Massaker als Junge miterlebtLeichen aus den Waggons geworfen

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Als kleiner Junge muss Manfred Reichart in Begleitung seiner Mutter und bewacht von US-Soldaten an den Leichen der ausgegrabenen KZ-Häftlinge vorbeiziehen. BILD: ARBEITSGEMEINSCHAFT KZ-TRANSPORTE

Bergheim-Quadrath – Er erzählte von Krieg und Tod - und auch von Nammering. Irgendwann wollte seine Tochter Stephanie es einmal genau wissen. „Ich geh mal ins Internet und gucke, was da steht“, sagt sie zum Vater. Sie gibt den Namen „Nammering“ einfach mal bei „Google“ ein.

Ein paar Klicks, und schon ist auf einem Foto ein kleiner Junge zu sehen: Barfuß und in kurzen Hosen steht er vor einem halb verwesten Leichnam zwischen zwei Frauen und beobachtet von einem amerikanischen Soldaten. „Das war wie ein Schock“, sagt Reichart. „Ich kann mich an die Szene genau erinnern, weil ich vor dem Soldaten unheimliche Manschetten hatte.“

Auch den ärmellosen Pullunder des Kindes, seinen eigenen, und das Kleid der daneben stehenden Mutter erkennt er sofort wieder. Denn der Junge auf den Bild ist Manfred Reichart selber, als Siebenjähriger in Nammering, dort, wo in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges ein Transportzug mit KZ-Häftlingen vom Konzentrationslagern Buchenwald nach Dachau Station machte, weil die Strecke blockiert war. SS-Truppen verübten in Nammering (nördlich von Passau) das größte Kriegsverbrechen Niederbayerns.

Fast eine Woche lang stand der Todeszug auf dem örtlichen Bahnhof, mit 4000 Häftlingen, eingepfercht in 54 Viehwaggons. 794 Leichen blieben liegen , als der Zug dann endlich weiterfuhr. Zu Tode gefoltert, verhungert, verdurstet, erschossen oder bei lebendigem Leib verbrannt.

Reichart, der aus Horrem stammt, hatte es als kleiner Junge genau an diesen Unglücksort verschlagen, mit seinen beiden Brüdern und der Mutter. Die Familie versuchte, durch eine wilde Flucht den letzten Kriegswirren zu entgehen, während der Vater noch als Soldat an der Front stand: „Dabei ist meine Mutter von einem Unglück in das andere reingerutscht“, erinnert sich Reichart. 1944 noch lebte die Familie in Duisburg. „Dort sind wir dreimal ausgebombt worden. Also entschied meine Mutter, in das Sommerhaus meiner Patentante nach Schlesien zu ziehen, weil es ihr sicherer erschien.“ Als aber dort die Rote Armee immer näherrückte, schloss sich die Familie einem Flüchtlingstreck an. „Mit dem Zug fuhren wir nach Dresden.“ Ausgerechnet in den Tagen der verheerenden Bombenangriffe vom 13. bis zum 15. Februar 1945, die die Stadt in Schutt und Asche legten, kamen sie dort an. Um Haaresbreite den Bombardements entkommen ging es weiter über Prag bis nach Passau. Dort wurden die Flüchtlinge auf die Dörfer verteilt. „Wir kamen nach Eging in der Nähe von Nammering. Wir sind bei sehr netten Leuten untergekommen. Ich habe geglaubt, jetzt wird alles gut.“

Doch die Idylle trog: „Kurz bevor die Amerikaner auch nach Nammering vorrückten, kam der Zug mit den Häftlingen an“, erinnert sich Reichart. Es ist der 17. April 1945. „Man durfte nur bis auf eine gewisse Entfernung an ihn heran.“ Der Zug sei schwer bewacht gewesen, auch wenn man als Kind durch die eine oder andere Absperrung schon mal durchschlüpfen konnte. „Ständig knallte es. Die Schüsse und Schreie waren bis ins Dorf zu hören.“ Was genau auf dem von SS-Wachen abgeriegelten Bahnhofsgelände geschah, bekommt der kleine Junge nicht wirklich mit.

Der damalige Bahnbedienstete Heinrich Klössinger aber berichtet später als Zeuge in einem Kriegsverbrecherprozess über die Ereignisse: Der Transport war schon 14 Tage unterwegs, hatte aber nur für drei Tage Verpflegung dabei.

Die verhungernden Menschen wurden von SS-Truppen streng bewacht und rücksichtslos behandelt. „Die Häftlinge krochen vor Schwäche zur Wagentür, um Kartoffeln zu bekommen. Von den SS-Posten wurden sie mit Stöcken auf den Kopf geprügelt. Leichen wurden ohne Bekleidung aus den Waggons geworfen.“ Die fast 800 Toten begrub man in einem nahen Steinbruch.

Reichart erinnert sich, dass der Zug irgendwann weiterfuhr, es muss der 23. April gewesen sein, dass die Amerikaner ins Dorf einrückten und schon bald dort wieder ein traditionelles Fest gefeiert wurde. „Vielleicht war es Christi Himmelfahrt.“ Die US-Truppen sollen im Dorf als „Befreier“ erwartet worden sein und hätten sich in den ersten Wochen als Besatzer „absolut korrekt“ verhalten, schildert ein Bewohner die ersten Nachkriegstage.

„Dieses hat sich schlagartig geändert, als sie von den Vorgängen auf dem Bahnhofsgelände und schließlich von dem Massengrab erfuhren.“ Am 15. Mai erteilt der amerikanische Kommandant von Nammering der deutschen Bevölkerung in der Umgebung den Befehl, die von den SS-Truppen verscharrten Leichen wieder auszugraben und menschenwürdig zu beerdigen. „Bei Nichterscheinen erfolgt Todesstrafe.“ Die Amerikaner seien von Haustür zu Haustür gelaufen und hätten das ganze Dorf zusammengetrommelt, erzählt Reichart. Sofort mussten alle alles stehen und liegen lassen und sich in eine Reihe eingliedern. „Weil ich zu Hause keine Schuhe anhatte, lief ich barfuß mit.“ In einer „Riesenprozession“ zieht die Dorfbevölkerung von Eging nach Nammering zu dem Massengrab. Dort sind die halb verwesten Leichen der vor Wochen ermordeten KZ-Häftlinge mittlerweile von deutschen Kriegsgefangenen wieder ausgegraben und aufgereiht worden.

In ihrer Empörung über die grausige Entdeckung zwingen die Amerikaner Männer, Frauen und Kinder an den Leichen vorbeizugehen und Buße zu tun. „Die sagten immer „Beten, beten“ zu uns.“ Die Eindrücke haben sich in sein Gedächtnis gegraben: „Ich weiß es noch wie heute. Es war ein unheimlich heißer Tag. Meine Mutter hatte auf dem Weg Margeriten gepflückt. Ein Amerikaner forderte uns auf, den Blumenstrauß auf die Leichen zu legen. Er ist dann aber heruntergerollt.“ Dann muss die Bevölkerung die Leichen in rasch zusammengenagelten Särgen wieder beerdigen.

Zahlreiche amerikanische Fotografen halten alles mit ihren Kameras fest. So kommt auch das Foto zustande, das Manfred Reichart als kleinen Jungen vor den Leichen zeigt. Als Dokument deutscher Kriegsgräuel ist es im amerikanischen Nationalarchiv in Washington archiviert. Nach der Beerdigung dürfen Reichart und seine Mutter wieder nach Hause. „Wir sind von Nammering nach Eging entlang der Schienen gelaufen, so schnell wie noch nie, wir hatten den Tod im Nacken.“

Irgendwie hat Reichart es geschafft, die traumatischen Eindrücke zu verarbeiten. Schon im Herbst 45 kommt die Familie zurück nach Horrem. Erst mit der Zeit hätten sich die Erinnerungen „langsam etwas eingeebnet“. Reichart wird Fachingenieur im Bergbau und gründet eine Familie. Ob er mit seinen Erinnerungen an die Öffentlichkeit soll? Er ist zuerst unsicher, erzählt dann aber doch. Der vielen unschuldigen Toten wegen. „Ich habe schon zu meiner Tochter gesagt: Das darf niemals in Vergessenheit geraten.“

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