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PerformanceEine Suche bis ans Lebensende

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Bunte Palette menschlicher Beziehungen: Das neue Stück des Tanztheaters Schlebusch strotzt vor Rasanz und Bildsprache. (Bild: Ralf Krieger)

Bunte Palette menschlicher Beziehungen: Das neue Stück des Tanztheaters Schlebusch strotzt vor Rasanz und Bildsprache. (Bild: Ralf Krieger)

Schlebusch – Nicht alle Beziehungen, die der Mensch im Leben eingeht, sind schön: Einige sind unfreiwillig, man ist ihnen ausgesetzt. Andere wiederum entwickeln sich anders als gedacht und entpuppen sich als Irrtum. Viele sind nicht so toll, als dass man vor Freude über sie tanzen möchte. Die jungen Tänzerinnen des Schlebuscher Tanztheaters tun es trotzdem: Das neue Stück „Like A tree“ („Wie ein Baum“), das sie am kommenden Wochenende zweimal im Forum aufführen, dreht sich nämlich ausschließlich um Beziehungen. Sowohl um die schönen als auch die schlimmen.

Ehe auch nur ein Schritt getan wird, sind es die Hemden der 18 Mädchen, die ein Ausrufezeichen setzen und den Weg vorgeben: Choreografin Inge Weber-Hintzen und ihre Tochter und Assistentin Anna-Carolin Weber haben die Truppe des Tanztheaters in knallbunte Textilien gesteckt. Jedes einzelne dieser Stoffstücke steht für einen Menschen, mit dem man zu tun hat – gewollt oder nicht gewollt: Mutter, Vater, Oma, Opa, Tante, Onkel, Bruder, Schwester, Sohn, Tochter, Lehrer, Erzieher, Polizist, Politiker, Freund, Freundin und so weiter und so fort. Zuckend erwachen die am Boden liegenden Tanzleiber nach und nach zum Leben, erheben sich, bilden Kreise und Gruppen – und entwickeln „Lik A Tree“ zu einem Schauspiel voller Rasanz, Eleganz und Ideenreichtum, das – zumindest in der Liga der nicht-professionellen Tanzgruppen – seinesgleichen suchen dürfte und die hohe Qualität des dem Schlebuscher Turnverein 1881 angeschlossenen Tanztheaters fortführt.

Zur zeitgenössischen Musik – Paul Kalkbrenners Techno und der Indie-Pop von Gotye oder Florence & The Machine wechseln sich ab mit der modernen Klassik Steve Reichs – setzen die Tänzerinnen alle Facetten menschlicher Beziehungen in einen unaufhörlichen Strom aus Mimik und Gestik um, der für Zuschauer einen hohen Wiedererkennungswert hat. Mütter und Väter halten imaginäre Säuglinge im Arm und küssen sie, nur um im nächsten Augenblick mit erhobenem Zeigefinger und Motz-Gesicht im Gleichschritt eine Diagonale über die Bühne zu tanzen. Lust und Liebe findet Ausdruck im dezenten Umtänzeln des Gegenübers, dem eindeutige Blicke zugeworfen werden. Und immer wieder sprengt die Gruppe auseinander, um sich alsbald wieder zu finden: Die Suche nach und das Eingehen und Trennen von Beziehungen hört bis zum Ende eines Menschenlebens nicht auf. Die Bühne bleibt für „Like A Tree“ letztlich frei von Kulisse. Mehr noch: Sie dient als Labor, als Raum fürs Experiment, als Areal, in dem sich die Tänzerinnen umziehen, gegenseitig beobachten, leise miteinander reden. Kurzum: Sie ist auch über die reine Choreografie hinaus eine beinahe voyeuristische Arena der Beziehungen, in der Fremde wie Bekannte, Zuschauer wie Truppe aufeinander treffen und 75 Minuten ihres Lebens beisammen bleiben. Das ist durchdacht bis ins Detail. Und doch so herrlich chaotisch und bunt wie im wahren Leben.

„Like A Tree“ wird am Samstag und Sonntag, 2. und 3. Juni, im großen Saal des Leverkusener Forums aufgeführt. Die Samstagsvorstellung beginnt um 18 Uhr. Die Sonntagsvorstellung beginnt um 16 Uhr. Eintrittskarten für die Samstagvorstellung kosten 11,50 Euro (ermäßigt sechs Euro) . Sonntags ist der Eintritt mit acht Euro (ermäßigt fünf Euro) billiger, weil diese Vorführung im Rahmen des Theaterfestivals „Freispiel“ stattfindet. Eintrittskarten sind telefonisch erhältlich unter ☎ 0214 / 406 41 13. www.tanztheater-schlebusch.de

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