegt sein Gartenidyll ahnungslos im Schatten gigantischer Kraftwerkstürme.

Die Gesichtsparade bunter Großstadt-Indianer grinst ihre Ratlosigkeit in die Welt. Und in zeichnerisch bearbeiteten Fotografien von Rissen im Asphalt lässt er die Fratzen des Unheimlichen sichtbar werden. Diese, im Künstlerduo „Kritzkratz“ gemeinsam mit Lili Voigt entwickelt, zeigen die ganze Explosivkraft einer unaufhörlich pulsierenden Wirklichkeit, die sich mit noch so glatten Oberflächen nicht stilllegen lässt.

Gegenüber der kreativen Unbändigkeit von Markus Krips wirken die ebenfalls im Haus ausgestellten Gemälde von Luise Milewski und die Fotografien von Mike Tesmar zurückhaltend. Nicht um Aufruhr, Kritik und Rebellion geht es in ihren Bildern, sondern um die sanften Berührungen „flüchtiger Wolkenschatten, die über das Land hinziehen, ohne das Geringste zu bewirken und irgendeine Spur zu hinterlassen“, wie es der Philosoph Heidegger formulierte. Helga Neef versteht es mit ihren Ausstellungen stets, die Vielzahl künstlerischer Sichtweisen zusammenzubringen.

Skulpturengarten Sürth, Carl-von-Linde-Straße 4, Fr.-So., 13-19 Uhr, bis 4. Oktober

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