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Bei Dortmund 55 Nächte auf der A1 – Autofahrer kriegen von Baustelle nichts mit

Stephan Böcker (links) mit seinem Kollegen bei der Nachtarbeit auf der Autobahn 1

Stephan Böcker (links) mit seinem Kollegen bei der Nachtarbeit auf der Autobahn 1

Dortmund – Teppichboden geht auch nicht schneller. Nur dass bei Teppichboden keiner auf die Idee käme, den Verleger bei der Arbeit anzupöbeln, während der auf Knien durch die Wohnung rutscht.

Beweg’ Dich, Penner. Mach’ voran. Steh’ nicht rum, fauler Sack. „Da musst Du drüberstehen“, schreit Stephan Böcker (31) und malocht weiter. Das muss er sich häufig anhören. Am Tag, wenn sich der Stau an der Baustelle vorbei quält.

Diesmal ist es Nacht. Böckers Teppichmesser ist ein Presslufthammer, dazu kommen ein Riesenstaubsauger, der die letzten Alt-Krümel auffrisst, und eine Walze, mit der er die neue Asphaltbahn auf der A 1 so glätten wird, dass es am Donnerstagmorgen für die Autofahrer der linken Spur und 700 Metern zwischen der Rastanlage Lichtendorf und dem Westhofener Kreuz nichts mehr zu meckern gibt. „Was das Schöne an meinem Beruf ist? Dass ich gutes Geld verdiene“, brüllt Straßenbauer Boecker dem Verkehr entgegen.

Freitagmorgen werden es weitere 700 Meter sein. Und Samstag. Und Sonntag. Und immer so weiter. 55 verdammte Nächte lang. Bis die 7,14 Kilometer, drei Spuren Richtung Köln, und die 7,14 Kilometer, drei Spuren, Richtung Bremen den neuen Belag tragen, der zwar Flüsterasphalt heißt, den die Bauarbeiter aber alle nur Opa nennen.

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Offenporiger Asphalt, ein Teppichboden mit winzig kleinen Löchern, die Schall schlucken und Wasser aufnehmen. Könnte man die Autobahn sperren und in einem Rutsch arbeiten, wäre das an zwei Wochenenden erledigt. Aber die A 1 kann man nicht sperren ohne ein Verkehrschaos rund um Dortmund auszulösen.

Diese Baustelle ist ein Traum. Für jeden Autofahrer, weil er sie gar nicht mitkriegt. Es sei denn, er ist nachts unterwegs. „Tagsüber darf man nicht merken, dass hier nachts eine Baustelle war. „Dann haben wir alles richtig gemacht.“ Heike Gerlach, Abteilungsleiterin Straßenbau von der Autobahn-Niederlassung Hamm, steht auf dem Parkplatz der Rastanlage Lichtendorf-Nord. Es ist 21 Uhr, der Zeitplan steht, kleine Abweichungen noch möglich. Nur Ausreißer kann sie sich nicht leisten.

Um 20 Uhr haben Straßenwärter die ersten Sicherungen eingefahren, die erste Fahrspur eingezogen, eine Stunde später folgt die zweite. Jetzt rollt der Verkehr einspurig Richtung Köln. Die Uhr tickt. Stephan Boecker und seine Kollegen müssen eine vier Zentimeter dicke Schicht von der Fahrbahn abfräsen, den Untergrund mit der Kehrmaschine penibel reinigen. Bevor gegen halb zwölf das Gerät zum Einsatz kommt, auf das hier alle so stolz sind.

Ein Spray-Jet, mehr als 300 000 Euro teuer, der in einem Arbeitsgang erst den Kleber und danach den neuen Asphalt aufträgt. Um zwei Uhr nachts ist dieser Job erledigt, danach muss das Fahrbahn-Stück noch vier Stunden auskühlen. Auf der Fräsmaschine thront der General. Jens General (31), ein schweigsamer Typ, fasziniert von Großbaumaschinen. „Du musst immer hundert Prozent geben, wenn Du mit so einer Maschine unterwegs bist. Da kann man viel Schaden anrichten, auf Brücken zum Beispiel.“

In Nordrhein-Westfalen ist eine Baustelle dieser Größe noch nie nachts nach dieser Methode abgewickelt worden. „Wir mussten das probieren, weil wir keine andere Wahl hatten.“ Im Autobahn-Sprengel von Heike Gerlach wird an vielen Stellen gebaut. „Als einzige Ausweichroute wäre uns die A 2 geblieben. Doch da wird die Fahrbahn im Bereich des Kamener Kreuzes von Grund auf saniert.“

Deshalb die Salami-Taktik. Ein paar hundert Meter jede Nacht und am frühen Morgen alles wieder abräumen. Bis Ende August alles fertig ist. 170 000 Quadratmeter, das sind rund 24 Fußballfelder. „Zur Hauptreisezeit in den Sommerferien werden wir an den Wochenenden aussetzen.“ Und bei Dauerregen. Weil Opa den nicht verträgt, der Kleber dann nicht haftet. „Man braucht trockenes Wetter und Temperaturen über zehn Grad, damit dieser Haftverbund da ist.“

Haftverbund. Das klingt nach Kukident und dritten Zähnen, ist aber eminent wichtig. Stefan Wolf (39), Service-Techniker der Firma Vögele, die hoch spezialisierte Baufahrzeuge wie den Spray-Jet entwickelt hat. „Mit der Maschine habe ich vergangene Woche in Wuppertal eingebaut. 4,4 Kilometer. Ich musste nur dreimal nachtanken.“ Kleber und Asphalt natürlich. Der Sprit reicht länger. Wolf lehnt lässig an der Leitplanke und ist so begeistert von „unserem Vorführgerät“, dass sich selbst Technikmuffel der Faszination kaum entziehen können. „Wenn der Service immer gemacht wird, hält die locker zehn bis zwölf Jahre.“

Stephan Böcker macht sich bereit. Es ist Mitternacht. Jetzt kommt die Walze dran. Opa, gerade frisch verlegt und verklebt, muss überrollt werden. Am liebsten würde er immer nachts arbeiten, sagt Böcker. Weil er dann tagsüber mehr Zeit hat. Für seine kleine Tochter. Die ist gerade zwei Jahre alt und liebt ihren Papa abgöttisch. Viel mehr, als der Opa jemals lieben kann.

60 Großbaustellen

Auf dem Kölner Autobahnring wird es eng. Insgesamt stehen im rheinischen Autobahnnetz vor dem Neubau der Leverkusener Autobahnbrücke, geplant ab Juli 2017, rund 60 Großbaustellen an. Ziel ist, dass es während des Neubaus wenig andere Baustellen gibt. Das gilt für den Ausbau der A 3 zwischen Leverkusen und Mülheim, für die Sanierung der A542 zwischen Monheim und Langenfeld, die bis 2017 dauern wird, sowie für den Ausbau der Kreuze Köln-Nord, West und Süd.

Aktuell wird die A 3 ab Samstag, 18 Uhr, bis Sonntag, 22 Uhr, zwischen Mülheim und Leverkusen gesperrt.

Alle Baustellen auf den NRW-Autobahnen sind im Internet einsehbar:

www.verkehr.nrw.de