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Plädoyer für ein Stück KarnevalLang lebe der Möhneball!

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Nicht nur hässliche Masken, sondern auch fantasievolle Kostüme präsentieren die Damen auf dem Möhneball, um nicht erkannt zu werden. Aber Achtung! Manchmal verbirgt sich auch ein Kerl hinter der Verkleidung. (Bild: Britta Berg)

Nicht nur hässliche Masken, sondern auch fantasievolle Kostüme präsentieren die Damen auf dem Möhneball, um nicht erkannt zu werden. Aber Achtung! Manchmal verbirgt sich auch ein Kerl hinter der Verkleidung. (Bild: Britta Berg)

Rheindorf – Wenn am Karnevalsdienstag alte Rheindorferinnen bei Caro-Kaffee und selbst gebackenem Apfelkuchen zusammensitzen, dann dauert es nicht lange und die Sprache kommt auf den alten Pastor Flatten, auf den Dorfpolizisten „Blecki“, der einstmals die Kinder versohlte, wenn sie achtlos über die Straße liefen und natürlich auf den Möhneball. Und während der Pastor und auch der Dorfpolizist sich das jecke Treiben längst von oben aus betrachten dürfen, hat der Möhneball die vielen Jahrzehnte überdauert. Die Frauen erzählen Döntjes, wie man sich als junge Frau bis zur Unkenntlichkeit verkleidet und auf den Bällen an Karnevalsdienstag beim Pützer-Paul und beim Klütsch den eigenen Gatten aufs Glatteis geführt hat. Und wie viel Spaß sie dabei hatten, ist ihren Gesichtern noch anzusehen.

Komisch nur, dass heute von den jüngeren Generationen dieserSpaß nicht favorisiert wird. Seit Jahren macht derMöhneball seinem Namen nämlich kaum noch Ehre. BeimKlütsch, oder besser im Rheinischen Hof, ist der Saal schon langenicht mehr benutzbar. Und beim Pützer-Paul, oder besser im Saal Norhausen, steppt zwar der Bär, aber eben kaum noch eine Möhne. Und so geht eine Tradition, die ein Stückchen an die geheimnisvolle, mystische alemannische Fastnacht erinnert, Jahr für Jahr immer mehr den nahe gelegenen Rhein runter. „Die Leute ziehen sich heute lieber aus, statt an“, bringt Willi Hentges von den Burgknappen das moderne Lebensgefühl auf den Punkt.

Ingrid Norhausen nennt einen anderen möglichen Grund: Früher, alsnoch mindestens die Hälfte aller Ball-Lustigen in Masken und Gewändernkamen, so erinnert sich die gebürtige Schlesierin, da haben die Möhneneben Körbe bekommen. Damals wie heute haben die „alten Weiber“ nämlichdas Vorrecht, zum Tanz aufzufordern. Aber wer will schon mit 'nerMöhne tanzen, wo's doch so viele Sexy-Mädchen gibt? Und überhaupt:Wer weiß schon, was sich hinter der Maske verbirgt? Denn einstmalswar das Möhne-Dasein nicht den Frauen vorbehalten. Gabriele Schwarzaus Küppersteg und Redaktions-Sekretärin beim „Stadt-Anzeiger“, erinnert sich sehr wohl, dass in den 50er Jahren sich nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihr Vater als Möhne verkleidet und dem seinerzeit kleinen Mädchen damit einen Riesenschreck eingejagt haben. „Na klar“, sagt Hentges, „ich bin auch schon als Möhne gegangen“, und das sei nicht immer bequem gewesen, habe aber einen Riesenspaß gemacht.

Ein Versuch ist's ja wert, denkt sich Frau beim Karneval im vergangenen Jahr, klaubt sich aus dem reichhaltigen 60er-Jahre-Klamotten-Fundus von Schwiegermama einen Schlabberrock und einen -blazer und ein Kopftuch zusammen. Alles irgendwie in Grau-Schwarz. Ein Wiesdorfer Kaufhaus hat noch eine Angst einflößende, grüne Maske „made in China“. Der Kauf war ein Fehler. Denn das Gummiding stinkt erbärmlich und macht zudem noch Kopfschmerzen. Egal, da muss man jetzt durch. Noch rasch im Garten einen Stock organisiert und fertig ist die Möhne. Ein Blick in den Spiegel sorgt für Zufriedenheit. Ja, das passt!

In gebückter Haltung und mit schlurfendem Gang geht's nun zum Ball. Die Burgknappen am Eingang des Saals freuen sich über die Alte und loben sie über den grünen Klee hinweg. „Super“, „toll“, „klasse“, fast ein bisschen zu viel der Zustimmung. Der Saal ist voll, aber als die Hässliche reinkommt, bildet sich sofort eine respektable Gasse. Ein Durchkommen ist überhaupt kein Problem. Ein junger Mann geht die Möhne an: „He Alte, du gehörst nicht hier hin, du gehörst aufs Klo“, schreit er bierselig und seine Sprache verrät, dass er aus Ostdeutschland kommt. Ob der überhaupt weiß, wo er ist, denkt sich die Maskierte, hält aber ausnahmsweise nach Möhneart mal die Schnüss. Keine Frage, es ist ein Gaudi, nun mit Leuten, die man kennt, lustige Kontakte aufzunehmen. Ein Klaps auf den Po einer Freundin beispielsweise. Hups, da hätte sich die Alte fast eine Ohrfeige eingefangen. Frauen lassen sich heute eben auch nicht von einer Möhne begrapschen. Die Männer halten sich am Bierglas fest. Tanzen will keiner. Schade eigentlich!

Ingrid Norhausen hat also Recht. Zuweilen wird versucht, die Altezu identifizieren. Man greift ihr an die Knöchel und Beine so wie Pferdehändler einstmals Gäule beurteilten. Aber unverschämt wird niemand, dafür sorgt der Stock. Nach zwei Stunden reicht's mit dem jecken Spaß und die Alte schlurft nach Hause. Und doch kann sie sich ein Späßchen nicht verkneifen. Sie quält sich in eine Pizzeria am Edeka-Kreisel. Drin sitzen ihr bekannte Italiener, und denen stehen Angst und Schrecken auf den Gesichtern. Hat sich da etwa ein Räuber als Möhne verkleidet? Diese Frage ging ihnen durch den Kopf, wie sie später erzählen.

Der Karnevalsdienstag hat der Möhne jedenfalls Spaß gemacht, dassteht fest und vielleicht macht er ja jungen Leuten Appetit auf eine ganz besonders skurrile Freude, die man so sicherlich nur noch auf dem Möhneball erleben kann. Durch ihn habe Rhingdörp zumindest eine karnevalistische Bekanntheit erreicht, die ihresgleichen sucht, erzählt Hentges. Ganze Busse haben einstmals die Karnevals-Jecken von Solingen und Wermelskirchen, von Monheim und Wuppertal nach Rheindorf gekarrt. Seit wann es genau den Möhneball gibt, weiß keiner. Stellt man die Frage, dann antworten alle „seit einer Ewigkeit“. Und seit einer Ewigkeit heißt es um 24 Uhr: runter mit den Masken.

Seit einer Ewigkeit hält Wirt Hagen Norhausen Strohhalme bereit, mitdenen auch Maskierte trinken können. Und auch am Karnevals-Dienstagnimmt die Ewigkeit beim Möhneball im Saal Norhausen ihren Lauf, mitRock, Pop und jecken Hits, mit Schwoof und Tanz, mit Bier und Schnapsbis rein in den frühen Aschermittwoch. Und vielleicht, ja vielleicht,treiben ja auch wieder mehr Möhnen als sonst ihr witziges Unwesenauf dem Ball. Die Burgknappen jedenfalls sind überzeugt davon. Hintervorgehaltener Hand wird gemunkelt, dass der eine und die andere alsMöhne kommen wollen, – aber: „psst“, das ist noch ganz geheim!

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