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Wo der Erzbischof sich aus dem Staub gemacht hat

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Stadtführerin Cornelia Geiger an ihrem Lieblingsplatz in der Dom-Tiefgarage.

Stadtführerin Cornelia Geiger an ihrem Lieblingsplatz in der Dom-Tiefgarage.

Kölner Stadtführerinnen und Stadtführer zeigen uns ihre Lieblingsorte.

Zwei Jahrzehnte nach seinem Amtsantritt war der Kölner Erzbischof Anno II. endgültig mit seinen aufmüpfigen Schäfchen über Kreuz. Der arrogante Schwabe hatte die Stadt von Beginn an wie ein absolutistischer Herrscher regiert und sich sogar mit den selbstbewussten Kaufleuten angelegt. Schließlich kochte der Volkszorn über: Aufständische stürmten den Palast des Kirchenfürsten. Der konnte sich gerade noch in den Dom und von dort bis zum Haus eines Stiftsherrn retten, das in der Trankgasse unmittelbar an der alten römischen Stadtmauer stand. Von hier aus führte ein unterirdischer Fluchtstollen auf die andere Seite des steinernen Bollwerks, der Erzbischof konnte heimlich entkommen.

Das geschah im Jahr 1074 - „so jedenfalls will es die Legende“, sagt Cornelia Geiger. Und wer der Stadtführerin bis zu ihrem Lieblingsplatz folgt, mag allzu gern dran glauben. In der modernen Dom-Tiefgarage nämlich findet sich das passende Fluchtloch zur alten Mär. Neben Überbleibseln des antiken Römerwalls ist hier ein angemauerter Schacht zu sehen, der erst im Mittelalter hinzugefügt wurde - ob Anno allerdings genau diesen Stollen genutzt hat, verschwimmt im Dunkel der Geschichte. „Während der Bauarbeitenfür die Großgarage in den 70er Jahren stieß man auf die Funde“, erklärt die 25-Jährige, „sie wurden in die Beton-Architektur integriert.“

Weder Mief noch Motorenlärm im Autokeller können Cornelia Gei ger davon abhalten, die Werbetrom mel für ihre versteckten Lieblings- Schätze zu rühren. Zeigen die doch an ungewöhnlichem Ort, wie sehr das kölsche Erdreich es in sich hat. Und das findet die Studentin der Kunstgeschichte, die bei ihren Füh rungen zur Abendstunde „Sagen haftes“ aus Köln erzählt, faszinie rend. „Schon im Mittelalter war ein großer Bereich der Römerstadt im Boden verschwunden“, erzählt sie, „inzwischen leben wir auch auf dem Bodensatz des Mittelalters.“

Wer im unteren Geschoss der Tiefgarage steht, hat sich jedoch so weit unter Tage begeben, dass die ausgegrabene Mauer ihn überragt. Auch der Einstieg zu Annos Stollen liegt aus dieser Perspektive unbequem weit oben. Dennoch muss der Erzbischof hineingekommen und dann nach Neuss geflohen sein. Denn dort scharte er kampfbereite Mannen um sich, kehrte nur vier Tage später nach Köln zurück und zwang die Aufständischen zur Kapitulation. Den Rädelsführer ließ er zur Strafe blenden.

„Die Revolte nahm Anno den Kölnern sehr übel, schließlich glaubte er, viel für die Stadt getan zu haben“, sagt Cornelia Geiger. Er stiftete Kirchen und wurde im Jahr 1183 sogar heilig gesprochen. Wie ein Englein verhielt der hohe Geistliche sich jedoch Zeit seines Lebens nicht; die Auseinandersetzungen des Jahres 1074 hatte er geradezu provoziert: Nachdem er über die Ostertage den Bischof von Münster als Gast empfangen hatte, ließ er für dessen Rückreise auf dem Rhein ein bereits befrachtetes Kaufmannsschiff beschlagnahmen. Die Ware flog über Bord. Kein Wunder, dass die Kölner diesen kirchlichen Willkürakt nicht mit christlicher Demut hinnehmen wollten . . .

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