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SuchtessenZur Operation mit 370 Kilogramm

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Franz Peter Ritz mit seinen Ärzten Jürgen Meyer und Markus Heiss nach der OP im Klinikum Merheim. (Bild: Bause)

Franz Peter Ritz mit seinen Ärzten Jürgen Meyer und Markus Heiss nach der OP im Klinikum Merheim. (Bild: Bause)

Kalk – Wann er das letzte Mal vor der Operation das Haus verlassen hat, weiß er gar nicht so genau. Sich mit Freunden treffen, ins Kino gehen oder einfach mal durch die Stadt bummeln, das konnte Franz Peter Ritz schon lange nicht mehr. Daran gehindert haben ihn seine 370 Kilogramm Körpergewicht. Dass ein Mensch so viel wiegen kann, übertrifft die Vorstellungskraft. Der 35-Jährige ist einer der schwersten Menschen Deutschlands und wenn er sich nicht zur OP entschlossen hätte, dann hätte er sicher nicht mehr lange gelebt.

Ritz hat eine ganze Menge versucht, um abzunehmen. Zahlreiche Diäten, durch die er letztendlich aber mehr zu- als abnahm. In der Reha war er auch, aber das war hoffnungslos. Bereits bei den kleinsten Bewegungen machte sein Körper schlapp, Ritz brach zusammen.

Rettung vor dem Tod

„Ohne den Magenbypass wäre Franz Peter Ritz gestorben“, erklärt Facharzt Jürgen Meyer vom Kölner Klinikum Merheim, der den Frührentner Ende Oktober operiert hat. „Daran besteht überhaupt kein Zweifel.“ Bei dem Magenbypass wird mit Hilfe einer Klammernaht der Großteil des Magens entfernt. An den Restmagen wird dann eine Dünndarmschlinge geklammert, mit der man den Zwölffingerdarm praktisch „umgeht“. Da die Verdauungsstrecke nun extrem gekürzt ist, werden weniger Nährstoffe aufgenommen. Dies führt zu einer verringerten Kalorienzufuhr. Der Körper muss nun automatisch auf die Fettreserven zurückgreifen.

Ritz war schon immer dick, von klein auf. Dass die Waage einmal weniger anzeigte, als am Vortag, passierte nur sehr selten. „Wenn ich mal ein paar Kilo abgenommen habe, dann habe ich das Doppelte in nur wenigen Wochen wieder drauf gehabt“, erinnert sich Ritz. „Der Jo-Jo Effekt eben.“ Gearbeitet hat er schon lange nicht mehr. Vor vielen Jahren begann er eine Ausbildung zum Maurer, aber die Firma ging pleite und der Schwergewichtige verlor seinen Ausbildungsplatz. Ritz hat immer mehr zugenommen. Die extremste Phase fing vor etwa zwei Jahren an, als der Vater des 35-Jährigen verstarb. „Das hat mich komplett aus der Bahn gerissen“, erinnert sich Ritz. „Da gab es keinen Halt mehr mit dem Essen.“ Wie viel er in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hat, weiß er nicht. „Ich hab mich ja schon lange nicht mehr gewogen. Aber warum ich so zugenommen habe, weiß ich nicht so genau. Eigentlich hab ich immer ganz normal gegessen. Zwei Brötchen zum Frühstück, 1 bis anderthalb Portionen zu Mittag, abends wieder zwei Brötchen. So viel war das gar nicht.“

Sechs bis acht Liter Cola am Tag

Erst nach einer Weile erwähnt er die drei, vier Snickers zwischendurch, die tägliche Tüte Chips und die sechs bis acht Liter Cola am Tag, ganz zu schweigen von dem zweiten und dritten Abendessen spät nachts. Sport hat der 35-Jährige nie gemacht. Weder hat ihm Bewegung Spaß gemacht, noch fiel sie ihm leicht. Und irgendwann erreicht man einen Punkt, an dem man aufgibt, an dem man alles toleriert und akzeptiert. „Da denkt man gar nicht mehr darüber nach, das ist dann irgendwie ganz normal.“ An diesem Punkt war Ritz vor langer Zeit angekommen.

Franz Peter Ritz ist krank, er ist ein chronisch Suchtkranker. „So wie jeder Alkoholiker seine tägliche Ration an Schnaps, Wein oder Bier braucht, so benötigt Herr Ritz eben das Essen“, stellt Professor Markus Heiss, Leiter der Chirurgie des Klinikums Merheim fest.

Weil Ritz mit einem Körpergewicht von 370 Kilogramm ein Sonderfall ist, hat seine Krankenkasse sofort eingewilligt die Kosten für die OP zu übernehmen. Bis zu 80 Prozent ihres Übergewichtes nehmen Betroffene dank des Magenbypasses ab. Ritz wird in einem Jahr gut 80 Kilogramm verlieren.

Krankenkasse zahlt nur selten

Laut Facharzt Jürgen Meyer übernimmt die Krankenkasse die Kosten für solche Operationen nur selten. „Jährlich stelle ich bestimmt 300 Anträge. Davon bewilligt werden gerade mal 50. Vielleicht auch weniger“, sagt Meyer. Dabei sei medizinisch bewiesen, dass adipöse Menschen suchtkrank sind. „Jeder Raucher bekommt eine neue Lunge, jeder Alkoholiker eine neue Leber. Warum soll den schwer Übergewichtigen dann nicht auch der Magenbypass finanziert werden“, fragt sich Heiss.

Richtig bewegen kann sich Franz Peter Ritz immer noch nicht und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis der 35-Jährige wieder Freunde treffen kann, ins Kino gehen oder durch die Stadt bummeln wird.

Was sich der Schwergewichtige am meisten wünscht, ist berufliche eine zweite Chance zu bekommen. „Ich möchte gerne wieder arbeiten gehen, Geld verdienen. Ein neues Leben, das ist meine Ziel“, sagt er leise. Ein normales Leben erscheint gar nicht mehr so weit weg.

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