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Wann dürfen Sie Du sagen?

„Du“ signalisiert soziale Nähe, Sympathie, Intimität. „Sie“ steht für soziale Distanz, Neutralität und Respekt. So weit, so gut - und auch wieder nicht: Denn wann wir wen duzen oder auch siezen, „ist extrem abhängig von der sozialen Situation und dem jeweiligen Individuum, seiner Herkunft, seinem Alter, seinem Beruf, seinem Tonfall, seiner Mimik und seiner Körpersprache“, sagt Martin Hartung, Sprachwissenschaftler beim Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Und zwar mehr als jemals zuvor: Noch nie war die Unsicherheit darüber, wann wer geduzt oder gesiezt wird, so groß.

Duzen in der Schule

Du zum Lehrer? Das war zum Beispiel jahrzehntelang undenkbar. Mittlerweile ist an vielen Gesamtschulen das Du und die Nennung beim Vornamen völlig normal, an Gymnasien dagegen immer noch eher ungewöhnlich. Arbeitskollegen sagen Du oder Sie, der Chef wird geduzt oder gesiezt, und jemand zu siezen statt zu duzen kann genauso ein Fauxpas sein wie umgekehrt.

„Bei den SPD-Ortsgenossen würde es zum Beispiel einen sehr seltsamen Eindruck machen, wenn der Neue sie mit »Sie« anspricht - wo sie sich doch alle untereinander duzen und »Genosse« sagen“, erklärt Hartung. Jede Firma, jeder Verein, jeder Beruf habe eigene Spielregeln, die der neu Hinzugekommene erst einmal kennen müsse, um nicht ins Fettnäpfchen zu treten.

Früher war das deutlich einfacher. Kinder mussten Erwachsene grundsätzlich siezen - außer den eigenen Eltern natürlich. Erwachsene duzten wiederum einander nur, wenn sie befreundet waren. Selbst unter Studenten war das „Sie“ an der Tagesordnung. Das änderte sich mit der 68er-Bewegung: Für Studenten war das Siezen Ausdruck einer bürgerlichen Gesinnung. Beim Einzug in Chefetagen und Lehrerzimmer hatte diese Generation aus Protest deshalb auch das „Du“ im Gepäck. Dass das Duzen sich mittlerweile auch in Unternehmen etabliert hat, hat nach Meinung von Sprachforscher Hartung vor allem zwei Gründe: „Zum einen ist die Gesellschaft demokratischer geworden. Das »Du« soll die bestehenden Hierarchien verschleiern. Zum anderen ist die Kindheit heute bis zum 30. Lebensjahr ausgedehnt. Mit dem »Du« wird ewige Jugend suggeriert.“

Eines hat das Institut für Deutsche Sprache allerdings in einer Untersuchung herausgefunden: Das allgegenwärtige Du in einer Firma heißt nicht, dass dort keine Hierarchie herrsche. „Es handelt sich dabei ja nur um eine grammatische Kategorie, die natürlich nicht bewirken kann, dass hierarchische Strukturen verschwinden“, sagt Hartung. „Die Diskriminierung von Frauen wird ja auch nicht dadurch aufgelöst, dass man die weibliche Form dranhängt.“ Das Du mache den Chef jedenfalls noch nicht zum Kumpel. Ob man im Betrieb „Du“ oder „Sie“ sagt, hängt wesentlich von der Unternehmenskultur ab. Pressereferent Kai Hartmann beispielsweise duzt alle seine Kollegen seit sechs Jahren. Bei seinem Arbeitgeber Ikea-Deutschland ist das wie in ganz Schweden schließlich ganz normal. „Am Anfang bin ich schon zusammengezuckt, als der Marketingchef mich geduzt hat“, sagt Hartmann. Inzwischen habe er sich daran gewöhnt.

Auch bei der Teambank in Nürnberg sagen seit Anfang des Jahres alle Angestellten „Du“ zueinander. Unumstritten war die Entscheidung nicht. „Es gab schon den ein oder anderen aus dem Vorstand, der gefragt hat: Was passiert mit meiner Autorität?“, erzählt Thomas Tjiang, Sprecher der Bank. Wehren kann man sich dagegen allerdings nicht: Musterprozesse zeigen sogar, dass niemand darauf pochen kann, in der Firma mit „Sie“ angeredet zu werden, wenn die Unternehmenskultur etwas anderes vorschreibt.

Dabei muss das „Sie“ nicht immer negativ bewertet werden: Es strahle nicht nur Distanz aus, sondern könne auch Ausdruck der Wertschätzung sein, sagt die Münchner Rhetoriktrainerin und Sprachforscherin Imme Schönfeld. „Es zeigt, dass man den persönlichen Bereich des anderen respektiert und ihm in seinen Bedürfnissen nicht zu nahe treten möchte.“ Außerdem sei es damit generell einfacher, unangenehme Dinge zu sagen, weil sie dann nicht so verletzend wirkten. „Kritik wird sachlicher und nicht so persönlich aufgenommen, wenn man per Sie ist.“ Eine Faustregel gibt es zumindest dazu, wer wem dass Du zuerst anbieten darf: Im Berufsleben ist es grundsätzlich der in der Hierarchie höher gestellte, privat immer der Ältere. Schwierig wird es dagegen, ein einmal vollzogenes „Du“ zurückzunehmen. „Das hat etwas sehr Künstliches, ist aber vorstellbar“, sagt Linguist Hartung. „Man nimmt die Nähe allerdings nur formal zurück. Trotzdem kennt man sich natürlich.“ Er selber wisse nur von einem einzigen Fall, wo Bekannte nach einem Streit vom Du wieder zum Sie wechselten.

Wem im beruflichen Umfeld ein Sie lieber als ein Du ist, solle es offen sagen, rät Rhetoriktrainerin Schönfeld. Dann müsse man dem Gegenüber aber klarmachen, dass es nichts mit ihm persönlich zu tun habe, sondern dass man selbst grundsätzlich im Berufsleben eher siezt als duzt, um die Distanz zu wahren. Kritisch wird es, wenn der Chef derjenige ist, dessen „Du“ man zurückweist. Geht das überhaupt? „Das geht schon“, sagt Hartung. Es käme - wie immer in dieser Angelegenheit - eben hauptsächlich auf den Tonfall und die Mimik an, damit er dieses „Nein zum Du“ nicht als Affront gegen sich auffasse.

Auch eine Situation, die wahrscheinlich jedem schon einmal passiert ist: Man duzt jemanden aus Versehen. „Das sollte man nicht übergehen, sondern sofort artikulieren“, empfiehlt Schönfeld, in etwa so: „Uups, das ist mir jetzt so rausgerutscht, ich wollte Ihnen aber nicht zu nahe treten, wir können gerne beim »Sie« bleiben.“

Das »Hamburger Du«

Und wenn man nicht mehr weiß, ob man sich geduzt oder gesiezt hat? Hartung kennt das selbst von Tagungen, wo er Kollegen trifft, die er sonst nur einmal im Jahr sieht. Eine typische Reaktion: Man versucht, die direkte Ansprache zu umgehen, benutzt etwa komplizierte Passivkonstruktionen oder die „Wir“-Form - was nicht sehr elegant wirkt. Besser ist: Entweder man wartet ab, ob vielleicht der betreffende Kollege auf dem aktuellen Anrede-Stand ist - oder man tritt auch hier die Flucht nach vorn an und spricht das Problem offen an.

Es gibt auch spezielle Varianten: Vorname plus „Sie“ wird zum Beispiel in der Schule gern verwendet - allerdings nur, wenn der Lehrer die Oberstufenschüler anredet. Ein Versuch von Schülerseite empfiehlt sich eher nicht. Im Supermarkt dagegen ruft die eine Kassierin der anderen häufig freundlich zu: „Frau Meier, kannst du mal wechseln?“ „Diese förmliche Anrede wählt sie wahrscheinlich, um Intimitäten wie den Vornamen nicht preiszugeben“, sagt Hartung. „Hamburger Du“ heißt das im Fachjargon.

Da haben es die Engländer doch viel besser: Im angelsächsischen Sprachraum muss niemand lang überlegen, ob ein lässiges „Du“ oder ein förmliches „Sie“ angebracht ist. „You“ passt immer.

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