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Leben aus dem Geist der Utopie

Die evangelische Theologin Dorothee Sölle ist im Alter von 73 Jahren verstorben.

Die evangelische Theologin Dorothee Sölle ist im Alter von 73 Jahren verstorben.

Die Theologin Dorothee Sölle ist am Sonntag in Göppingen gestorben.

Mitten im Leben“, so sagt es ein alter evangelischer Choralvers, „wir sind vom Tod umfangen.“ Dorothee Sölle war sich bewusst, dass es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand, doch von einem Herzinfarkt Anfang des Jahres hatte sie sich, wie Freunde berichten, eigentlich gut erholt. Den zweiten am frühen Sonntagmorgen überlebte sie nicht; sie starb in einem Krankenhaus im württembergischen Göppingen. Noch am Samstag hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem früheren Benediktinerpater Fulbert Steffensky, an einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll teilgenommen. Dort ist die Theologin und Schriftstellerin beinahe Stammgast gewesen und durfte ihre streitbaren Positionen auch in ihren kämpferischsten Jahren vertreten, als ihre Kirche ihr am liebsten den Mund verboten hätte.

Dass sie bis wenige Stunden vor dem Tod für ihre Standpunkte gefochten hat, hat mit der Rastlosigkeit zu tun, die für Dorothee Sölle charakteristisch war, seit sie in den 60er Jahren erstmals von sich reden machte. Sie ist im besten Sinne des Wortes eine Aktivistin gewesen, aber so selbstverständlich für sie der Protest gegen den Vietnamkrieg und später die Teilnahme an Sitzblockaden vor US-Militäreinrichtungen war, hat sie ihr Heil nie allein in Aktionen gesehen. Bei allem, wofür sie stritt, ließ sie sich von ihrem Glauben umtreiben. Eines ihrer großen Werke, Pflichtlektüre für Generationen von Pfarrern, heißt „Mystik und Widerstand“, und dieser Titel steht wie ein Programm über ihrem Leben.

Ein Dorn im Auge

Die 1929 in Köln geborene Schwester des Historikers Thomas Nipperdey, die als meistgelesene Theologin der Gegenwart gilt, geriet mit konservativen Kreisen ihrer Kirche schon früh über Kreuz. Der katholischen Kirche war die streitbare Protestantin ohnehin ein Dorn im Auge, seit sie 1969 einen früheren Ordensmann heiratete. Im Jahr zuvor hatte sie auf dem Essener Katholikentag mit einer provozierenden Veranstaltung Aufmerksamkeit erregt, die die ängstlichen Organisatoren auf den späten Abend verlegten und die seitdem „Politisches Nachtgebet“ heißt. Angefangen hatte alles mit einer Prozession unter dem Motto „Vietnam ist Golgotha“ in der Kölner Schildergasse. Bis 1972 haben die legendären Gottesdienste in der Antoniterkirche stattgefunden.

„Irgendwann dämmerte uns“, sagte Dorothee Sölle einmal, „dass wir uns nicht nur theoretisch mit theologischen Fragen beschäftigen durften, sondern dass diese Beschäftigung in eine Art Praxis einmünden muss.“ Eine „herzensgute Träumerin vor dem Herrn“ hat der „Spiegel“ die Theologin anlässlich ihres 70. Geburtstags genannt. Sie, die ihre meisten Anhänger stets unter den „kirchlichen Randsiedlern“ hatte, hat stets aus dem Geist der Utopie gelebt. Was sie nach den Erfahrungen mit der Nachrüstung Mitte der 80er Jahre in ihrem Buch „Das Fenster der Verwundbarkeit“ geschrieben hat, liest sich fast wie eine Botschaft aus diesen Tagen: „Nein, der Zweck Frieden heiligt die Mittel der Vernichtung nicht. Die Wahrheit ist, dass die Mittel den Zweck auffressen, wenn sie in einem absoluten Gegensatz zum Zweck stehen.“