Veedelsgeschichten„Greuliche Mörderei bei Junkersdorf“

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Seine Verbündeten verübten das Massaker: Ernst von Bayern, der 1583 zum Erzbischof und Kurfürsten von Köln gewählt worden war. (Bild: Archiv)

"Die Straßenschänder, Mörder und Räuber haben viele Menschen ermordet, erstochen und jämmerlich umgebracht, die Wagen geplündert, die Leute beraubt, etliche gefangen genommen, Jungfern vom Adel und gute Leute entblößt und nackt vor sich hergetrieben." Hermann von Weinsberg, der Kölner Chronist des 16. Jahrhunderts, hat in seinem "Buch des Alters" (liber senectutis) eine Tragödie aus dem Jahre 1586 überliefert, die im ganzen deutschen Reich großes Aufsehen erregte. Zwischen Junkersdorf und Melaten hatten marodierende Soldaten ein furchtbares Massaker angerichtet - "vom großen Mord bei Junkersdorf" (Jonkerstorp) hat er seinen Bericht überschrieben.

Seit drei Jahren tobte damals der "Kölnische" (oder "Truchsessische") Krieg im Rheinland. Ausgebrochen war er im Frühjahr 1583, nachdem der Kölner Erzbischof und Kurfürst Gebhard Truchsess von Waldburg, seit 1577 im Amt, bekanntgegeben hatte, er werde zum Calvinismus übertreten und eine Düsseldorfer Stiftsdame heiraten. Auf Eingebungen protestantischer Kreise wollte er jedoch nicht auf seine geistliche Würde und die eines Kurfürsten des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation verzichten - was weder vom Reichsrecht noch vom Augsburger Religionsfrieden noch vom Landrecht des kurkölnischen Staates gedeckt wurde. Im Erzstift regte sich daher Widerstand gegen Gebhard. Nicht zuletzt das Kölner Domkapitel und die Stadt Köln machten in Erklärungen deutlich, dass sie nicht gewillt seien, diesen Schritt hinzunehmen. Am 22. März 1583 setzte Papst Gregor XIII. den Kurfürsten ab, der "mit Hauptketzern verschiedener Sekten einen beständigen Umgang gehabt hat", gleichzeitig forderte er das Domkapitel auf, einen neuen Erzbischof zu wählen. Zwei Monate später fand in Köln die Wahl statt. Sämtliche Stimmen der 17 anwesenden Domherren erhielt ein Wittelsbacher, Ernst von Bayern, Bischof von Lüttich. Gebhard nahm seine Absetzung nicht hin, es kam zum offenen Krieg um das Erzstift, ein Krieg, "der großes Elend über die Länder beiderseits des Rheins" bringen sollte.

Deutz ging in Flammen auf

Einer der Verbündeten Gebhards, der Pfalzgraf Kasimir, zog starke Truppenverbände zusammen und eroberte im August 1583 die Stadt Deutz, die in Flammen aufging. Was das Feuer verschonte, ließ der Kölner Rat nach Abzug der Truchsessischen niederreißen, um zu vermeiden, dass sich feindliche Söldnerscharen in unmittelbarer Nähe der Reichsstadt einnisten konnten. Aber auch die Verbündeten des neuen Erzbischofs, darunter bayerische und spanische Truppen, taten sich durch gnadenloses Wüten hervor: Bei der Wiedereroberung von Neuss richteten die eindringenden Spanier im Juni 1586 ein Blutbad unter der Bevölkerung an, gegen 2000 Einwohner sollen sie niedergemacht und die Stadt größtenteils zerstört haben.

In Bergheim haben sich am 3. Juli 1586, einem heißen Sommertag, etwa 1000 Personen eingefunden, um - wie an jedem Donnerstag - einen Konvoi ("confau", wie Weinsberg schreibt) zu bilden, einen von Bewaffneten eskortierten Wagenzug zum Wochenmarkt nach Köln. Es sind Händler und Marktfrauen, aber auch Edelleute, Bürger aus Köln, die in ihre Stadt zurückkehren wollen, Bauern, die ihre Produkte in der Stadt verkaufen möchten, Männer, Frauen und Kinder, die sich angesichts der Unsicherheit auf den Straßen gemeinsam auf den Weg machen, auf Fuhrwerken und mit Handkarren, zu Pferd und zu Fuß. Der Konvoi gilt als sicher, er wird von einem Offizier des Herzogs von Jülich, einem Herrn von Efferen, befehligt. Der hat dafür gesorgt, dass die Fuhrwerke wie eine Wagenburg formiert wurden - die Masse der Fußgänger nahm man in die Mitte, und zur Belustigung lassen einige Spielleute ihre Pfeifen und Trommeln erklingen.

Schauderhaftes, grausames Modern

Kurz nach Mittag nähert sich der Zug dem Dorf Junkersdorf, die vielen Kirchtürme der Reichsstadt Köln sind schon in Sicht, die strenge Ordnung der Wagenburg ist längst aufgegeben. Der Herr von Efferen ist vorausgeritten - doch plötzlich scheut sein Pferd, es fallen Schüsse, Efferen rappelt sich hoch und brüllt Befehle, man solle die Wagenburg schließen. Dann ist allen klar, dass der Konvoi von Kriegsknechten angegriffen wird - von allen Seiten.

"Ein schauderhaftes, grausames Morden begann", die Angreifer sind vornehmlich Spanier unter dem Befehl des Obersten Marco di Marcio. "Reiter und erzstiftisches Fußvolk, das in Worringen und Rodenkirchen in Garnison lag, haben sich aufgemacht, um dem Konvoi aufzulauern, weil sie erfahren hatten, dass viel Geld und Gut zu erbeuten war, sie versteckten sich in Kirchen, hinter Ställen, auf Bäumen - und als sie des Konvois ansichtig wurden, griffen sie sofort an." So schildert ein weiterer Berichterstatter (in der "Polemographia Belgica", einer zeitgenössischen Chronik des Kölnischen Krieges) das Geschehen. "Von allen Seiten kamen sie angestürmt, sie schossen und stachen auf alles ein, was ihnen vor ihre Waffen kam, sie warfen Fackeln in die Wagen, die zu brennen begannen, es hob ein furchtbares Hauen und Stechen an, alle schrien durcheinander, kein Mensch wurde verschont, niemand, ob er sich wehrte oder nicht, wer er auch war, von Stand oder unedel, Mann oder Frau, Jungfrauen, Kinder, Klein oder Groß, man schoss auf sie, hieb und stach in sie ein wie in einen Heuhaufen, Jungfrauen und junge ehrsame Matronen wurden elendig geschändet, selbst schwangere Weiber haben sie nicht verschont, diese Mordgesellen, und als sie nun fast alles ermordet, plünderten sie die Erschlagenen, mussten sich die übrigen, die noch lebendig waren, nackt ausziehen oder bis aufs Hemd, und dann wurden sie gefangen weggeführt."

Die Empörung war groß

In Köln herrscht an diesem 3. Juli 1586 große Aufregung, um zwei Uhr nachmittags trifft die Nachricht vom Blutbad in der Stadt ein. Hermann von Weinsberg notiert in sein Tagebuch: "Die Bürger und viel Volk, Jung und Alt, sind aufs Feld hinter Melaten gelaufen, sie haben Wein, Bier, Konfekt mitgenommen, die Verwundeten gepflegt und die Toten gesehen, einige Verwundete wurden nach Köln gebracht, etliche zurück nach Bergheim und in ihre Dörfer. Vorerst war die Rede von 200 Toten, 100 Verwundeten, 50 Gefangenen." Unter den Opfern sind auch Nachbarn und Bekannte Weinsbergs; er schreibt, der Rat habe angeordnet, die Verwundeten, deren Zahl im Laufe des Tages immer mehr anwächst, in Herbergen, Scheunen und Ställen unterzubringen. "Allen Balbierern und Wundärzten ward befohlen, die Verwundeten zu verbinden und zu versorgen, viele fromme Leute besuchten die armen Opfer, brachten ihnen köstliche Speise und Trank."

Als sich die Nachricht verbreitet, dass es Truppen des neuen Erzbischofs waren, die das Massaker anrichteten, ist die Empörung groß, schließlich sind die Reichsstadt und Ernst von Bayern engste Verbündete. Der Kurfürst weist aber alle Vorwürfe zurück und entschuldigt sich mehrfach beim Kölner Rat, "dass solches Morden seitens seiner Garnisonen geschehen sei", "er beteuerte vor Gott dem Allmächtigen seine Unschuld". Ernst schickt Kommissare in die Reichsstadt, die die Überlebenden befragen und das Geschehen untersuchen sollen. "Und dann sind etliche Anstifter und die schlimmsten Mordbuben hingerichtet worden", schreibt ein Kriegsberichterstatter, "darunter auch ein Mohr, der dem Kurfürsten vorher lieb und teuer gewesen sein soll." Die erzstiftischen Truppen werden zu äußerster Disziplin ermahnt, jeglicher Übergriff gegen Reisende solle fortan mit dem Tod bestraft werden. Die "schauderhafte Mordgeschichte" endet mit der Bestrafung einiger Verantwortlicher, den meisten Beraubten wird aber nicht einmal ihr Eigentum wiedergegeben. Und weil das Blutbad von Junkersdorf keine kriegswichtige "Schlacht" ist, bleibt es eine weithin vergessene Episode des Kölnischen Krieges.

Neue Reihe

Mit der "greulichen Mörderei bei Junkersdorf" beginnen wir eine Reihe, in der der Historiker und "Kölner Stadt-Anzeiger"-Redakteur Carl Dietmar Geschichte und Geschichten aus den Stadtteilen, Veedeln und Vororten erzählt. Es sind Geschichten, die sich in Sichtweite des "alten" Köln abspielten, der ehemaligen Reichsstadt, die sich bis ins 19. Jahrhundert mit der mittelalterlichen Stadtmauer vom Umland abschottete. Die Serie wird sich - wie zum Auftakt - großen historischen Ereignissen zuwenden, aber auch mehr oder weniger vergessene Episoden und Legenden, Personen und Institutionen wieder aufleben lassen - "Veedelsgeschichte(n)" aus zwei Jahrtausenden.

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