Interview„Der Männerchor stirbt aus“

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Ludwig Weber in seinem Element: beim Dirigieren. BILD: PRIVAT

Ludwig Weber in seinem Element: beim Dirigieren. BILD: PRIVAT

Hürth – KÖLNER STADT-ANZEIGER: Was würden Sie Ihren Nachfolgern mit auf den Weg geben?

LUDWIG WEBER: Vor allem, dass sie bei der Literaturauswahl nicht nur die althergebrachten Stücke, die klassische Männerchorliteratur, berücksichtigen, sondern auch neue Literatur mitheranziehen. Damit man auch die Jugend anspricht.

Ist gerade die Literaturauswahl einer der Gründe, weshalb fast alle Chöre über Nachwuchsmangel klagen?

WEBER: Auch, aber nicht nur. Es ist heute so, dass die Jugend sich nicht mehr binden will. Man muss ja jede Woche zur Probe gehen, man muss sich einordnen in den Chor, in die Gemeinschaft, das wollen heute nicht mehr viele. Es gibt dann Termine, wo Aufführungen sind. Ich probe ja nicht ein ganzes Jahr, wenn ich nicht auftreten will. Es müssen Ziele da sein. Natürlich ist es heute für einen jungen Mann schwer. Er muss erst einmal sehen, dass er beruflich weiterkommt, wenn er heiratet, will er sich ein Häuschen bauen. Bis er so weit ist, dass er abends sagt, jetzt gehe ich zur Probe, das dauert eine gewisse Zeit. Deshalb kommen die Jüngeren vorerst gar nicht.

Nun sind ja nicht nur unsere Chöre überaltert, sondern auch die Chorleiter.

WEBER: Beim Chorleiternachwuchs herrscht auch Mangel. Es ist sehr schwer, Chorleiter zu finden, die einerseits die Qualifikation haben und andererseits das Einfühlungsvermögen, mit Laien zu arbeiten. Und diese langfristige Bindung, wie wir sie früher hatten - ich habe einen Chor 34 Jahre lang geleitet -, die gibt es heute nicht mehr.

Gerade hier im Kreis gibt es sehr positive Beispiele - den Jungen Chor Frechen oder die Young Voices etwa. Und es gibt offenbar auch einzelne jüngere Chorleiter, die es offenbar schaffen, jüngere Leute zu motivieren.

WEBER: Das ist prima, aber die sprechen nur die jungen Leute an. Die alten Sänger bleiben dann leider auf der Strecke. Die können und wollen so nicht singen, das ist ja wieder eine ganz andere Literatur.

Fehlt es den Chören nicht nur an Sängern, sondern auch an Publikum?

WEBER: Auch. Ich kann in all den Jahren zwar nicht klagen, wir hatten immer volle Häuser. Das kommt dann natürlich auch auf die Programmgestaltung an. Um Leute in die Säle zu holen, muss man dem Konzert ein Motto geben und ausgetretene Pfade verlassen.

Ein Chor kann noch so lange proben, er wird nie so gut klingen wie die CD, die man im Auto oder zu Hause einschiebt.

WEBER: Das ist einer der Hauptgründe. Die jungen Leute bekommen alles perfekt serviert und sagen, das schaffen wir sowieso nicht.

Wird in den Schulen das Singen vernachlässigt?

WEBER: Das war immer mein großes Anliegen. Die Musik hat nicht mehr den Stellenwert im Unterricht wie früher. Wir versuchen, schon in den Kindergärten gegenzusteuern. Ich habe 20 Kindergärten im Rhein-Erft-Kreis die Felix-Plakette für ihre gute musikalische Arbeit überreicht.

Ist der Männerchor eine aussterbende Gattung?

WEBER: Ich bin ehrlich: Das ist so. Ich weiß nicht, wie lange es den klassischen Männerchor noch geben wird.

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