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„Und es begann ein mörderisches Sterben“

Die Sage von Richmond Aducht in einer Darstellung aus dem 17. Jahrhundert, im Bild rechts erkennt man die Kirche St. Aposteln, im Hintergrund den Neumerkt.

Die Sage von Richmond Aducht in einer Darstellung aus dem 17. Jahrhundert, im Bild rechts erkennt man die Kirche St. Aposteln, im Hintergrund den Neumerkt.

Im 16. Jahrhundert wurde Köln mit unschöner Regelmäßigkeit von Pestepidemien heimgesucht - fast die Hälfte der Einwohner soll in den Jahren 1502 / 03 an der Seuche gestorben sein.

Der Arzt Johannes Voch, in Köln geboren, in Magdeburg wirkend, war ein sehr selbstbewusster Mann, galt aber als Sonderling. In seiner Schrift „Über die gegenwärtige Pestilenz und ihre Heilung“ verwarf er sämtliche bisher üblichen Arzneimittel, wie die Aloe-Pillen des Rufus von Ephesus, den aus Schlangenfleisch hergestellten „Theriak“ (griech. Heilmittel) des Andromachus oder den Branntwein der Alchimisten - nur sein aus deutschen Heilkräutern hergestellter „Theriak der Armen“ helfe gegen die Seuche. Voch zählt die Ingredienzen auf, Osterluzei, Kalmus, Pimpernellwurzel, Melissenblätter, Ackerscabiose und viele andere. Das Ganze gebe man in Hühnersuppe mit Wein, danach folge ein kräftiger Aderlass, und schon sei man gesund.

Voch veröffentlichte dieses Buch 1507, doch er stand noch unter dem Eindruck der schweren Pestepidemie, die Köln in den Jahren 1502 / 03 heimgesucht hatte - die Hälfte der gut 40 000 Einwohner der stolzen Reichsstadt soll damals umgekommen sein. „Im Sommer begann ein mörderisches Sterben“, notierte der Ratsherr Hilbrant Sudermann damals, „es starb alt und jung, reich und arm, es starb meine Hausfrau Neisgin, meine Schwester, Begine zu St. Margarethen, und mit ihr 37 Klosterjufferen, es starben viele zu den Augustinern und zu den Liebfrauenbrüdern.“

Vom berühmten Chronisten des 16. Jahrhunderts, Hermann von Weinsberg, stammen Beschreibungen weiterer Pestjahre: „1518 war in Köln ein schreckliches Sterben, viele Tausende Menschen starben. Als das Sterben Tag für Tag größer wurde, flohen die Leute aus der Stadt, und es war keine Nahrung mehr da.“ In den Jahren 1530, 1540 und 1554 wütete die Seuche erneut in Köln, 1555 mit so großer Schnelligkeit, dass man sie die „haestige siekte“ nannte. 1564 floh Weinsberg selbst aus der Stadt: „Von August bis Oktober sind etwa 12 000 Personen gestorben, und die Krankheit hörte nicht auf. Die Bursen waren geschlossen, alle Studenten verließen die Stadt, die vornehmsten und namhaftesten Leute griff es an - der Zustand der Stadt war sehr traurig.“ Die Ärzte waren machtlos, Flucht war die einzige Therapie - Voch hatte geschrieben: „Der Reiche kann fliehen, der Arme nicht.“

Der Erreger der Seuche war der Pestbazillus, nach seinem Entdecker Alexandre Yersin „Yersinia pestis“ genannt, der erst 1884 nachgewiesen wurde (siehe „Yersinia pestis“). Die Ärzte des Mittelalters nahmen an, dass die Fäulnis innerer Organe, hervorgerufen durch einen Überschuss feucht-warmen Blutes, den eigentlichen Pestvorgang hervorrufe - diese Fäulnis, so eine weit verbreitete Theorie, gelange aus der Luft oder über die Nahrung in den Körper. Entsprechend waren die Gegenmaßnahmen, meist versuchte man, durch Aderlass die Menge des infizierten Blutes zu verringern, die Luft in den Schlafkammern durch Feuer oder aromatischen Rauch zu „reinigen“, auch weil die Pestkranken einen unglaublich üblen Gestank verbreiteten - vergebliche Mühe, ebenso versagten die mannigfachen Arzneien kläglich.

„Der Kenntnisstand der medizinischen Wissenschaft war deprimierend gering“, stellt der Kölner Medizinhistoriker Klaus Bergdolt fest. Im Jahre 1347, beim ersten Auftreten der Pest, genügte eine kleine Menge von Pestbazillen, die kranke Ratten auf einem genuesischen Schiff nach Europa brachten, um einen ganzen Kontinent zu verseuchen - bis 1350 starben damals etwa 25 Millionen Europäer. „Es ist leichter, die Lebenden zu zählen als die Toten“, klagte man in Italien. Ein Arzt aus Avignon schrieb: „Jede Liebe war tot, jede Hoffnung ausgelöscht, weder der Vater kümmerte sich um den Sohn, noch der Sohn um den Vater, ganze Geschlechter starben ohne jede Pflege, begraben wurden sie ohne Priester. Und ich nenne das Sterben ungeheuer, weil es fast den ganzen Erdkreis erfasste.“

Köln wurde von dieser ersten großen Pestwelle im Sommer 1349 erreicht - es fand sich kein Chronist, der ausführlich über den Verlauf der Seuche berichtet hätte, zu furchtbar, zu elementar traf der „Schwarze Tod“ die Menschen. „Zo Collen war die groisse stervede van den drüysen“, notierte ein Münstereifeler Kanonikus lapidar. Wie in anderen Städten machte man in Köln die Juden für den Ausbruch der Pest verantwortlich, sie hätten die Brunnen vergiftet, wurde allerorts verkündet. Ein aufgehetzter Mob stürmte am 24. August 1349 das Getto, das sich im Bereich des Rathausplatzes befand, zündete die Häuser an, massakrierte alle Mitglieder der blühenden Gemeinde, derer man habhaft wurde. Rat und Erzbischof, denen die Gemeinde Schutzgelder zahlte, schritten nicht ein, noch Jahre stritt man indessen um den Nachlass der ermordeten Juden.

Schon die Jahre 1356 / 57, als es keine Juden mehr in der Stadt gab, brachten, wie ein Limburger Chronist schrieb, „den zweiten großen Jammer und das zweite große Sterben nach Köln“. Diese Epidemie bildet den historischen Hintergrund für die Sage von Richmod Aducht, die, offensichtlich scheintot, auf dem Pfarrfriedhof von St. Aposteln beerdigt worden war. Als nachts die Totengräber, angelockt vom Schmuck der Toten, den Leichnam fleddern wollen, erwacht Richmod zu neuem Leben und entsteigt ihrem Grab. Als sie am Haus Neumarkt 6 anklopft und sich ihrem Mann zu erkennen gibt, antwortet der voller Unglauben: „Das ist so wahr, dass Du mein Weib bist, als meine Rösser aus dem Stall hinaus auf den Söller rennen.“ Kaum gesagt, hört er das Klappern von Hufen auf der Wendeltreppe - dankbar eilt er zur Tür und schließt die wunderbar errettete Gattin in seine Arme. Auf diese Sage beziehen sich die weißen „Päädsköpp“ am Richmodhaus.

Mehr als vier Jahrhunderte wurde Köln in unterschiedlichen Zeitabständen von schweren und relativ leichten Epidemien heimgesucht - „von manchem Pestjahr“, erläutert die Historikerin Monika Frank, die sich mit der Pest in Köln beschäftigt, „wissen wir nur aus Kirchenbüchern, in denen die Toten verzeichnet sind.“ Aus dem 16. Jahrhundert, als besonders viele Opfer zu beklagen waren, sind Gebetbücher erhalten, die ausschließlich Gebete an den hl. Sebastian und den hl. Rochus enthalten, vor allem letzterer entwickelte sich zum „Pestheiligen“.

Schon lange vor der Entdeckung des Erregers zog sich die Pest allmählich aus Europa zurück - „warum ist bis heute letztlich nicht geklärt“, sagt Bergdolt, „sie wurde indessen von anderen Epidemien, wie der Cholera, abgelöst.“